Warum Russland weiterkämpft

Österreich Nachrichten Nachrichten

Warum Russland weiterkämpft
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen

Osteuropa-Kenner Martin Schulze Wessel legt sieben historische Thesen vor, warum Russland für seinen Eroberungskrieg so viele Opfer in Kauf nimmt.

Osteuropa-Kenner Martin Schulze Wessel legt sieben historische Thesen vor, warum Russland für seinen Eroberungskrieg so viele Opfer in Kauf nimmt. Der Krieg, der seit 2022 an Europas Haustür geführt wird, ist für zwei Staaten ruinös: für die Ukraine und für den Angreifer, Russland.

In den 1980er-Jahren führte die damalige Sowjetunion zehn Jahre lang Krieg gegen Afghanistan, die Zahl der Opfer, rund 15.000 Soldaten, führte zum Rückzug. Die geschätzten Gefallenenzahlen in dem vonbefohlenen Krieg machen inzwischen das Zwanzigfache aus. Es gibt gute Gründe, diesen Krieg zu beenden und der eigenen Bevölkerung die Folgen zu ersparen. Warum ist in Moskau niemand für rational choice im westlichen Sinne empfänglich?

Warum gibt es keine Chance auf einen Waffenstillstand, warum kämpft Russland weiter? Der bekannte Osteuropa-Experte Martin Schulze Wessel sucht nach den Gründen, warum so hohe Verluste, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, in Kauf genommen werden. Er lenkt den Blick von der Oberfläche auf die tieferen Ursachen. Dass die Ukraine die russischen Sicherheitsinteressen bedroht habe, nimmt wohl auch in Moskau keiner ernsthaft an.

In seinem neuen schlanken Buch legt Schulze Wessel sieben Thesen darüber vor, wie Russlands Expansionspolitik sich aus seiner imperialen Geschichte speist. Vorwegnehmend: Das Fazit, das dieses Buch zieht, ist für die Europäer ernüchternd. Auf absehbare Zeit ist dieser Staat eine Gefahr für die internationale Sicherheit. Er ist „die gefährlichste Macht der Welt“.

Schulze Wessel geht aus von den imperialen Traditionen des Riesenreiches, von denen es sich nicht befreien kann und will. Nur wenn der Westen sie kennt und sich dagegen wappnet, könne er standhalten, schreibt er. Historisch ist das Reich durch Annexionen groß geworden, aus dem kleinen Fürstentum Moskau entstand ein eurasisches Imperium. Das Mittel dafür waren hegemoniale Machttechniken.

Die klassischen Methoden beherrscht man heute noch, sie reichen von Aufrüstung, Spionage und Desinformation bis zur Sabotage und zum politischen Mord und werden nun durch moderne ergänzt wie die hybride Kriegsführung gegen Infrastruktur wie Logistikzentren und IT-Systeme.

„Russlands Grenzen enden nirgendwo“, so Putin 2016. Das ist, so die erste These des Buchs, die knappe Verdichtung historischer Erfahrung. Die russischen Grenzen waren immer fluide, Expansion der Kern der Identität und die Ausdehnung rechtfertigte den Zentralismus, die Autokratie. Die geografische Größe wurde zum strategischen Vorteil, etwa in den Kriegen mitund Hitler.

Landverzicht war die große Ausnahme. Annexionen kamen nur dort zum Stillstand, wo Russland auf ebenbürtige Mächte traf, aber nie als Folge freiwilliger Selbstbegrenzung. Einen Schub erhielten sie dann, wenn sie durch Kooperationen mit anderen Mächten begünstigt wurden , etwa wenn diese einen Konflikt mit Russland vermeiden wollten und den Länderschacher zuließen. Polen weiß ein Lied davon zu singen, vonbis hin zum Hitler-Stalin-Pakt und dem zynischen Austauschen von Freundlichkeiten in Jalta.

Heute nennt man das gerne einen „Deal“. Bis jetzt hat Europa gezeigt, dass es in der Frage der Ukraine als ebenbürtiger Machtfaktor agieren muss. Innere Krisen oder Zerfallserscheinungen im eigenen Machtbereich, so These 4, hat Russland stets überstanden und ist anschließend wieder als imperialer Akteur aufgetreten. Diese Erfolge wurden zu Mythen der eigenen Geschichte.

Weniger konfliktträchtig als die formale Eingliederung von Gebieten war, so These 5, die indirekte Kontrolle, die politische Einflussnahme, die stumme und unsichtbare Hegemonie. So entstanden Puffer- und Einflusszonen, in denen Russland als Schützer von „eigenen“ Minderheiten und orthodoxen Christen auftrat. Im sogenannten „Ostblock“ nach 1945 stand die Sowjetunion als Hegemon im Hintergrund und ließ ihre Satrapen amtieren.

Ungebrochen denkt Moskau noch immer in Einflusszonen, das geht bis zur Idee einer „Finnlandisierung von ganz Europa“ . Die Ukraine habe sich, so Putin, vom russischen Körper und der russischen Seele abgespalten und ihn so verstümmelt. These 7 beschäftigt sich mit der „theologischen Software“, die den russischen Imperialismus seit Jahrhunderten „programmierte“.

Die Idee vom Dritten Rom spielt für die Begründung dieser Politik als Legitimationsidee unter vielen wie der Eurasien-Ideologie noch immer eine Rolle.

„Russlands aggressive Außenpolitik stützt sich also auf einen reichen historischen Erfahrungsschatz, der nicht nur aus Militärgeschichte besteht“, so Schulze Wessel. Der hielt sich über alle Zäsuren hinweg und hängt nicht an einzelnen Personen. Doch liefere ein Blick in die Geschichte nicht nur Grund für Pessimismus. Auch Europa könne heute die Expansion Russlands stoppen.

Es sei sogar seine einzige Wahl, um nicht zum Spielball der russischen Machtpolitik zu werden.

Wir haben diese Nachrichten zusammengefasst, damit Sie sie schnell lesen können. Wenn Sie sich für die Nachrichten interessieren, können Sie den vollständigen Text hier lesen. Weiterlesen:

DiePressecom /  🏆 5. in AT

 

Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen

Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.

Warum kaum noch jemand einfach nur auf dem Heimtrainer strampeltImmer mehr Rennrad-Fans arbeiten ab Herbst auf „smarten“ Rollentrainern hart an „Sommerbeinen“. Aber einfach nur strampeln war gestern: Längst buhlt eine Vielzahl unterschiedlich „gamifizierter“...
Weiterlesen »

KI-Agenten: Warum trotz aller Warnungen niemand bremstKI-Agenten: Warum trotz aller Warnungen niemand bremstDie studierte Juristin ist seit zwanzig Jahren bei der „Presse“ tätig. Sie war u.a. Medienredakteurin und Chefin vom Dienst der „Presse am Sonntag“ (2009-2024), ab 2019 Leiterin des Debattenressorts und Podcasts. Seit 2025 ist sie Head of New Media und verantwortet die Bereiche Audio, Video und Social Media.
Weiterlesen »

Zwischen Panik und Humor: Warum dieser Lieferfahrer jetzt ins Olympia-Team gehörtZwischen Panik und Humor: Warum dieser Lieferfahrer jetzt ins Olympia-Team gehörtEin winziger Hund bringt einen Lieferfahrer zur Flucht. Das kuriose Video zeigt einen spektakulären Sprung über ein Gartentor und sorgt für viele Lacher.
Weiterlesen »

Stinkwanzen in der Wohnung: Warum sie jetzt auftauchenStinkwanzen in der Wohnung: Warum sie jetzt auftauchenStinkwanzen in der Wohnung: Warum sie jetzt auftauchen
Weiterlesen »