Sissy Rabl, 1991 in Graz geboren, ist seit 2019 Redakteurin bei der „Presse“. In der Chronik widmet sie sich Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders, Jugendkriminalität und Gewaltschutz. Sie ist außerdem Podcast-Host und hat mit Kolleginnen die Serie „Gefühlssache“ ins Leben gerufen, in der sie sich Beziehungsthemen widmet.
Mehr alkoholfreies Bier und mehr „Steirer-Tequila“ wird heuer auf der Kaiserwiesn in Wien getrunken, weiß Wirtin Julia Unger. Mit welchen Ohrwürmern sie nach Hause geht und für welche Band das weibliche Publikum schwärmt, erzählt die Burgenländerin im Interview.
Selten sieht man am Praterstern so viele Lederhosen und Dirndl wie Anfang Herbst. Noch bis 11. Oktober findet die Wiener Kaiserwiesn direkt vorm Eingang des Wurstelpraters statt. Täglich ab Mittag dröhnt Musik aus den Festzelten und spätestens abends wird auch immer öfter mitgesungen.
Julia Unger arbeitet im dritten Jahr in Folge auf der Wiesn, zuvor hat sie gekellnert, heuer ist sie Leiterin im Wiesbauer-Zelt. Nach zehn Jahren in der Gastronomie und zusätzlicher Erfahrung als Marketenderin, also Schnapsausschenkerin bei der Blasmusik, weiß die 28-jährige Burgenländerin wie man mit rauschigen Gästen umgeht und bei welchen Bands man die Securities aufstocken muss. Es heißt ja immer, unter „Wiesn“-Personal im Service sei es wichtig, wie viel Maß man durch die Menge tragen kann.
Wie viele sind es bei Ihnen? Ja, acht gehen gut. Mehr als acht – sag ich auch immer zu meinen Kellnern – ist nicht notwendig. Das ist mir lieber, sie können das sicher zum Tisch bringen, als sie wackeln mit zwölf zu den Gästen.
Außerdem ist die Wiesn mehr Marathon als Sprint. Ich habe natürlich Kellner, die sind zwei Meter groß und einen Meter breit – da gehen auch 14. Mein Zelt fasst 1400 Gäste, das Nachbarzelt auch und das Gösser-Zelt über 3000 – wenn nur jeder eins trinkt, sind wir schon bei einer guten Summe. Aus München vernimmt man, dass auch immer mehr alkoholfreies Bier getrunken wird.
Ist das auch in Wien ein Trend? Schon, es ist grundsätzlich in der Gastronomie ein Trend, dass junge Leute weniger trinken. Das sieht man auch auf der Wiesn. Was wir heuer neu haben, sind Achter-Schnaps-Brettln: Auf einem halben Meter langen Brett servieren wir acht Stamperl Willi mit Frucht oder „Steirer-Tequila“ – Obstler mit Speck und Kren –, oder Haselnussschnaps mit Mannerschnitten. Die sind sehr beliebt. Im Burgenland war ich früher öfter als Marketenderin unterwegs und man muss dazusagen: am Sonntagvormittag Schnaps zu verkaufen ist gar nicht so einfach. Deshalb habe ich in der Zeit viel gelernt, besonders, wie man die Leute zum Lachen bringt.
Wenn ich also jemanden im Zelt schlapp wie ein U-Hakerl am Tisch hängen sehe, sage ich sowas wie: „Trinken wir mal ein Schnapserl. Nachg’legt ist schneller wie eing‘heizt.
“ Der Spruch geht immer ganz gut. Manche haben ein bisschen eine längere Leitung, die brauchen dann ein Zeiterl, bis sie ihn verstanden haben. Vom Grunde her sind die Leute meistens lieb, manche haben manchmal einen schlechten Tag, aber der Schmäh reißt alles raus. Man entwickelt auch ein Gespür für Menschen, man weiß, bis wann es noch okay ist, wann man Hilfe dazuzieht und wann man sie fragt, ob sie sich eh noch auf ihren Bänken halten können.
Ein paar Rauschige sind natürlich immer dabei, aber wir hatten dieses Jahr noch keinen richtig unangenehmen Vorfall. In meinem ersten Jahr ist „Hallo kleine Maus“ sicher zehn Mal am Tag von drei verschiedenen Bands gespielt worden. Ein super Song, ich habe auch Gaude damit gehabt, aber irgendwann konnte ich es dann auch nicht mehr hören. Eher bei letzteren beiden.
Die Pensionisten können wir meistens abschätzen, bei den Firmenfeiern ist die Bandbreite sehr groß. Aber zum Beispiel bei der Mountain Crew haben wir das letzte Mal zwei extra Securities vor der Bühne gebraucht... Weiblich. Noch sind keine Unterhosen auf der Bühne gelandet.
Die Pensionistenvereine kommen jedenfalls eher in größerer Zahl zu den Edlseern. Es waren schon die Dirndl Rocker und die jungen Zillertaller da. Nächste Woche kommen dann etwa die südsteirischen Lauser, da sind wir auch gut gebucht. Ich muss sagen, Trash-Dirndl sehe ich wenig.
In Österreich legen die Leute einfach viel Wert auf Tracht. Das merke ich auch bei mir selbst. Ich habe über zehn Dirndl zuhause. Ich trage sie auch privat gern, weil man sich gleich so angezogen fühlt damit.
Die Tracht macht etwas mit den Menschen. Die internationalen Gäste halten sich in Grenzen, das sind dann eher welche, die gerade zufällig in Wien sind und dann vorbeischauen – anders als in München. Sonst kommen die meisten aus Ostösterreich, viele Oberösterreicher, Burgenländer, Wiener. Vormittags unter der Woche müssen die meisten arbeiten, da sind dann teilweise die Senioren da.
Am Abend finden gerade unter der Woche oft Firmenfeiern statt, die Jungen kommen eher am Abend natürlich und am Wochenende. Und unter der Woche nachmittags kommen auch Leute mit Kindern. Momentan nicht. Ich bin so gut wie immer da und brauche zwischendurch dann auch einmal ein wenig Ruhe.
Aber in den Jahren davor war ich jedes Jahr da. Vom Oktoberfest in München hört man von Upskirting-Vorfällen und auch die Zahl der Übergriffe sei gestiegen. Wie schaut die Situation in Wien aus? Wir haben heuer sehr stark aufgestockt in punkto Awareness.
An Schlüsselstellen haben wir überall Awareness-Teams platziert. Wir hatten am Wochenende einen Fall, da haben meine Kellner zum Glück sofort reagiert, sind eingeschritten und haben mich und das Awareness-Team dazugezogen, wir haben dann auch die Polizei informiert. Es ist leider ein Thema, das auch mir als Kellnerin natürlich bekannt ist und wohl nie ganz abschaffen kann.
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