Als 25-Jähriger teilte sich der wegen Hochverrats verurteilte Bruno Kreisky eine Zelle mit einem illegalen Nazi und einem Kommunisten: Als der Nazi bei einer Leibesvisitation fast mit einem...
Als 25-Jähriger teilte sich der wegen Hochverrats verurteilte Bruno Kreisky eine Zelle mit einem illegalen Nazi und einem Kommunisten: Als der Nazi bei einer Leibesvisitation fast mit einem Kassiber erwischt worden wäre, griff er ein.am 16.
März 1936 vor Gericht stand, war er 25 Jahre alt, ein Kind der jungen Republik und führender revolutionärer Sozialist. Die Anklage lautete auf Hochverrat. Sein Gegenüber, der Oberlandesgerichtsrat Dr. Alois Osio, stand mit beiden Füßen in der zerfallenen österreichisch-ungarischen Monarchie. Der damals fast Sechzigjährige galt als gefürchteter Richter in vielen politischen Verfahren während des Austrofaschismus.
Der junge Bruno hatte sich monatelang mit seiner Verteidigung auseinandergesetzt und war entschlossen, in seiner Rede nicht nur ein politisches Bekenntnis abzulegen, sondern eine offensive Strategie einzuschlagen und das Regime direkt herauszufordern. Er wusste, dass von einer Wiederherstellung der Freiheitsrechte nirgendwo in Österreich außer im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts gesprochen werden konnte. Ein zähes Jahr im Gefängnis lag hinter ihm, und er musste mit einem harten Urteil rechnen.
Er spürte aber auch, dass Osio in einer für ihn ungewöhnlichen Zurückhaltung auf seine Rede reagierte. Osio stammte aus einer gutbürgerlichen Juristenfamilie, er war Jude, und er stand auf der Liste der Nationalsozialisten. Die gesamte politische Opposition war verboten und wurde durch das Dollfuß-/Schuschnigg-Regime verfolgt. Er hatte nicht nur Sozialisten und Kommunisten, sondern auch Nazis abgeurteilt, oft zu drastischen Strafen.
Osio war sich klar, welche Gefahr Europa drohte. Zehn Tage vor dem Prozess hatte Hitler die Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland einmarschieren lassen, ohne zu wissen, ob dieses Abenteuer glücken würde. Das war die erste und eindeutige Provokation gegen den Vertrag von Versailles. Weder die französische noch die britische Regierung hatten die Courage, dem Deutschen Reich etwas entgegenzusetzen.
Für den Fall einer robusten Gegenwehr hatte Hitler den Befehl zum Rückzug gegeben. Aber der Westen blieb stumm. Dieser gelungene Schachzug breitete sich wie ein Menetekel an den Wänden des Schwurgerichtsaals aus. Kreisky sprach die Angst an, die in den christlichsozialen Eliten umging.
Osio war klar, was ihm persönlich blühte, sollten die Nazis sich Österreichs bemächtigen. Dieser rotblonde, selbstbewusste Student sprach eine große Wahrheit aus. Und das in Anwesenheit der internationalen Presse beim „Sozialistenprozess“. »Am liebsten wäre es den Genossen gewesen, Kreisky wäre in Schweden geblieben oder sonst wohin gegangen.
« Achtundzwanzig revolutionär-sozialistische Angeklagte standen vor Gericht, fast der gesamte Führungskader der illegalen Nachfolger der verbotenen Sozialdemokratie, und zwei Kommunisten. Kreiskys Rede war der Höhepunkt des ersten Verhandlungstages und schlug in den liberalen und linken Medien im Westen wie eine Bombe ein. Passagen daraus erschienen in vielen Zeitungen, auch in der „“. Der Name des jungen Angeklagten, der einen gewaltfreien Weg zur Wiederherstellung von Freiheit und Demokratie in Österreich vorschlug, ging weit über die Grenzen seines Landes hinaus.
Kreisky erhielt zwölf Monate schweren Kerkers, die U-Haft einberechnet. Am 3. Juni 1936 kam er frei. Die Urteile waren milde.
Keine Todesstrafen. Dreizehn Angeklagte wurden freigesprochen. Das Regime war sichtlich um eine gute Presse im Ausland bemüht. Kreisky hat später das Urteil nie tilgen lassen.
Kreiskys Familie stand hinter ihm, aber seine bürgerlichen Verwandten waren erbitterte Feinde: „Wie ich eingesperrt war, haben sie das als durchaus gerechtfertigt empfunden“, erzählte er.
„Sie haben gesagt: No ja, wenn ein Arbeitsloser das macht, dem bleibt keine Wahl – aber du, der Bruno? Du lern was und werd’ was, du hast ja alles offen, wer hindert dich? Du kannst Beamter werden, du kannst Advokat werden, du kannst Arzt werden, du kannst alles werden! Warum tust du solche Sachen?
“ Die sechzehn Monate im Gefängnis kamen ihn hart an. Der lebenslustige Student fiel aus einem behüteten, geordneten Leben in die Wirklichkeit von vier Monaten in der „Lisl“, dem Polizeigefängnis an der Elisabethpromenade, und der U-Haft im Landesgericht. Das Zusammenleben mit fremden Männern auf engstem Raum, abgeschnitten von Freunden und Familie und ohne Frauen, war kaum zu ertragen. Die Menage war grässlich, die hygienischen Verhältnisse jenseitig.
Bruno, der immer großen Wert auf privacy gelegt und einen Raum für sich allein gehabt hatte, musste sich Tag und Nacht mit zwei anderen Häftlingen eine Einmannzelle und das offene Klo teilen, was ihm Höllenqualen bereitete. Die zwei waren Josef Weninger, ein illegaler Nazi, und der Kommunist Rudolf Auerhahn, „ein lieber, frecher Kerl, sehr eloquent“, politisch allerdings unerträglich, weil er „Das Gefängnis wurde seine Lebensschule, seine Universität.
Er lernte hier Menschen kennen, denen er sonst nie begegnet wäre: schwere Häfenbrüder, die stolz auf ihre Karriere „draußen“ waren. Räuber, Betrüger, Zuhälter, Taschendiebe, die ihm ohne Weiteres spannende und wunderbar skurrile Geschichten erzählten.
Außerdem ließ er sich von seinem Vater viele Bücher bringen, stapelte sie unter seinem Bett und las unentwegt: das „Kapital“ von Karl Marx, penibelst, als sollte er darin geprüft werden; „Utopia“ von Thomas Morus; „Materialismus und Empiriokritizismus“ von, ein Buch, das ich in die Hand nahm, als ich so alt war wie Kreisky damals, und nach fünf Minuten als unleserlich zuklappte;, H. G. Wells, Heinrich Mann, Einstein, Silone, Kautsky, Hilferding, Max Adler und so weiter.
„Das Wachpersonal war zum Teil unglaublich beschränkt“, erinnerte er sich. „Da gab es einen Lackel bei der Polizei, der hat die Bücher angeschaut, die man sich zur Lektüre von zu Hause kommen ließ. Marxistische Bücher ließ er ohne Weiteres passieren, weil er gar nicht begriff, um was es da ging. Aber eines Tages schlug er zu.
Das Buch hieß ,Aufruhr des Herzens‘. Und da hat er gesagt: Was, Aufruhr? Hier gibt’s kan Aufruhr. Bleibt da, Schluss, aus, net wahr.
“Noch nach fünfzig Jahren erinnerte Kreisky eine Anekdote nach der anderen über seine Gespräche mit den Kriminellen. Er hatte reichlich Gelegenheit, ihre Handlungsmotive verstehen zu lernen. Vor allem die Nazis interessierten ihn. Die meisten kamen aus dem proletarischen Milieu.
„Ich hab’ gefragt, no, wie bist a Nazi worden? Und schon haben sie drauflos erzählt.
“ Seinen Zellengenossen Sepp Weninger rettete er, als plötzlich die Zellentür aufging und Leibesvisitation war. Er riss ihm einen brisanten Kassiber auf Zigarettenpapier mit Hinweisen auf einen Sprengstoffanschlag aus der Hand, steckte ihn in den Mund und verschluckte ihn. Das eng beschriebene Papier hätte den Sepp wahrscheinlich den Kopf gekostet.
„Wir haben auch den Kriminellen Freundschaftsdienste erwiesen“, erzählte er. „Wir haben eine solidarische Kultur ins Gefängnis gebracht. Obwohl wir uns äußerlich von den Kriminellen distanzierten, indem wir uns Bärte haben wachsen lassen. Ich habe Reservechristus geheißen, weil ich einen rotblonden Vollbart gehabt und im Sommer Sandalen getragen habe.
“ Weninger machte nach seiner Freilassung Karriere bei der NSDAP und hat ihm dann, als Bruno 1938 monatelang in Gestapohaft war und brutal gefoltert wurde, das Leben zurückgerettet. „Sie haben mich hinausgeschmissen, weil ich im Ständestaat eingesperrt gewesen bin und mich im Gefängnis auch gegenüber den Nazis in gewisser Weise solidarisch verhalten habe. Da hat es nichts gegeben. Das war selbstverständlich.
“ Beide Zellengenossen endeten tragisch. Josef Weninger wurde als Beisitzer eines Standgerichts, das wenige Tage vor Kriegsende fünf Volkssturmangehörige erschießen ließ, zum Tod verurteilt und 1948 hingerichtet. Kreiskys Entlastungsversuch blieb vergeblich. Rudolf Auerhahn fiel im September 1938 als Interbrigadist im Spanischen Bürgerkrieg.
Mit anderen Häftlingen entwickelten sich mitunter lang währende Freundschaften, trotz gegensätzlicher ideologischer Welten, ein frühes Beispiel für Kreiskys Fähigkeit, über tiefe Gräben hinweg menschliche Beziehungen zu pflegen. Der illegale Nationalsozialist Freiherr Egon von Müller-Klingspor, aus alter deutsch-schweizerischer Adelsfamilie stammend und wie Kreisky ab 1935 sechzehn Monate in Haft, war bis Kriegsende hoher Funktionär und Fähnrich der Luftwaffe. Als Zellengenosse begeisterte er sich wie Kreisky für Rainer Maria Rilke. Sie machten sich gegenseitig auf besonders schöne Stellen aufmerksam.
„Es gab ein sehr harmonisches Zellendasein“, erinnerte sich Klingspor. Kreisky kannte Klingspor von Jugend an, sie wohnten im selben Bezirk.
„Wir haben uns hasserfüllt angeblickt, wenn wir aneinander vorübergegangen sind“, sagte er in einem Gespräch mit Herlinde Koelbl. „Er zum Naziaufmarsch, ich zum roten Aufmarsch. Wir haben uns im Gefängnis wiedergesehen und sind dann eigentlich gute Freunde geworden. Die Freundschaft, wenn man das so nennen darf, hält noch heute.
“ Kreisky hatte lebenslang eine große Schwäche für Aristokraten. Sie waren gebildet und teilten denselben Code für Umgangsformen. Als Außenminister, so wird erzählt, begründete er im Parteivorstand seine Bevorzugung von Aristokraten im diplomatischen Dienst mit „weil sie mit Messer und Gabel essen können und keine Silberlöffel stehlen“.
„Er hat alle Anwesenden bezaubert, auch die, die im entlegensten politischen Lager waren, hatte großen Charme und konnte faszinierend erzählen“, erinnerte sich Karl Schwarzenberg, der Kreisky in den Sechzigerjahren kennenlernte. „Er wusste, dass wir noch als Staatsdiener erzogen wurden, das war für uns eine Selbstverständlichkeit. “ Kreiskys Familie stammte aus allen Teilen der alten Monarchie, unter seinen Vorfahren waren hohe Staatsbeamte, Abgeordnete zum Reichsrat.
Er sah sich als Epigone des alten Österreich, keineswegs aus Nostalgie, und empfand seinen Zusammenbruch als großen Verlust. Die in der Sozialdemokratie gängige Redeweise vom „Völkerkerker“ lehnte er ab und bedauerte zutiefst den Untergang dieser überstaatlichen Wirtschafts- und Kulturgemeinschaft, die nicht imstande gewesen war, ihre historischen Möglichkeiten zu nutzen. Als Fünfzehnjähriger trat er der Paneuropäischen Jugend bei und wurde dort auch politisch aktiv – er hatte eine lebenslange Zuneigung zu Richard Coudenhove-Kalergi und seiner Vision eines europäischen Bundesstaates.
In der Haft lernte Kreisky aber auch, in die tiefen Keller des Wienerischen hinunterzusteigen. Er konnte perfekt Vorstadt-Wienerisch.
Das ließ er als Bundeskanzler immer wieder aufblitzen: „Schaun S’, i bin da Erfinda da Voiksabstimmung“ und „des tät jetzt den Herrn von da Voikspartei passen, dass sie sich von dera Sache druckn kennan“ und „A bissl kenn i mi aus in da Wödpolitik“ oder „des is no net so weit, des kniascht no a bissl“ – um dann wieder in sein gepflegtes Wienerdeutsch zu wechseln. Die Fähigkeit, sich an verschiedene Menschen und Situationen anzupassen, ohne seinen Background zu verleugnen, verdankte er dem Gefangenentrakt des Landesgerichts I. Er redete nicht dem Volk nach dem Mund, aber aus seinem Mund floss auch der Volksmund.
Ich bin ihm einmal in einer Sommernacht beim Würstelstand Ecke Rennweg/Fasangasse begegnet, als er dort ein Paar Debreziner verspeiste und mit den Spätheimkehrern im schönsten Wienerisch plauderte. Diese fragten ihn dies und das und wünschten ihm dann gute Nacht. Unweit stand sein Dienstwagen, ein Rover. Sein Chauffeur, der Herr Blauensteiner, ein früherer Feuerwehrler, lehnte an der Tür, und kein Sicherheitsbeamter weit und breit.
Man konnte mit ihm über fast alles reden – außer über die Wunden, die ihm die von ihm so geliebte Jugendbewegung geschlagen hatte. Das setzte sich nach 1945 unvermindert fort.
Ich habe nie verstanden, wie das größte politische Talent der SPÖ, in Wien geboren und aufgewachsen, als Jugendfunktionär durch seine couragierte Rede beim Sozialistenprozess weithin bekannt, in Wien verurteilt und zweimal inhaftiert, im September 1938 geflüchtet und erst nach langem Hin und Her zurückgeholt, in Wien kein Nationalratsmandat erhielt, auch als er schon der außenpolitische Kopf der Partei war. Kreisky, der so viele kluge politische Analysen entwickelt hatte, verleugnete den Antisemitismus, mit dem er ein Leben lang konfrontiert war.
Über seine Demütigungen zog er einen dichten Schleier. Die eigene Partei blockierte seine Rückkehr. Sechs lange Jahre musste er warten. Am liebsten wäre es den Genossen gewesen, er wäre in Schweden geblieben oder sonst wohin gegangen.
Sie wollten mit Rückkehrern nichts zu tun haben, schon gar nicht, wenn sie im Exil als charismatische Politiker aufgefallen waren. In der Ersten Republik hatten sie als Judenpartei gegolten, damit war jetzt Schluss. Das hatte ihn schwer getroffen. Schon als Schüler war er auf heftiges Misstrauen gestoßen, als er bei der Sozialistischen Arbeiterjugend auftauchte.
Was wollte so einer wie er? Dreimal schickten sie ihn weg. Er kam zurück und stieg nach fünf Jahren, mit 22, zum Vorsitzenden der gesamten Bildungs- und Kulturarbeit der SAJ auf. Kreisky wurde ein herausragender Organisator, Schulungsleiter und Redner, der junge Menschen überzeugen und führen konnte und 1930 gemeinsam mit katholischen Jugendverbänden die Aktion „Jugend in Not“ gründete, die arbeitslose Jugendliche unterstützte.
Neben Ausspeisungen und Kleiderhilfen wurden Werkstätten und Heime zur Verfügung gestellt. Zugleich saß er „mit meinen Freunderln aus der Heimwehr“ am Abend im Kaffeehaus und lernte, sich nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich gegen die rabiaten Judenhasser an der Universität Wien zu wehren. Und knüpfte über halb Europa sein politisches Netzwerk. Das weckte viele Neider.
Seither wusste er, dass ihm die Herkunft aus einer bürgerlich-jüdischen Familie wie ein Mühlstein um den Hals hing. Seinen Vorfahren, Lehrer, Abgeordnete, Richter und Industrielle, verdankte er viel. Sein dialektisches Denken, sein Witz, seine Weltläufigkeit und sein Verhandlungsgeschick kamen aus dieser Tradition. Gegen den massiven Widerstand in den eigenen Reihen wurde er Staatssekretär, Außenminister, Parteivorsitzender und schließlich Bundeskanzler.
Dabei half ihm seine Fähigkeit, Kränkungen und Niederlagen in einer paradoxen Umschreibung ins Positive zu verkehren. Er verkleidete oder verstellte sich nie und konnte ziemlich arrogant werden, wenn er auf offene Dummheit stieß. Ein bekennender Antikommunist, ein zärtlicher Frauenversteher, ein großartiger Kommunikator, ein umtriebiger Diplomat und unentwegt Arbeitender, der seine Mitarbeiter wie ein Turbo antrieb.
Allerdings brachte sein Hang zur Cholerik auch jene, die ihn liebten und verehrten, immer wieder aus dem Gleichgewicht. Er war ein explosiver Charakter, wenn ihm etwas gegen den Strich ging oder er sich im Innersten getroffen fühlte. Menschen können vieles lernen und sich wandeln im Lauf ihres Lebens. Aber den Stoff, aus dem sie gemacht sind, zerschneiden und neu zusammennähen, das können sie nicht.
Helene Maimann ist in Wien geboren und aufgewachsen und lebt hier. Sie ist Historikerin, Autorin und Ausstellungsmacherin, war viele Jahre für den ORF als Redakteurin, Filme- und Radiomacherin tätig, unterrichtete an der Universität Wien und der Filmakademie. Für „BRUNO. Der junge Kreisky“ schrieb sie das Drehbuch. Premiere: 29. September, Wien, Gartenbaukino, Kinostart 1. Oktober.
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