Die in Wien und Basel ausgebildete Kunsthistorikerin schreibt seit 2000 für die „Presse“. Seit 2023 leitet sie gemeinsam mit Karl Gaulhofer das Feuilleton. Ein Buch hat sie auch geschrieben: „Lust und Tabu“, 2013, im Metroverlag.
Zürich: Maria Lassnig trifft Edvard Munch Die wahrscheinlich wichtigste Ausstellung von Maria Lassnig seit ihrem Tod wird nicht nach Wien kommen. Wien wird wohl zu ihr kommen müssen.
Sie begann in der Hamburger Kunsthalle, wo sie rund 120.000 Besucher anlockte, ein großer Erfolg, und geht jetzt im Herbst weiter ins Kunsthaus Zürich: Es ist das Doppel mit Edvard Munch , den die österreichische Malerin seit ihrer Studienzeit in Wien verehrte.
„Ja, der Munch, das war, das ist mein Liebling gewesen, trotzdem“, gestand sie einmal. Trotzdem? Also auch wenn der farbverliebten Kärntnerin die „nordischen“ Maler ansonsten zu „Schwarzweiß“ gemalt haben. Der Munch aber war anders, dessen Umgang mit Farbe interessierte sie außerordentlich, wie er locker den Pinsel führte, wie er manchmal die rohe Leinwand vorscheinen ließ, erklärt uns die Zürcher Kuratorin der Schau, Sandra Gianfreda.
Mit Munch setzte Lassnig sich, wie mit van Gogh und mit Velazquez, sogar in eine direkte Reihe, in eine „Traditionskette“, wie sie das Bild von 1983 nannte, das sie selbst kniend vor den Denkmälern ihrer drei Vorgänger zeigt. Auch dieses Schlüsselbild ist, selbstverständlich, Teil der 180 Werke umfassenden Ausstellung, die von insgesamt drei Kuratoren zusammengetragen wurde. Ist der Name Maria Lassnig in der Schweiz aber überhaupt geläufig, fragen wir Gianfreda?
„Man muss sie schon erklären“, merkte die Kuratorin bei den Vorbereitungen. „Viele werden Lassnig erst über Munch kennenlernen. Aber andererseits werden die, die Munch bereits kennen, diesen ebenfalls neu, nämlich mit Lassnigs Augen wahrnehmen. So profitieren beide voneinander.
“ 13 thematische Kapitel machen erstaunlich viele Parallelen zwischen den beiden deutlich, das „Innere Sehen“, die Darstellung des „Kreislaufs des Lebens“, „Das Tier als Spiegel“, die vielen Selbst- und Doppelporträts. Der eklatanteste Unterschied zwischen den beiden für Gianfreda? Dass wir manche Malerei Lassnigs als abstrakt empfinden würden , während Munch immer figurativ blieb. Und: „Lassnig hatte Humor und Selbstironie, das würde ich Munch jetzt nicht zuschreiben.
“ Kunsthaus Zürich, „Maria Lassnig und Edvard Munch, Malfluss=Lebensfluss“, 2. Oktober bis 21. Februar 2027Sie ist die faszinierendste Frauenfigur des Katholizismus, Maria Magdalena, Heilige und Hure in einem. Das Städel Museum in Frankfurt widmet ihr jetzt eine große Themenausstellung quer durch 1000 Jahre Kunstgeschichte.
„Mein Kollege Stefan Roller und ich arbeiten seit drei Jahren an dieser Ausstellung“, erzählt Bastian Eclercy der „Presse am Sonntag“. „Diese Figur, die uns lange schon fasziniert, zu entblättern, ihren biblischen Kern herauszuschälen und die Schichten zu zeigen, die über die Jahrhunderte um diese Figur gebaut wurden, war unser Ziel.
“ In gewisser Weise sei Maria Magdalena nämlich eine Kunstfigur: Um 600 nach Christi hat Papst Gregor der Große sie mit anderen biblischen Figuren verschmolzen, der namenlosen Sünderin etwa, die Christus die Füße wäscht, die „wahrscheinlich eine ganz andere Person“ gewesen ist. Oder Maria von Bethanien aus dem Johannesevangelium, die bei einem anderen Gastmahl, dem des Lazarus, ebenfalls eine Fußwaschung vornahm.
„Aus drei Figuren wurde so eine. “ Durch Maria Magdalena kam so auch „die Idee der Sünderin in die Welt, die sich hartnäckig bis heute hält“. In einem dritten Schritt, so Eclercy, bei dem dann noch die außerbiblischen Legenden einbezogen wurden, dichtete man sozusagen eine zweite Lebenshälfte noch dazu: die der Eremitin und Büßerin, aus der später sogar noch die Heilige wurde. All diese Facetten und Widersprüche sind in die Darstellungen der Kunst eingegangen.
Begonnen aber wird die Ausstellung mit der Sicht der Gegenwart auf Maria Magdalena, die stark von einer feministischen Sichtweise in Kunst und Theologie geprägt ist: Die südafrikanische Malerin Marlene Dumas etwa widmete ihr einen ganzen Zyklus, in der sie nackt, aber enterotisiert sowie als „Woman of Colour“ dargestellt ist. Kiki Smith zeigt sie als Bronzefigur mit gesprengter Fessel am Fuß.
Und die junge spanische Künstlerin Nieves González stellt sie als moderne junge Frau im roten Daunenmantel da, die abschätzig auf uns herunterblickt, den Totenkopf in matching Rot liebevoll zwischen den Händen haltendBei David La Chapelle schlüpft sogar Kim Kardashian in ihre Pose. Der Bogen ist ein weiter zum ältesten Werk der Schau, einer Elfenbeinschnitzerei um 1100 aus Salerno.
Amsterdam: Yayoi Kusama und Whistler Gleich zwei zugkräftige Ausstellungen sind im Herbst in Amsterdam vereint: Nur ein paar Wochen nach ihrem Tod mit 97 Jahren eröffnete im September im Stedelijk Museum die große, durch Europa tourende Retrospektive auf die Japanerin Yayoi Kusama, samt immersiver Spiegelräume, samt riesiger Kürbisse und grellen Blumen, alles obsessiv mit Punkten übersät, wie sie die Welt in ihren Halluzinationen eben seit ihrer Kindheit wahrnahm. Dass eine Art-Brut-Künstlerin eigentlich zur populärsten Künstlerin der Gegenwart wurde, ist eine Überlegung wert.
Die Zuschreibung populär könnte man dem Maler James McNeill Whistler nicht vorwerfen, jedenfalls nicht zu Lebzeiten. Der Amerikaner, der in Paris und London lebte, war vor allem in seiner Jugend einer der umstrittensten und jedenfalls streitbarsten Künstler des späten Historismus und Symbolismus. Als einer der ersten Künstler klagte er in einem legendären Prozess sogar einen Kritiker, John Ruskin, auf Verleumdung. Hatte dieser doch behauptet, dass Whistlers Bilder aussähen, als hätte man einen Kübel Farbe ins Gesicht geschüttet bekommen.
Gustav Klimt, ein enger Freund und Mitstreiter Whistlers, konnte in dieses Klagelied über Medienkampagnen gegen die eigene Kunst wohl nur allzu gut einstimmen. Auch die exzentrische Selbstdarstellung der beiden, Klimt als Maler-Priester, Whistler als Dandy, verband sie.
Doch bei der Retrospektive in Amsterdam mit Hauptwerken wie dem Porträt der Mutter des Künstlers und der „Symphonie in Weiß“ geht es naturgemäß weniger um Whistlers Wiener Bezüge, als um seine Liebe zu den Niederlanden, die er als Land der Künstler sah, Er verehrte Rembrandt und besuchte das Land über zehn Mal. Beim letzten Mal auch die Mesdag Collection in Den Haag, wo die Whistler-Ausstellung weiter geführt wird.
Van Gogh Museum Amsterdam und Mesdag Collection Den Haag, Whistler, Dandy and Disruptor, 16. Oktober bis 10. Jänner 2027. Er gilt als der größte „Trickster“ der Gegenwartskunst und das nicht erst, seit seine Banane, die er mit Klebeband an die Wand fixierte, um fünf Millionen Euro versteigert wurde.
Übrigens ein Selbstporträt namens „Comedian“. In der Neuen Nationalgalerie scheint Maurizio Cattelan sein Humor aber verlassen zu haben, die deutschen Themen, die bisher sein Werk durchzogen, können in dieser kirchenartigen Konzentration ihrer deutschen Schwere, Achtung Klischee, nicht mehr entkommen. Trotzdem ist es ein Erlebnis, vom Eintreten unter dem blechtrommelnden Buben am Dach, über die tausenden präparierten Tauben, die überall im Gebälk hocken, der Heilige Ungeist, bis zum knienden kindlichen Hitler, einer von Cattelans bekanntesten Arbeiten.
Paris: Zurbarán, der moderne Barocke Für einen Barockmaler ist Francisco de Zurbarán ein Erlebnis für unsere heutigen Augen: Wenig ist hier das, was wir üblicherweise als barock klassifizieren, also üppig, überquellend, dramatisch, nirgends niedliche Putti oder lüsternes Fleisch. Im Gegenteil: Eine Malerei wie ein Schweigekloster ist hier angesagt. Seine Motive reduzierte er meist aufs Wesentliche, die Hintergründe sind oft monochrom, abstrakt, die Figuren zeichnet eine melancholische Einsamkeit und asketische Strenge aus, als „Maler der Mönche“ wurde er auch bezeichnet.
Kein Wunder, dass Zurbarán von Manet und Picasso bewundert wurde. Der Louvre zeigt diesen Herbst eine große Retrospektive auf ihn mit 50 Werken, die in der National Gallery in London begann und im Art Institute in Chicago enden wird. Der Fokus in Paris wird auf den Monumentalgemälden des Spaniers liegen, die von andalusischen Klöstern beauftragt wurden.
Aber auch die besonders stillen Stillleben wie das berühmte Agnus Dei, das Opferlamm, das äußerlich doch so gar nichts Göttliches zu haben scheintsind natürlich vertreten. Ein spezieller Platz ist auch Zurbaráns Sohn Juan vorbehalten, der hochbegabt mit 29 Jahren von der Pest dahingerafft worden ist. Es ist ja nicht so, dass in diesen Jahren noch viele neue Kunstmuseen eröffnet werden. Brüssel aber leistet sich ein solches, hat es an einem markanten Museum für moderne und zeitgenössische Kunst hier doch gefehlt.
Am 28. November aber ist es soweit, da eröffnet in einem ehemaligen Industriebau, 1934 errichtet als Citroën-Garagenkomplex am Saincteletteplein, auf 40.000 Quadratmeter ein ganzer Parcours an Ausstellungen. Zehn an der Zahl sind es gleich, daneben gibt es Raum für Gastronomie, Theater, Tanz, Kino und sonstige Live-Kultur. Der Name Kanal ist etwas irreführend, bezeichnet er doch nur die Lage, nicht den Inhalt.
Der Beiname „Centre Pompidou“, mit dem man kooperiert, bringt einen aber auf den richtigen Weg. Nur zehn gesicherte Porträts sind vom „Erfinder der Ölmalerei“ – Künstler-Biograf Giorgio Vasari übertrieb mal wieder, aber bedeutungsperspektivisch stimmt es dennoch – erhalten: eines vom Goldschmied Jan de Leeuw etwa, eines der Gattin Margarethe, das dadurch das erste Porträt einer nicht aus der Hocharistokratie stammenden Frau der Geschichte wurde, oder eines, das berühmteste, das ein frisch verheiratetes Kaufmannspaar zeigt, die raffinierte „Arnolfini Hochzeit“ aus der Sammlung der National Gallery London.
Diese wird nun erstmals alle diese konkreten Menschenbilder Jan van Eycks , die in etwa die Hälfte des über die Jahrunderte schwer dezimierten Gesamtwerks ausmachen,Zu Besuch kommt auch ein Gast aus Wien: Das Porträt eines alten Mannes aus dem Kunsthistorischen Museum , von dem man lange glaubte, es zeige Kardinal Niccolò Albergati. In London wird das Fragezeichen seiner Identität zwar nicht final beantwortet, aber es kommt zu einem denkwürdigen, vor allem sehr raren Zusammentreffen: Erst zum zweiten Mal kann man es neben seiner Vorzeichnung bewundern, die sonst im Dresdner Kupferstich-Kabinett aufbewahrt wird.
Die Silberstiftzeichnungen, bei der die Nase noch um einen Hauch derber ist, ist nicht nur die einzige Zeichnung des flämischen Meisters, die überdauert hat. Es ist auch die einzige erhaltene Vorzeichnung, die direkt einem mittelalterlichen Porträt des Spätmittelalters zuzuordnen ist. Alles in allem also: Ein kunsthistorischer Leckerbissen. Und wenn man schon mal in London ist: In der Tate Modern laufen noch bis Anfang Jänner Frida Kahlo und Ana Mendieta.
Basel: Zumthor-Zubau bei Beyeler eröffnet Zwischen die alten Bäume im Garten der Fondation Beyeler hat Peter Zumthor, selbst Baseler, seinen Zubau für die private Kunstsammlung gesetzt, daher kam es zu einem seltsamen, verzogenen Y-Grundriss. Ein schöner Gedanke.
Auch ist es nicht nur eine neue Baumasse, die den schlichten Renzo-Piano-Urbau um die erwünschte Mehrfläche ergänzt, sondern es sind gleich drei Bauten, mit denen Zumthor die Funktionen eines Museums in ihre Einzelteile zerlegte: Ein Bürotrakt, ein Pavillon für Veranstaltungen und eben der Ausstellungstrakt mit dem verrückten Grundriss. Der Architekt hatte eine besondere Freude daran, erzählt er, ist er doch selbst Baseler.
Diesen Herbst wird die Erweiterung also mit der Gruppenausstellung „Constellations“ eröffnet, die über 200 Werke nicht nur aus der Sammlung des ehemaligen Kunsthändlers Ernst Beyelers enthält, sondern auch, das ist neu, von anderen, „befreundeten“ Privatsammlungen, wie es heißt. Ab 18. Oktober folgt die Sonderausstellung mit den poetischen Drahtskulpturen der US-japanischen Künstlerin Ruth Asawa. Die Fondation Beyeler wurde von Peter Zumthor erweitert.
Jan van Eyck, Margaret, die Frau des Malers, 1439. Municipal Museums Bruges, GroeningemuseumZurbaráns „Agnus Dei“, 1635–1640, aus dem Prado. Maria Lassnig Stiftung / 2026, ProLitteris, Zurich Eintauchen in die gepunktete Welt der Yayoi Kusama: „The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe“, 2025.
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