Die wiener Polizei ruft Beamte aus dem Bundesland an, um die anhaltende Jugendkriminalität einzudämmen, während der Bewährungshilfeverein Neustart mehr Präventionsprogramme will. Gleichzeitig fordert Anwältin Anna Mair, dass Plattformen wie TikTok stärker reguliert werden. Ein Hinweis auf die Gefährdung im Wien-Wasserpark verdeutlicht die wachsende Bedrohung durch junge, oft fremde Straftäter. Nach Kriminalstatistik 2025 sind 75.724 junge Tatverdächtige verzeichnet worden, wobei Diebstahl, Körperverletzung und Einbruch die häufigsten Delikte darstellen.
Die Wiener Polizei muss im Kampf gegen die Jugendkriminalität Beamte aus den Bundesländern zuziehen. Der Bewährungshilfeverein Neustart fordert mehr Prävention sangebote. Die Anwältin Anna Mair, die sich als Vertreterin junger Islamisten einen Namen gemacht hat, meint, der Staat solle Plattformen wie TikTok stärker in die Pflicht nehmen.
Ein Spaziergang in Wien kann mitunter aufregender sein als erwünscht. Das dürften sich auch jene Menschen gedacht haben, die am Nachmittag des 19. November vorigen Jahres ein bisschen Entspannung im Floridsdorfer Wasserpark an der oberen Alten Donau suchten. Damals stürmten plötzlich um die 30 junge Syrer, bewaffnet mit Messern, einer Schreckschusspistole, einem Baseballschläger, Schlagringen und Pfefferspray das Areal.
Die Migranten-Gang hatte wegen „gekränkter Ehre“ ihres Anführers drei Landsleute in den Wasserpark gelockt, um diese zu bestrafen. Der Fall zeigt ein Problem auf, mit dem die Bundeshauptstadt hartnäckig zu kämpfen hat. Die Rede ist von Jugend- bzw. Bandenkriminalität . Zahlen dazu liefert die jüngste Kriminalstatistik .
Gleich vorweg die Gesamtbilanz: 75.724 junge/jugendliche Tatverdächtige sind im Vorjahr in Österreich ausgeforscht worden. Das entspricht einer moderaten Zunahme von 2,3 Prozent im Vergleich zu 2024. Die häufigsten Delikte: Diebstähle, Körperverletzungen und Einbrüche. Ein Gutteil der jungen Täter bzw. Tatverdächtigen zählt zur Gruppe der Fremden, wie das Innenressort formuliert, hat also nicht die österreichische Staatsbürgerschaft.
In der Altersgruppe der zehn- bis unter 14-Jährigen, also der strafunmündigen Täter, sind sogar mehr als die Hälfte Fremde. Hier wurden im abgelaufenen Jahr 13.179 Verdächtige gezählt. Das entspricht einer Zunahme um 9,4 Prozent . Übrigens: Auch unter Zehnjährige haben mittlerweile ihren Fixplatz in der Kriminalstatistik: 1119 Tatverdächtige dieser Alterskohorte wurden zuletzt registriert .
Das bedeutet einen mehr als 32-prozentigen Anstieg . Die größte Gruppe junger Täter besteht aus den 14- bis unter 18-Jährigen. Gezählt wurden zuletzt 34.769 Personen . In diesem Bereich blieben die Zahlen – verglichen mit 2024 – praktisch gleich .
Bei allen Altersklassen junger Täter gilt: Vergleicht man die Entwicklung der Wohnbevölkerung mit jener der Tatverdächtigen, wird klar, dass der Anstieg der Verdächtigen-Anzahl nicht allein durch das Bevölkerungswachstum zu begründen ist. Und: Die Fremdenanteile aller erwähnten Altersgruppen lagen zuletzt über dem Zehnjahres-Durchschnitt. »Das Budget der Bewährungshilfe wird in den nächsten beiden Jahren stark gekürzt, obwohl wir einen steigenden Bedarf an unserer Arbeit wahrnehmen. Das konterkariert auch unsere Arbeit mit straffälligen Jugendlichen.
«Vor allem in Wien ist Jugendkriminalität ein Thema. Die jüngste Schwerpunktaktion galt dem Heiligenstädter Bahnhof, zumal kriminelle Gruppen seit einiger Zeit auch im Nobelbezirk Döbling, nicht nur an Brennpunkten, also zum Beispiel in Teilen von Favoriten , verstärkt unterwegs sind. Mehr als 30 Polizisten verhängten nicht nur Dutzende Anzeigen wegen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung – auch fünf Festnahmen, basierend auf fremdenrechtlichen Bestimmungen, wurden ausgesprochen.
„Die Polizei wird den Kontrolldruck, wenn erforderlich, noch weiter erhöhen und konsequent einschreiten“, hörte man von InnenministerSeit März 2024 gibt es in Wien eine Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Jugendkriminalität. Deren Kernaufgabe: die Bekämpfung von minderjährigen Intensivtätern, die teilweise auch als Strafunmündige für Hunderte Straftaten verantwortlich sind. Und dementsprechend die Kriminalstatistik verzerren. Die Einsatzgrupe hat bisher mehr als 1600 Personen, darunter 193 unter 18-Jährige, festgenommen und mehr als 13.000 Anzeigen erstattet – davon 3300 gegen unter 18-Jährige.
Noch einmal zurück nach Döbling: Dort wurden zuletzt im Rahmen mehrerer Kontrollen zwölf syrische, afghanische und österreichische Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren ausgeforscht und angezeigt. 20 Raubüberfälle sowie Körperverletzungen und etliche andere Delikte konnten ihnen nachgewiesen werden. Für die Bundeshauptstadt gilt: Die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. 2016 fanden 15.864 Person dieser Gruppe Eingang in die Statistik, 2025 waren es 23.776 .
Während Strafmündige gerichtlich verfolgt werden können, kommen Unmündige ohne Sanktion davon. Da eine bundesgesetzliche Regelung zur Errichtung von geschlossenen, sozialpädagogisch betreuten Einrichtungen für unter 14-Jährige noch immer fehlt, versucht es Wien derzeit mit einem – rechtlich wackeligen – Pilotprojekt: In einer WG wurden zuletzt zwei junge Täter einige Wochen angehalten und betreut. Der Bewährungshilfeverein Neustart verzeichnete 2025 um die 4750 Personen, die sich einer Bewährungshilfe für Jugendliche oder junge Erwachsene unterzogen haben. Das entsprach einem Drittel aller Klienten.
„Dieser hohe Anteil liegt auch daran, dass Gerichte Bewährungshilfe bei jungen Verurteilten für besonders sinnvoll halten und sehr häufig anordnen“, erklärt Neustart-Sprecher Thomas Marecek. Ungefähr 70 Prozent aller Bewährungshilfe-Klienten sind österreichische Staatsbürger. In Ballungsgebieten ist der Anteil der Nicht-Österreicher höher. Viele jugendlichen Bewährungshilfe-Klienten wurde von ihrem sozialen Umfeld Gewalt als Problemlösung vorgelebt.
Und, so Marecek: „Bei vielen stellen wir eine Perspektivenlosigkeit fest. Es gibt keine Ziele, keine Tagesstruktur, keine Ausbildung, keine Beschäftigung. Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen häufig noch Ausgrenzungserfahrung hinzu und die Schwierigkeit sich in einem anderen kulturellen Kontext zurecht zu finden.
“ Entscheidend sei Prävention. Dazu gehörten Investitionen im Bildungsbereich, ein Ausbau der Schulsozialarbeit, Unterstützungsangebote für Eltern, ein Ausbau der Jugendarbeit und das Verstärken von Streetwork. Auch Anti-Gewalt-Trainings seien sinnvoll. Leider werde bei diesen Angeboten stark gespart.
„So wird das Budget der Bewährungshilfe in den nächsten beiden Jahren stark gekürzt, obwohl wir einen steigenden Bedarf an unserer Arbeit wahrnehmen. Das konterkariert auch unsere Arbeit mit straffälligen Jugendlichen.
“Die in Wien tätige Anwältin Anna Mair vertritt regelmäßig Jugendliche aus dem migrantischen Milieu, die wegen Gewalt-, Eigentums- oder Terrorismusdelikten strafrechtlich verfolgt werden. Sie hält es für problematisch, dass islamistische Radikalisierung zunächst weitgehend unbemerkt geschieht – nämlich mithilfe von Online-Plattformen wie etwa TikTok.
„Wenn dann die Burschen ihr Erscheinungsbild ändern oder damit anfangen, Mädchen nicht mehr anzuschauen, muss das aber den Eltern und der Schule auffallen. Daher ist es wichtig, das Thema Radikalisierung in den Schulen stärker aufzugreifen“, meint die Juristin, die zuletzt etwa Beran A. vertreten hat, den jungen Mann, der einen Terroranschlag auf ein Vielen Jugendlichen sei nicht klar, dass schon das Versenden von islamischen Glaubensgesängen, also von Naschids, von den Staatsanwaltschaften als strafbare Terrorpropaganda eingeordnet werden kann.
„In vielen Gerichtsakten tauchen immer dieselben Naschids auf. Viele Burschen meinen, wenn diese Gesänge, manchmal sind es Schlachtgesänge, ohnedies im Internet frei verfügbar sind, dann darf man dieses Material einfach weiterverschicken.
“ Daher sollte in den Schulen verstärkt über die rechtliche Situation aufgeklärt werden. Bei besagten Kampfgesängen und auch bei verhetzenden Reden sogenannter Hassprediger sollte der Staat Online-Plattformen stärker in die Pflicht nehmen. Rasches Löschen der Inhalte sei geboten.
„In anderen Bereichen funktioniert das im Zusammenhang mit Jugendschutz nämlich sehr wohl“, gibt die Anwältin zu bedenken.
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