1939 staunte ganz Wien über die Astoria-Garage: 400 Stellplätze, eine Glaskuppel und eine Waschanlage. Sie war eine der größten Garagen Europas.
1939 staunte ganz Wien über die Astoria-Garage: 400 Stellplätze, eine Glaskuppel und eine Waschanlage. Sie war eine der größten Garagen Europas. Die vor Kurzem dort abgehaltene Artshow hat es deutlich gemacht: Wien besitzt mit der „Astoria-Garage“ ein Architekturjuwel, das seinesgleichen in Europa sucht.
Auf wundersame Weise ist dieses frühe Zeugnis der Automobilgeschichte in Wien-Josefstadt, Trautsongasse 4, erhalten geblieben. Vor dem Abbruch bewahrt, steht die Hochgarage heute unter Denkmalschutz – und lädt zum Nachdenken ein über Entstehung und Funktion dieser spezifisch großstädtischen Infrastruktur. Untrennbar verbunden mit der „Astoria-Garage“ ist der Name Cesar Karrer, wie die Beschriftung über der Einfahrt und an der seitlich angebrachten Gedenktafel verkündet. Doch wer war dieser Mann und in welcher Beziehung steht er zu diesem singulären Bauwerk?
Alles begann mit der „Ärztlichen Zentralgarage“. Sie wurde 1918, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, in den Stallungen der ehemaligen Reitschule des Palais Auersperg errichtet. Forciert von der Vereinigung der Ärzte, die angesichts der grassierenden „Spanischen Grippe“ eine zentral gelegene Sammelgarage benötigte. Mit den dort bereitgestellten Wagen wollte man im Notfall so rasch wie möglich zu den Hilfesuchenden gelangen.
Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten verschob sich die Inbetriebnahme der Anlage – erst im Sommer 1920 konnte damit gestartet werden. Ein Automobil zu besitzen war damals in Wien absoluter Luxus, die Motorisierung ging zunächst nur zögernd vor sich. Im Jahr 1921 zählte man erst rund 5700 Personenkraftwagen. Doch der Trend war eindeutig, die Zahlen stiegen beständig .
Einer, der dies sehr genau erkannte, war Cesar Karrer. Am 8. März 1886 in Gablonz, Böhmen, geboren und aus einem gutbürgerlichen Elternhaus stammend, war er noch im schulpflichtigen Alter nach Wien gekommen. 1903 begann er ein Maschinenbau-Studium an der Technischen Hochschule, das er 1907 abschloss, bald danach fing er als Konstrukteur am mechanisch-technischen Laboratorium der Universität zu arbeiten an.
Im Ersten Weltkrieg engagierte sich Karrer bei verschiedenen automobiltechnischen Versuchen, längst war seine Leidenschaft für das neue Fortbewegungsmittel und alles, was damit zusammenhing, geweckt. 1919 machte sich der erfahrene Techniker als Garagen- und Autowerkstättenbesitzer selbstständig; vier Jahre später übernahm er die Garage in der Trautsongasse, die er baulich adaptierte und in „Astoria-Garage“ umbenannte. Beachtliche 100 Wagenplätze und 50 Einzelboxen konnte er seinen Kunden anbieten, dazu Michelin-Reifen, Benzin, Öl, Reparaturen und eine Ladestation.
In den folgenden Jahren festigte Karrer seinen Ruf als umtriebiger und anerkannter Autoexperte. Bei diversen von Wiener Automobilclubs veranstalteten „Geschicklichkeitstouren“ fungierte er mehrmals als Kontrollor, wie zahlreiche Kollegen der ersten Stunde, die ebenfalls als „alterprobte Automobilisten“ galten. Und er avancierte immer mehr zum Pionier des Wiener Garagenwesens. Im September 1928 gelang es Cesar Karrer, aus dem „Verband der Garagenbesitzer Wiens“ eine eigene Genossenschaft zu formieren.
Diese entwickelte sich unter seinem Vorsitz zur wichtigen politischen Standesvertretung. Eine eigene Fachzeitschrift, „Die Garage“, wurde ins Leben gerufen, bei der er die Chefredaktion übernahm und die als Informationsmedium für sämtliche Belange des neuen Berufsstandes diente. Karrer traf genau den Punkt der Zeit, denn Wien war in den vergangenen Jahren von einem „Garagengründungsfieber“ erfasst worden. Immer mehr Gebäude wurden umgebaut und adaptiert.
So zählte man im Jahr 1931 bereits 440 Garagen in der Stadt, fünf Jahre später waren es 520. In Tageszeitungen und Fachzeitschriften erschienen immer öfter Berichte von sogenannten Hoch- und Turmgaragen, die es schon seit Längerem in den stark motorisierten Ländern USA, Großbritannien und Frankreich gab. London , New York und Chicago waren die diesbezüglichen Pionierstädte; auf dem europäischen Kontinent folgte Paris mit der „Garage Ponthieu“ .
In Deutschland gingen bald danach Leipzig, Halle, Chemnitz und natürlich Berlin diesen Weg der Autostapelung in ihren dicht verbauten Zentren. Und auch in der österreichischen Hauptstadt hieß es nunmehr: „Wien amerikanisiert sich, langsam zwar, aber doch.
“ Man konnte von „Wolkenkratzer-Garagen“ lesen und von Überlegungen für eine neue Großgarage. Cesar Karrer ließ seine „Astoria“ in den Jahren 1935 bis 1938 nach eigenen Plänen und jenen von Franz Mörtinger jun. umbauen und erweitern. Eine Turmgarage mit sechs höhenversetzten Geschoßen, einer wendelförmigen Rampenauffahrt und einer mittigen großen Glaskuppel entstand. Mit rund 400 Stellplätzen die größte Garage Wiens und Österreichs und auch europaweit damals eine der größten ihrer Art.
Die Ausstattung entsprach dem technischen Stand der Zeit: Reparaturwerkstätte, Tankstelle, Waschanlage, Aufzug für die Autobesitzer. All das von der Straße aus bequem erreichbar, wie die „Kleine Volkszeitung“ im Juni 1939 berichtete: „Ja, es ist in der Tat so, daß das in die Garage einfahrende Auto einfach von der Straße weg in eines der Stockwerke dirigiert wird.
Ueber schön angelegte Serpentinen, wie auf einer Bergstraße, fahren die Autos hoch und stellen sich im ersten Stock genau so in Reih und Glied auf wie im letzten Stock.
“ Das Geschäft florierte, nicht zuletzt, weil die „Astoria-Garage“ vom aufkommenden Auto-Tourismus profitierte und viele umliegende Hotels noch keine eigenen Abstellmöglichkeiten anbieten konnten. Nach der Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg und den notwendigen Instandsetzungsarbeiten setzte Karrer seine Tätigkeit als Standesvertreter und Garagenbetreiber fort. Mit mehreren Auszeichnungen bedacht, starb er am 7. September 1963.
Die Garage ging in die Hände seiner beiden Töchter, Felicitas Kodrnja und Silvia Fuchs, über, die sie letztlich bis Ende 2024 betreiben sollten. Nach einer kurzen Zeit der ungewissen Zukunft wurde sie von Jürgen Hesz, Eigentümer des benachbarten Palais Auersperg, erworben. Er erkannte ihren kulturhistorischen Wert, stellte sie für die Artshow zur Verfügung und kann sich auch für die nächsten Jahre temporäre kulturelle Nutzungen vorstellen.
Architektonisch gelten nach wie vor die klugen Worte von Friedrich Achleitner: „Aus seiner äußeren Erscheinung macht der Bau nicht mehr aus sich, als er ist, und das ist in diesem Rahmen der Mittel gerade das Optimale. “
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen
Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Neues Hotelprojekt in Ried ist vorerst vom TischRIED. Laut Bürgermeister Bernhard Zwielehner sei der Bedarf für ein weiteres Hotel derzeit nicht gegeben.
Weiterlesen »
Stier attackiert Landwirt und Cousine in Achenkirch - Notfall und UntersuchungenEin Stier greift am Samstagmorgen auf einem Bauernhof in Achenkirch einen 44-Jährigen und seine 68-jährige Cousine an. Beide mussten mit medizinischem Hubschrauber ins Spital gebracht werden. Ermittlungen zur Ursache der Attacke laufen.
Weiterlesen »
Kommentar: Zeiler und das Märchen vom AufstiegAlle Nachrichten aus Vorarlberg und den Gemeinden sowie aktuelle News aus Österreich und der Welt mit vielen Themen wie Sport, Politik, Stars, uvm.
Weiterlesen »
Vom Schneider-Wahnsinn in Hôi An und anderen OrtenLinda Stift, geboren 1969, ist seit 2014 Redakteurin beim „Spectrum“ der „Presse“. Sie schreibt über österreichische und internationale Literatur, verfasst hin und wieder Theater- und Filmkritiken und denkt sich den „Treffer“ aus, das wöchentliche literarische Rätsel auf der Letzten Seite des „Spectrum“.
Weiterlesen »
