Valerie Zehethofer ist Redakteurin für die „Presse“ und das „Presse Schaufenster“ und schreibt dort über Stil, Design, Zeitgeist und das moderne Leben. In Wien geboren, studierte sie Modejournalismus in München, arbeitete für das Modemagazin „Diva“ und leitete das Mode- und Wohnressort der Zeitschrift „Wienerin“, bevor sie zur „Presse“ kam.
Seit jeher ist die Küche ein dankbares Experimentierfeld. Der aktuelle Zeitgeist köchelt zwischen Kameras, künstlicher Intelligenz und smarten Möbeln. Schon immer war die Küche ein Ort, an dem Zukunft kreiert wurde.
Hier in einer Werbeaufnahme aus dem Jahr 1955. Ultraschall-Geschirrspüler, automatische Rezept-Lochkarten, Kühlschränke, die aus der Decke fahren, Brathähnchen, die sich unter futuristischen Glashauben drehen, und eingebaute Fernsehbildschirme zur Überwachung des Hauses: Man kommt nicht umhin, ein bisschen zu schmunzeln, wenn man einen Blick auf die Küchenutopien der Vergangenheit wirft. Das Weltraumzeitalter befeuerte Ideen und Träumereien wie jene, die General Motors Mitte der Fünfzigerjahre in seinem „Frigidair Kitchen of Tomorrow“-Konzept vorlegte.
Auch Luigi Colanis Cockpit-Küche aus dem Jahr 1970, in der Brotlaibe und Küchenmaschinen auf Knopfdruck per Gondelsystem aus den Schränken schwebten, blieb ein kühnes Gedankenexperiment. Immerhin: Induktionsherde, Dampfgarer und Mikrowelle setzten sich durch. Sie gehörten schon damals zur Küchenausstattung der Zukunft. Weniger technikgetrieben als von politischen und emanzipatorischen Überlegungen inspiriert, entstanden schon um die Jahrhundertwende Pläne, wie jene der deutschen Vordenkerin und Frauenrechtlerin Lily Braun.
Die Küche sollte ihr zufolge aus der privaten Wohnung verschwinden, in eine zentrale Großküche verlagert werden und Frauen somit von unbezahlter Hausarbeit befreien. Welch ein Rückschritt die Wirtschaftswunderjahre in dieser Hinsicht doch waren. So oder so jedoch zeigt sich: Die Küche ist ein dankbares Experimentierfeld, hier wird nicht selten das Morgen geprobt und über Geschlechterrollen verhandelt. Was also hat die Gegenwart zu bieten an visionären Raumkonzepten und Hightech?
Wovon wird man sich in 50 Jahren augenzwinkernd erzählen, was wird sich als Standardausstattung durchsetzen? Fest steht: Kameras und künstliche Intelligenz sind längst auch in der Küche angekommen. Die Technikmesse IFA, die jüngst in Berlin stattfand, lässt keinen Zweifel daran. So gilt der KI-Backofen „IQ700“ von Siemens als Prototyp des modernen Küchenhelfers.
Im Inneren des Geräts befindet sich eine hitzebeständige HD-Kamera. Mehr als 100 Gerichte – von Pizza und Quiche bis hin zu Gugelhupf und Schweinsbraten – erkennt das selbstlernende System bereits vollautomatisch und schlägt die optimale Heizart, Temperatur und Gardauer vor. Ähnlich arbeitet ein neuer Luxus-Geschirrspüler von Miele, und auch hier scheint der Modellname einem James-Bond-Film entliehen. Mittels Kamera und KI weiß der „G8 Diamond“, ob sich beispielsweise Töpfe, Flaschen oder empfindliche Gläser in seinem Korb befinden.
Wie heiß, wie lang und mit wie viel Reinigungsmittel der Spülgang stattfindet, entscheidet „G8 Diamond“ anschließend allein. Wer sämtliche Entscheidungen an den Haushaltshelfer auslagern möchte, kann zudem per App festlegen lassen, wann das Gerät voll genug ist, um loszulegen. Wirklich praktisch hingegen: Auch der günstigste Stromtarif wird durch die App-Steuerung unkompliziert nutzbarKühlschränke mit Kameras hingegen erlauben beim Einkaufen einen Lebensmittel-Check per Smartphone.
Das große Verstecken ist keine ganz neue, aber eine deutliche Tendenz: Abzugshauben verschwinden in der Arbeitsfläche, Dampfschubladen werken unbemerkt unter Öfen, Induktionskochfelder sind mitunter völlig unsichtbar verbaut. Das große Absenken und Zuklappen prägt die Zeitgeistküche. Und die Planungsvisionäre des Midcentury hätten wohl ihre Freude damit. Ebenso neue Relevanz erfährt die Minikitchen als Gegenstück zur sleeken Riesenküche.
Die „K11“ des Schweizer Herstellers Kitchoo etwa ist für Büros und kleine Wohnräume konzipiert. Auch hier drehten sich die Entwicklungsarbeiten vor allem um das Verstecken. Minikitchen: Joe Colombo legte 1963 seine Kompaktküche vor, nun bei Boffi. Sie kann fast alles, ist aber nur einen Meter breit.
Joe Colombo nahm mit seiner Minikitchen die Idee der Kompaktküche schon 1963 vorweg. Lang tat man sie als unzeitgemäß ab, Boffi legte sie seit den Nullerjahren wieder auf. Sie gilt spätestens jetzt wieder als konsequent vorwärtsgedacht.
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