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Vor Gericht: Der Richter und der Bettler

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Was macht der ehemalige Kurz-und Ibiza-Ankläger Gregor Adamovic? Er ist nun Landrichter und führt einen Prozess gegen einen armen Mann

Warum strafen wir Menschen? Wen strafen wir? Und wie? Diese Fragen haben mich vergangene Woche beschäftigt, nachdem ich meinen Freund Bertl zu seinem Strafprozess begleitet hatte.

Bertl heißt in Wirklichkeit anders und genau genommen ist er auch nicht mein Freund. Ich hatte ihn irgendwann einmal im Zug kennengelernt. Er pöbelte Menschen an, die ihn zuvor angepöbelt hatten. Er fällt auf, dank seiner kindlich hohen Stimme.

Ich versuchte ihn durch Ablenkung zu beruhigen. Irgendwann stand er dann vor meinem Gartentor. Vergangene Woche schon Stunden vor seinem Prozess. Ich bat ihn herein, wir tranken Kaffee.

Bertl hatte panische Angst. Bertl hat die geistige Reife eines Kindes, aber das Leben eines Erwachsenen. Jeden Morgen fährt er zur „Arbeit“ nach Wien. Er sammelt Pfandflaschen und öffnet dafür die Mülltonnen am Stephansplatz mit einem Spezialschlüssel.

Dreißig Euro bringt ihm das täglich ein. Bertl muss im Müll stierln, weil er keine Mindestsicherung bekommt. Ein bescheidener Anteil am Haus seiner verstorbenen Eltern macht ihn am Papier zu vermögend für die Sozialhilfe. Sozialarbeitern, die ihm helfen wollen, öffnet er oft nicht die Tür.

„I will mei Ruah“, sagt Bertl. Seine Eltern starben früh, seine Zähne sind ausgefallen, seine Beine kaputt. Vor zehn Jahren wurde er von einem Autofahrer schwer verletzt. Fahrerflucht.

Die Monate im Rollstuhl seien die schlimmsten seines Lebens gewesen, erzählte er mir einmal. Oft stolpert Bertl in dünnen Trainingshosen durch den Winter. Ich fürchte manchmal, dass er eines Tages im Schnee liegen bleibt und erfriert. Aber Bertl gibt sich nicht auf.

Zu seinem 50. Geburtstag stand er im schneeweißen Anzug vor meinem Garten und bat – wie immer – um ein paar Bier. Er hatte sich herausgeputzt und war stolz auf sich. Bertl trinkt allerdings manchmal zu viel.

Dann wird er unleidlich. Einmal geriet er mit Nachbarn in Streit, nahm ein Holzscheit in die Hand und drohte damit. Das Gericht stellte das Verfahren damals gegen Geldbuße ein. Im Dezember provozierte ihn wieder irgendjemand im Zug.

Bertl schrie wirres Zeug, etwa: „Weihnachtszeit ist Hitlerzeit“, rempelte beim Aussteigen eine Frau an, beschimpfte danach eine junge Mutter und sagte: „Dein Kind stirbt.

“Als die Polizei später bei ihm auftauchte, nannte er die Beamten „Orschlöcher“ und drohte einem schaulustigen Nachbarn: „I zünd dei Hütten an. “ Die Polizisten sagten nur: „Geh ins Haus. “ Danach stand Bertl oft mit Behördenschreiben vor meinem Gartentor. Die Staatsanwaltschaft leitete zunächst sogar ein Verfahren nach dem NS-Verbotsgesetz ein – und stellte es zum Glück rasch wieder ein.

Ein psychiatrischer Gutachter bestellte ihn ins ferne Gänserndorf, um zu klären, ob er zurechnungsfähig sei. Bertl wusste nicht einmal, wie er dorthin kommen sollte. Irgendwie schaffte er es doch. Der Sachverständige stellte fest, dass Bertl die geistige Reife eines Kindes habe, aber dennoch schuldfähig sei.

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Ein Link zur Ausübung des Widerspruchs ist in allen E-Mails, die wir automatisiert versenden, enthalten bzw. kannVielleicht kennen Sie den Namen noch. Adamovic war der gestrenge Ibiza-Staatsanwalt und Ankläger von Sebastian Kurz, attackiert von der ÖVP und dem berüchtigten Sektionschef Christian Pilnacek. Dann wechselte er als Richter ans St. Pöltner Landesgericht. Nun also sitzt nicht der Kanzler vor Adamovic, sondern mein Bertl.

„Kummst mit? Hilfst ma?

“, fragte er. Ich sagte: „Ich komm mit.

“ Auch weil ich sehen wollte, wie dieser berühmte Ankläger als Landrichter agiert. Natürlich bereitete ich Bertl auch ein wenig auf den Prozess vor. Er müsse „Verantwortung übernehmen“, sagte ich ihm. Sich entschuldigen.

Vielleicht bekomme er dann noch einmal eine Diversion. Bertl verstand kaum, was ich meinte. Er fragte nur: „Sperren’s mi ein? Weil des überleb i ned.

“„Alles gut, Bertl“, sagte sie: „Alles gut. “ Bertl hatte Tränen in den Augen. Und auch mich, den abgebrühten Reporter, rührte die Szene mehr, als sie sollte.

„Bekennen Sie sich schuldig? “, fragte der Richter. Bertl blickte erst zu seinem Pflichtverteidiger, dann zu mir herüber und sagte wie ein Kind seinen einstudierten Satz auf: „Ich übernehme Verantwortung. Es tut mir leid.

“Der Richter nickte: „Das ist schon einmal gut. “ Aber er nahm den Satz nicht einfach so hin. An vieles könne er sich aber nicht erinnern, sagte Bertl weiter. Nur so viel: Er habe nichts gegen Kinder.

Gregor Adamovic hätte Bertl mit einer Bußzahlung einfach nach Hause schicken können. Das wäre die leichte Lösung. Stattdessen befragte er Nachbarn, drei Polizisten und einen Sachverständigen. Er wollte wissen, ob Bertl gefährlich ist.

Immerhin hatte eine Frau solche Angst, dass sie den Polizeinotruf wählte. Bertl übernahm zwar „Verantwortung“, bestritt am Ende aber doch Teile der Tat. Vielleicht aus Scham. Vielleicht auch, weil Menschen wie er nie gelernt haben, Schuld einzugestehen.

Augenmaß bei Schuld und Strafe. Vom Vorwurf der Nötigung sprach das Gericht Bertl frei. Der Stoß im Zug war nur ein Schubser gewesen, sagte die Zeugin aus. Das unbekannte Opfer war nicht gestürzt, wie die Anklage behauptet hatte, sondern nur ins Stolpern geraten.

Für eine Nötigung war das zu wenig. Aber die Drohungen waren real. Bertl hätte nun eine Geldstrafe bekommen können. Doch das wäre hart gewesen.

Für das „Orschloch“ gegenüber den Polizisten zahlt er ohnehin bereits 300 Euro Verwaltungsstrafe — in zehn Monatsraten. Wie viele Flaschen soll Bertl noch für den Staat sammeln? Der Richter entschied anders: Sechs Wochen Haft, bedingt auf drei Jahre. Bertl bekommt nun einen Bewährungshelfer von Neustart.

Jemanden, der sich darum kümmern soll, dass er endlich Mindestsicherung und vielleicht sogar ein würdigeres Leben erhält. Als ich den Gerichtssaal verließ, blieb ich unschlüssig. War diese Strafe der erste Schritt zurück in ein würdiges Leben? Oder bloß der erste Vorstrafenrucksack, der Bertl irgendwann doch ins Gefängnis bringt?

Vielleicht ist das Urteil seine Rettung. Vielleicht nur der Beginn einer langen Akte. Die Aufregung ist ebenso erwart- wie durchschaubar: Fäkalkunst! Steuergeld!

Perversion! FPÖ und Boulevardzeitungen empören sich lustvoll über den Österreich-Pavillon bei der Biennale in Venedig, der dieses Jahr von Florentina Holzinger gestaltet wird. Die eigentliche Botschaft der Künstlerin wird dabei unterschlagen, findet Nicole Scheyerer, die sich selbst ein Bild davon gemacht hat. Jetzt hat es endlich geregnet – aber nur ein bisschen.

An der bedrohlichen Dürre dieses Frühjahrs ändert das also wenig. Eigentlich wäre da Norbert Totschnig gefragt: Der ÖVPler ist nämlich nicht nur Landwirtschafts- sondern auch Umweltminister. Job eins macht er gerne, auf Job zwei vergisst er aber, kritisiert Gerlinde Pölsler. Österreich, Deutschland, zuletzt Großbritannien – egal, wo man hinschaut, sind sozialdemokratische Parteien tief in der Krise.

„So viel Ende war nie“, konstatiert Armin Thurnher. Und überlegt, welcher Weg aus dem Tief herausführt. Da bietet sich das Beispiel Dänemark an. Auch die dortige Socialdemokratiet musste zuletzt eine Wahlniederlage hinnehmen.

Aber sie hält sich vergleichsweise wacker:widmen sich der Frage, wie Kreativschaffende digitale Tools nicht nur nutzen, sondern durch innovative Alternativen ergänzen können. Auf Einladung derDie Creative Days Vienna sind Teil der „ViennaUP – The Startup Festival“, initiiert von der Wirtschaftsagentur Wien und ViennaBusiness für die Stadt Wien. Hirtenberg war einmal eine Vorzeige-Justizanstalt. Jetzt bricht alles auseinander: Rohre, Zellen, Zuständigkeiten.

Fünf Monate ist es her, dass hier ein Häftling bei der Überstellung in die Psychiatrie mit schwersten Verletzungen zu Tode kam. Der FALTER hat das Gefängnis nun endlich besuchen können – und mit einem Justizwachebeamten gesprochen, der bei der Amtshandlung dabei war. Die Gemeinde St. Andrä-Wördern macht’s möglich: Tausende Bäume sollen einer Deponie weichen – und der Betreiber braucht dafür nicht einmal eine Umweltverträglichkeitsprüfung.

Warum sechs Hektar Wienerwald dran glauben müssen, Die Alternativen zu Social-Media-Unsympathlern wie X, Facebook und TikTok kommen nicht so recht vom Fleck: Rose Wand und Felix Hlatky sprechen im Falter-Doppelinterview über gemeinsame Ideen, das zu ändern.

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