Zidane übernimmt Frankreich: Der nächste Akt von Zizou

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Zinédine Zidane ist zurück – als Frankreichs neuer Teamchef. Doch mit dem Amt beginnt nicht einfach ein neuer Job: Ein Blick auf Aura und Charisma eines Mannes, dessen Mythos bis heute wirkt.

Zinédine Zidane ist zurück – als Frankreichs neuer Teamchef. Doch mit dem Amt beginnt nicht einfach ein neuer Job: Ein Blick auf Aura und Charisma eines Mannes, dessen Mythos bis heute wirkt.

Clairefontaine-en-Yvelines, kurz vor 18 Uhr, ein Montag: Zinédine Zidane betritt den Rasen im französischen Trainingszentrum. Wobei: Der Begriff Trainingszentrum wird dem Ambiente nicht annähernd gerecht, das Hauptgebäude der Anlage, malerisch umgeben von Wäldern und einem parc naturel, war einst ein herrschaftlicher Landsitz, Frankreichs Nationalspieler nennen es nur „le Château“.

Fußballgeschichte ist hier, rund 50 Kilometer südwestlich von Paris, allerorts zu spüren, alleine schon, weil die französische Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 1998 hier wohnte und am Ende auch den umjubelten Heimtriumph feierte. Zidane, mittlerweile 54 Jahre alt, ist jetzt der Hausherr im Schloss der „Les Bleus“. Unter der warmen Septembersonne gibt er auf dem Trainingsplatz die Anweisungen – und lässt es sich irgendwann auch nicht nehmen, den Ball wieder für sich sprechen zu lassen.

„Es ist wie in einem Film. Aber es ist großartig, es ist real“, sollte Kapitän Kylian Mbappé danach zu den Pässen, Vorlagen und Torschüssen seines neuen Teamchefs sagen. Der Trainer also spielte, die Stars schauten zu. Charisma kann sich auf ganz unterschiedliche Weise entfalten und muss dabei keineswegs laut sein.

Als Spieler faszinierte Zidane dank seiner Ruhe, seiner Eleganz und dem Gefühl, dass der Ball bei ihm für einen Moment anderen Gesetzen folgt. Nun, als neuer und lang herbeigesehnter „le sélectionneur“ von Frankreichs Nationalmannschaft, hat er von dieser Ausstrahlung nichts eingebüßt, im Gegenteil: Der wache Blick, mit dem er sein Gegenüber fixiert, die leise und zugleich einnehmende Stimme, der elegante, aber zurückhaltende Kleidungsstil – all das hebt seine Strahlkraft noch einmal auf eine andere Ebene.

Dazu sagt Zidane Dinge wie: „Was mich inspiriert, ist das Spiel. Ich möchte diese Spieler und diese Mannschaft spielen sehen.

“Am Freitagabend ist sein Einstand als Nationalcoach fürs Erste erfolgreich verlaufen, Frankreich gewann dank eines Treffers von Mbappé den Auftakt der Nations League in der Türkei mit 1:0. Die Grande Nation aber fiebert Zidanes Heimdebüt am Freitag im Stade de France in Paris gegen Italien entgegen . Die Erwartungen sind riesig. Spanien mag der amtierende Welt- und Europameister sein,– und weiß nun eine nationale Ikone an dessen Spitze.

„Die Rückkehr des Königs“, titelte „L’Équipe“, als Zidane im Sommer endlich das Amt des Teamchefs übernommen hat. Der Sohn algerischer Einwanderer, aufgewachsen in einer Sozialwohnsiedlung im Norden von Marseille, hatte die Équipe tricolore 1998 zum Titel bei der Heim-WM und zwei Jahre später zum Titel bei der Europameisterschaft geführt.

„Ich habe eine große Verbundenheit mit dieser Mannschaft“, erklärte Zidane. Zweimal traf er im Finale 1998 beim 3:0-Sieg über Brasilien.

„Es war das Beste, was mir je passiert ist – mit meinen Freunden zu gewinnen. “ Sein Gesicht wurde damals auf den Arc de Triomphe projiziert, Millionen Franzosen skandierten „Zizou Président“. Kurz hatte es danach ausgesehen, als könne Frankreich die Idee eines geeinten, vielfältigen Landes verwirklichen, ehe die Banlieues dann doch zu brennen begannen.als er früh im Spiel im Panenka-Stil einen Elfmeter verwandelte, aber in der Verlängerung nach seinem Kopfstoß gegen Italiens Marco Materazzi die Rote Karte sah.

Gerade weil man Zidane so sehr mit Ruhe und Eleganz verbunden hatte, wirkten seine Ausraster umso stärker. Doch sie beschädigten den Mythos nicht, sondern wurden Teil seiner Geschichte. Zidanes bisherige Trainerkarriere glich einem Triumphzug. Bei Real Madrid gewann er als einziger Trainer drei Mal hintereinander die Champions League und wurde als Welttrainer des Jahres ausgezeichnet.

Als er später noch einmal zu den „Königlichen“ zurückkehrte, gewann er wieder die spanische Meisterschaft . »Zidane ist Zidane. Er ist eine Legende, er ist Zizou national. Er steht für Eleganz und Größe.

Er ist vielleicht der Spieler, der die französische Nationalmannschaft am stärksten verkörpert.

«In den vergangenen fünf Jahren lebte Zidane weitgehend unbehelligt von der Öffentlichkeit. Er verbrachte viel Zeit mit seiner Familie und beschränkte öffentliche Auftritte im Wesentlichen auf Benefizspiele und seine Tätigkeit als Markenbotschafter für Unternehmen, mit denen er zusammenarbeitet. Er lebte weiterhin in Madrid und ist inzwischen auch Großvater. Seit Jahren war spekuliert worden, wann er denn endlich das französische Nationalteam übernehmen würde.

Bei der Fußball-WM 2026 in Nordamerika verfolgte Zidane auf der Tribüne noch den WM-Auftakt seines Sohnes Luca, der für Algerien das Tor hütet, und das Finale in New York – aber kein einziges Spiel der Franzosen. Ein Zeichen des Respekts gegenüber Didier Deschamps, seinem Vorgänger als französischer Teamchef und einstigen Teamkollegen. In Clairefontaine erzählte Zidane nun: „Für mich ist es einfach die Fortsetzung eines Traums.

Ich hatte in diesen vier oder fünf Jahren, in denen ich pausiert habe, Angebote, einen Klub zu übernehmen, und ich habe sie alle für die französische Nationalmannschaft abgelehnt. Weil die französische Nationalmannschaft war das Einzige, das ich in meiner Karriere nach meiner Zeit bei Real Madrid machen wollte. Das wusste ich schon lange. Ich habe klein angefangen, habe alle Etappen durchlaufen, bis ich das A-Nationalteam erreicht habe, was der absolute Höhepunkt ist, dafür gibt es keine anderen Worte.

Jetzt habe ich die Möglichkeit, Trainer dieser Mannschaft zu sein. Ich werde alles dafür tun, dass sie gewinnt.

“ Und: „Ich habe fünf Jahre auf diese Chance gewartet, deshalb bin ich ein bisschen emotional. “Deschamps, ebenfalls einst prägende Figur im Weltmeisterteam von 1998, mag oft kritisiert worden sein für die allzu defensive Spielweise, die er als Teamchef dem französischen Starensemble verpasst hatte. Gerade mit Blick auf das geballte Offensivpotenzial zuletzt von Kylian Mbappé, Michael Olise, Ousmane Dembélé und Désiré Doué.

Doch er hinterließ Zidane ein ausgezeichnetes Fundament, formte fast eineinhalb Jahrzehnte lang eine Mannschaft und führte diese zum WM-Titel 2018 und ins WM-Finale 2022. Zidane muss keinen Umbruch einleiten, er hat jede Menge Superstars zur Auswahl, und alle noch dazu in einem Alter mit der Perspektive für zwei oder drei große Turniere. Bei der WM im Sommer scheiterte Frankreich im Halbfinale an den derzeit dominierenden Spaniern .

Zidane soll nun jene Justierungen vornehmen, die dieser hochbegabten französischen Mannschaft wieder mehr Freiheiten auf dem Platz erlauben.

„Ich habe früher als Nummer zehn gespielt – was mich antreibt, ist das Toreschießen“, stellte er klar. Und niemand zweifelt daran, dass Zidane aus dieser Ansammlung herausragender Einzelspieler eine funktionierende Einheit formen kann – schon sein Erfolg bei Real Madrid beruhte schließlich darauf, individuelle Klasse zu einer Mannschaft zu verbinden.

„Auf dem Platz war ich ein geborener Anführer“, erklärte der neue Teamchef. „Heute werde ich durch meine Erfahrung zu einem Anführer. “Schon jetzt hat Zidane einige der prägendsten Kapitel der Fußballgeschichte geschrieben. In Frankreich ist er längst eine Symbolfigur, tief im kollektiven Bewusstsein des Landes verankert und mit einer Bedeutung, die weit über die Fußballstadien hinausreicht.

Nun kann er von der Seitenlinie aus das nächste Kapitel dieser Geschichte schreiben. Das Zutrauen in ihn ist dabei gewaltig – und reicht längst über seine Fähigkeiten als Trainer hinaus. Sinnbildlich wird dieser Tage, noch bevor Zidane die Chance hatte, den „Bleus“ seine Handschrift zu verleihen, ernsthaft spekuliert, ob er nicht immer noch der Beste sei.

„Ist Zinédine Zidane technisch besser als seine Spieler? “, fragte etwa das Portal football.fr. Und der Sender ESPN, der das Geschehen rund um „le Château“ in Clairefontaine genau beobachtet, schwärmte von Zidanes Pässen im Training: „Die Magie geht nie verloren. “

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