In Uruguay soll +Colonia entstehen, ein Refugium für die rechten Tech-Millionäre. Offenbar fürchten sie sich vor der Demokratie und vor normalen Menschen.
In Uruguay soll +Colonia entstehen, ein Refugium für die rechten Tech-Millionäre. Offenbar fürchten sie sich vor der Demokratie und vor normalen Menschen. Der griechische Gott Apollo steht für Frühling, Licht, sittliche Reinheit.
Vor allem ist er der Gott der Dichtung und Musik. Im Lauf der Epochen wurden jede Menge Apollo-Statuen aus Marmor, Stein, Bronze geschaffen. Sie zeigen eher keinen Muskelprotz, sondern einen zarten Jüngling mit schmalen Schultern, anmutigen Bewegungen, lockigem Haar sowie mit einem – sofern es nicht unter einem Tuch verborgen ist – ziemlich kleinen Geschlechtsorgan. Apollo ist also ein eher androgyner Typ.
Am liebsten ist er in Gesellschaft seiner Freundinnen, der Musen. Er würde sich als idealer Poster-Boy jener linken, woken, polyamourösen jungen Leute eignen, die die Geschlechtergrenzen überwinden wollen. Doch nun ist ihm das Gegenteil passiert. Die superreiche rechte Techno-Elite hat Apoll zu ihrem Lieblingsgott erkoren.
In ihren Augen verkörpert er die überlegene westliche Zivilisation, samt Schönheit und Perfektion. Und in diesem Idealbild erkennen sich jene Menschen wieder, die sich selbst für die Krone der Schöpfung halten. Es ist schon eine eigenartige Gruppe, die sich da in den vergangenen Jahren unter dem Namen „praxisnation“ zusammengefunden hat: Mehrere Multimillionäre, die mit Software, Krypto-Währungen und KI unermesslich reich geworden sind, suchen den idealen Ort, um miteinander zu leben. In Kalifornien und New York gefällt es ihnen nicht mehr.
Dort gibt es zu viele lästige Gesetze, Vorschriften, Steuern und man läuft jeden Tag armen, hässlichen Menschen über den Weg. Was für eine ästhetische Zumutung! Lieber würden die Superreichen dort wohnen, wo sie alle Regeln selbst bestimmen können. Wo sie unter sich sind.
Dryden Brown, ein 30-jähriger Ex-Surfer, bekam den Auftrag, diesen Plan zu verwirklichen, und wurde dafür mit einer halben Milliarde Dollar überschüttet. Auf der ganzen Welt schaute sich Brown nach geeigneten Grundstücken um. Das Mittelmeer gefiele ihm, befindet sich für seinen Geschmack jedoch zu nah an aktuellen Kriegsherden. Die Insel Grönland hätte er gern als Ganzes gekauft – doch damit blitzte er bei den stolzen Grönländern ab.
Nun ist Brown offenbar fündig geworden: Das Utopia der Supermenschen soll „+Colonia“ heißen und an der Küste von Uruguay gebaut werden, zwischen den Metropolen Buenos Aires und Montevideo. Dort gibt es Sicherheit „wie in der Schweiz“, plus tolle Wellen zum Surfen. Das Büro von Stararchitektin Zaha Hadid entwarf einen Masterplan. Den Rest erledigt vermutlich die KI.
Auf den Bildern sieht man Hazienda-Architektur mit einem Hauch italienischem Futurismus: Säulen, Pooldecks, Innenhöfe mit Apollo-Statuen und Boardwalks über die Dünen zum Meer. Ich versuche mir vorzustellen, wie das Leben dort konkret abläuft. Ob es in dieser perfekten Welt überhaupt Frauen gibt? Die namentlich bekannten Investoren in +Colonia sind fast ausschließlich Männer.
Zumindest für die Fortpflanzung wird man jedoch Frauenkörper brauchen – legt die selbst ernannte Elite doch stets Wert darauf, ihre hochwertigen Gene weiterzuverbreiten. Was die Staatsform betrifft, hat man sich auf einen libertären Kapitalismus festgelegt, in dem alles erlaubt ist, was Profit bringt. Für die kulturelle Selbstverwirklichung sind Musik- und Fotostudios sowie Galerien geplant – Arbeit gibt es für die Elite ja keine mehr zu erledigen. Ansonsten geht es offenbar in die Richtung eines hierarchischen Kastensystems, mit einer dienenden Unterklasse.
Denn selbstverständlich ist es auch in Zukunft angenehmer, wenn einem kein Roboter, sondern ein echter Mensch die Füße massiert und das Steak serviert. 5000 Personen, behauptet Dryden Brown, haben bereits ihr „Visum“ für +Colonia erworben. Sie sind zur ehestmöglichen Übersiedlung bereit und tragen eine kleine Metallscheibe herum, die sie als Mitglied des elitären Klubs ausweist.können Sie sich anmelden. Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, dass Sie perfekt genug sind, um aufgenommen zu werden. Oder ob jemals etwas daraus wird.
Sibylle Hamann war 25 Jahre lang Reporterin , Kolumnistin für die „Presse“, Buchautorin. Von 2019 bis 2024 war sie Nationalratsabgeordnete und Bildungssprecherin der Grünen. Heute ist sie Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.
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