Christian Ultsch, geboren 1969 in Wien, ist seit 2023 stellvertretender Chefredakteur der „Presse“ und seit 2009 Chefredakteur der „Presse am Sonntag“. Zudem leitet er seit 2004 das Auslandsressort. Davor war er Korrespondent in Berlin.
Der renommierte deutsche Historiker Karl Schlögel über den Zerfall der Weltordnung, die Selbstdemontage der USA und die russischen Kriegsziele: Putin wolle den ukrainischen Staat beseitigen und dafür ganze Städte unbewohnbar machen.
Wir leben in extrem unberechenbaren Zeiten. Halten Sie einen Rückfall in eine autoritäre und kriegerische Ära für möglich, wie sie Europa in den 1930er- und 1940er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt hat? Karl Schlögel: Es geht etwas zu Ende. Die Phase, in der ganze Lebenshorizonte für ein oder gar zwei Generationen deutlich vor uns lagen, ist vorbei.
Es handelt sich nicht nur um ein Kräuseln an der Oberfläche. Eine große Verschiebung ist im Gang. Ich könnte jetzt als Historiker natürlich sagen, dass ich mich an Vorkriegszeiten des 20. Jahrhunderts erinnert fühle.
Doch so lehrreich die Geschichte ist, so groß sind unsere Schwierigkeiten, neue Situationen zu erfassen und zu beschreiben. Wir leben nicht einfach nur in unruhigen Zeiten wie in den 1960-er oder 1970er-Jahren. Die Kraftzentren haben sich verschoben, und zwar nicht erst seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.
Die alte Ordnung, in der zwei Supermächte die Weltverhältnisse untereinander ausgemacht haben, ist untergegangen. Das Ende der Sowjetunion war Teil 1 der Abwicklung. Und jetzt folgt Teil 2, der überraschenderweise mit dem Ende des amerikanischen Jahrhunderts einhergeht. Die USA betreiben gerade ihre Selbstdemontage.
Die Hauptherausforderung besteht im Moment darin zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht. Karl Schlögel gilt als einer der bedeutendsten deutschen Historiker. Er lehrte Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz und danach an der Viadrina in Frankfurt an der Oder. Schlögel schrieb zahlreiche Bücher über die Sowjetunion, Russland, die Ukraine und Osteuropa.
Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Moskau lesen“, „Terror und Traum. Moskau 1937“, „Grenzland Europa“, „Entscheidung in Kiew“, „Das sowjetische Jahrhundert“, „Duft der Imperien“ und „American Matrix“. Zuletzt veröffentlichte er „Auf der Sandbank der Zeit“. 2025 erhielt Schlögel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im September war Schlögel als Fellow des „Instituts für die Wissenschaft vom Menschen zu Gast in Wien.
Dass dieses Personal aufkommt, muss ja auch seine Gründe haben. Es hat sich ein Raum der Unsicherheit geöffnet. Und es gibt historische Situationen, in denen eine Person auftritt, die diese Lücke, die durch das Versagen von Institutionen frei wird, besetzt und zum Gegenstand von Projektionen, Wünschen und auch Verschwörungen wird. Manche Propheten sind fürs Happy End zuständig, andere für die Apokalypse.
Beide vermitteln falsche Gewissheiten. Es tut mir leid, ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, als dass die Zukunft offen ist und man auf alles gefasst sein muss. Wir haben uns zu lang in trügerischer Stabilität gewiegt und waren nicht wach genug. Alte Gewissheiten sind über Nacht aufgekündigt worden.
Vor zehn Jahren war es noch unvorstellbar, dass eine US-Führung Europa sich selbst überlässt und die transatlantische Allianz brüchig wird. Doch mittlerweile ist es uns nach all den Jahren nicht mehr erlaubt, einfach nur fassungslos zu sein. Hat Europa die Zeit genützt? Hat es sich trotz aller neuen Rüstungsanstrengungen überhaupt schon mental auf die neue Situation eingestellt?
Europa nähert sich an die neue Realität an. Das ist unbestreitbar. Die Europäer fragen, ob die Allianzen noch stimmen und ob sie sich selbst verteidigen können. Doch der Abschied vom Vertrauten und Friedensverwöhnten ist ein sehr schmerzlicher Vorgang.
In fast allen EU-Mitgliedsländern stellen Parteien in Frage, ob wir uns die Unterstützung der Ukraine überhaupt leisten können und das Geld nicht besser in den sozialen Wohnungsbau oder Ähnliches stecken sollten. Und die Frage ist, ob die politischen Eliten und Parteien den Mut haben, den Leuten zu sagen, dass sie sich auf eine neue Lage einstellen müssen. Alle wissen eigentlich, dass die ukrainische Sache gerecht ist. Die Ukrainer kämpfen um die Existenz ihres Staatswesens, ihrer Nation und Kultur.
Doch bekommen sie wirklich alle Mittel zugestanden, um sich zu wehren? Die FPÖ oder die AfD bezeichnen die Forderung nach einer militärischen Unterstützung der Ukraine in einer bemerkenswerten Täter-Opfer-Umkehr als Kriegstreiberei. Ja, und das weiß man in Moskau auch. Die AfD ist insofern eine Putin-Partei, als sie die Militär- und Finanzhilfe einstellen und die Ukraine damit ausliefern will.
Sie fordert Verhandlungen mit jemandem, der überhaupt keine Verhandlungen im Sinn hat. Denkt Wladimir Putin, dass die Zeit für ihn arbeitet, wenn er auf die Wahlergebnisse in Ostdeutschland oder die Umfragen für Marine Le Pen vor der Präsidentenwahl schaut? Bestimmt, umso mehr, als er ja nicht vorankommt in der militärischen Auseinandersetzung. Putin führt einen totalen Krieg zur Beseitigung des ukrainischen Staates.
Sein Ziel ist es, den Willen, die Verteidigungskraft und die Moral der Ukrainer zu brechen und Europa auseinanderzudividieren, damit es in die Knie geht. Putin will ganze Städte in der Ukraine unbewohnbar machen. So etwas hat es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Sie haben keine andere Wahl.
Dabei wollten sie nichts anderes, als ihr Land aufzubauen. Die Ukraine könnte heute so aussehen wie Polen, wenn man sie in Ruhe gelassen hätte. Doch das will Putin nicht. Es sind deutliche Anzeichen für eine weiteren Eskalation zu erkennen.
Nach den ukrainischen Angriffen auf Raffinieren und Logistikzentren nimmt Russland Bahnverbindungen viel stärker ins Visier als zu Beginn des Krieges oder neulich auch das Hauptquartier des ukrainischen Geheimdienstes. Ich gehe auch von einer Eskalation aus. Man kann über alles Mögliche spekulieren. Man muss keine Atombomben abwerfen in einem Land, in dem es Reaktoren gibt.
Putin wird diesen Krieg weiterführen. Und die Frage ist, ob und wie die Ukrainer standhalten. Ich konnte mir schon im letzten Winter das nicht erklären, wie das möglich war. Der nächste Winter wird noch furchtbarer.
Wir müssen uns fragen, ob wir die Ukrainer ausreichend unterstützen, um Putin zur Besinnung zu bringen. Wir tun das nicht bis zum Letzten. Putin glaubt immer noch, dass er eine Chance hat. Der Ukraine-Krieg ist bisher keine Erfolgssaga für Putin.
Er hat Zehntausende Soldaten in den Tod geschickt. Warum regt sich nicht mehr Widerstand gegen den Krieg? Die Leute in Russland wollen, dass der Krieg zu Ende ist. Doch es gibt keine politische Opposition im Land.
Die Jabloko-Partei ist von den Duma-Wahlen ausgeschlossen worden. Wer den Kopf herausstreckt, ist weg vom Fenster. Trotzdem gibt es ständig Verhaftungen von Leuten, die verrückt genug sind, ihre Meinung zu sagen und anständig zu sein. Mehrheitlich aber trägt das Land diesen Krieg mit.
Man muss verstehen, dass es so etwas wie eine kulturelle Hegemonie des Meisterchoreographen Putin gibt. Es wäre eine große Unterschätzung zu glauben, dass es sich einfach um die Fortsetzung der traditionellen sowjetischen Propaganda handelt. Putin hat die Postmoderne in ein Kriegsinstrument verwandelt und die Unterscheidungslinien zwischen wahr und falsch systematisch zerstört. Natürlich arbeiten sie im Kreml mit der Lüge, aber sie arbeiten noch viel mehr mit der halben Lüge und der halben Wahrheit.
Das ist die große Kunst, die übrigens nicht auf Russland beschränkt ist, sondern auch anderswo zu beobachten ist. Das ist eines seiner großen Talente. Er hat kein positives Projekt. Nein.
Er glaubt, im Krieg einen Weg finden zu können, das Land gegen den bösen Westen zusammenzuschließen. Putin braucht den Krieg für sein Negativprogramm. Das ist seine Zukunftsvision. Er hat keine Vorstellung davon, wie man Russland ins 21.
Jahrhundert führen kann. Die Aufgabe eines Staatsmannes wäre es gewesen, Russland neu aufzustellen, das intellektuelle Potenzial des Landes zu nutzen und in einer Blut-, Schweiß- und Tränenrede zu erklären: Nicht der Westen ist schuld ist am Ende der Sowjetunion, sondern wir selbst. Doch für die große Aufgabe der Modernisierung Russlands war Putin zu klein. Keine einzige Erfindung oder auch nur Mode ging in den Putin-Jahren von Russland aus.
Die eigentliche Kränkung besteht ja nicht darin, dass der Westen Russland gedemütigt haben soll, sondern dass Russland versagte, dass das sowjetische Jahrhundert zu Ende war und die Balten, Georgier, Kasachen, Ukrainer und andere ihre eigenen Wege gingen. Was Russland eigentlich ausmacht, wenn es das Imperium nicht mehr gibt, ist bis heute unklar. Als der damalige US-Präsident Barack Obama sagte, Russland sei eine Regionalmacht, ist das wahrscheinlich schon als Beleidigung aufgefasst worden. Welche geostrategischen Ziele verfolgt Putin?
Manche sagen, er will gemeinsam mit China die Weltordnung verändern und die Einflusszonen der Sowjetunion wiederherstellen. Ich halte diese Vorstellung, dass Putin ideengeleitet handelt und ein strategisches Konzept verfolgt, für überzogen. Er holt aus einer Situation heraus, was er herausholen kann. Er nutzt Schwächen und stellt überall den Fuß in die Tür.
Ob in das Territorium der ehemaligen Sowjetunion, ob in den ehemaligen Ostblock bis zur Oder, das wird er sehen. Wenn der Westen einknickt, dann wird sich Putin alles nehmen, was er nehmen kann. Putin hat selbst erklärt: Überall, wo der russische Soldat seinen Stiefel hinsetzt, da ist Russland. Doch er hat sich auf keinen bestimmten Plan festgelegt.
Die russische Welt hat keine Grenzen. Zur ihr gehört alles, was irgendetwas mit der russischen Kultur zu tun hat. Putin ist offenbar auch sehr gut darin, den US-Präsidenten zu manipulieren. Die USA haben eben erst ein großes Sanktionspaket verabschiedet und dann Putin trotzdem zum G20-Gipfel eingeladen.
Was läuft da ab? Wir können uns das nicht erklären. Die führende Macht, die das 20. Jahrhundert bestimmt hat, ist ins Stolpern gekommen.
Trump ist auch kein Zufall, sondern aus einem Amerika hervorgegangen, das mit sich selbst nicht klarkommt. Man kann nur hoffen, dass Amerika nicht zusammenschrumpft auf das, was im Oval Office gedacht und getan wird. Es gibt auch noch ein anderes Amerika.
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