Die legendäre Inszenierung von Harry Kupfer wird an der Wiener Volksoper wieder aufgeführt und überzeugt das Publikum durch historisch akkurate Bühnenbilder, detailgetreue Kostüme und eine musikalisch starke Produktion, die eine Abkehr von modernen Regie-Einfällen hin zu einer werktreuen Inszenierung markiert.
Harry Kupfer s liebevoll-realistische Inszenierung begeistert das Publikum seit 42 Jahren – und erfreut in dieser Wiederaufnahme auch musikalisch. Lebhaftes Treiben auf einem Platz im Paris der 1890er-Jahre, Verkäufer, Flaneure, Soldaten und mittendrin Mimì, Rodolfo und ihre Künstlerfreunde: Im deutschen Sprachraum muss man sich Dutzende von „Bohème“-Inszenierungen anschauen, bis man eine findet, in der das einfach historisch akkurat, geschmackvoll und mit Liebe zum Detail gezeigt wird.
An der Volksoper werden Fans von „werktreuen“ Inszenierungen aber fündig, in Form einer Produktion von 1984: Direktorin Lotte de Beer lässt dort die legendäre „Bohème“ von Harry Kupfer wieder spielen. Dass es bei der Wiederaufnahme für eine derart alte Regie ein so gut wie volles Haus gab, sagt viel über den Wiener Publikumsgeschmack aus: Hier will man offensichtlich zumindest hin und wieder eine Auszeit von wilden Regie-Einfällen und in erster Linie das Stück selbst erleben.
Das Bühnenbild von Reinhart Zimmermann war der heimliche Star des Abends. Aus einfachen Mitteln zauberte er realistische und doch nur theatral angedeutete Orte. Und so war man wirklich im Mansardenzimmer über den Dächern von Paris dabei, fror gemeinsam mit den vier armen Künstlern – und der Ausflug ins Quartier Latin wurde zu einer veritablen Zeitreise.
Das Café Momus stand in voller Pracht mitten auf der Bühne, livrierte Kellner schwirrten herum, der entzückend goldige Kinderchor tanzte durch die Masse und man vergaß für einen Moment all seine Sorgen. Weil man eben in Paris war. Weil man eben mit Marcello mitfieberte, wie er nur irgendwie die Liebe seiner Musetta zurückerobern könnte. Die wunderschönen Kostüme und die zum Heulen schöne Musik Puccinis sorgten für den Rest.
Auf einer Welle der Begeisterung schwebte man in die Pause. Auch musikalisch stand die Wiederaufnahme unter einem guten Stern. Unter der Leitung von Alexander Joel floss die Musik besonders dickflüssig und impressionistisch-weich aus dem Graben, der erfahrene Kapellmeister hatte das Bühnengeschehen bestens unter Kontrolle und auch die Massenszenen waren musikalisch gut koordiniert. JunHo You war der einzige Hauptdarsteller, der an diesem Abend kein Rollendebütant war.
Er überzeugte als Rodolfo auch dieses Mal. Geschickt dosierte er seinen Tenor und in den wenigen Momenten, in denen er gegen ein fast voll aufspielendes Orchester ansingen musste, hatte er genug Reserven, um sich durchzusetzen. Auch unter Halblast war seine Stimme gefällig rund und er fiel zudem noch mit einer klaren Italienischen Diktion auf. Hedwig Ritters Sopran ist recht reif und vollmundig, sie vibrierte zudem recht großzügig.
Das stand ein wenig im Kontrast zu der Rolle, sie spielte die unschuldige Mimì trotzdem überzeugend – und ihre Stimme mischte sich perfekt mit Yous Tenor. Eine Offenbarung aber war Chelsea Guo als Musetta. Sie gab beeindruckend die männervernaschende Femme Fatale und zeigte einen strahlend hellen Sopran. Die gebürtige New Yorkerin studierte an der Juilliard School ursprünglich Klavier und ist auch als Pianistin aktiv; wenn sie so weitermacht, könnte ihr eine Doppelkarriere bevorstehen.
Trevor Haumschilt-Rocha war mit seinem bombenstarken Bariton und seiner Bühnenpräsenz der perfekte Marcello an ihrer Seite. Der große Schlussapplaus erinnerte zum einen wieder einmal daran, warum das B im ABC der beliebtesten Opern für „La Bohème“ steht. Zum anderen aber auch an die Marktlücke historisch akkurater und handwerklich exzellenter Inszenierungen. Im Idealfall sollte es in jedem Opernhaus beides geben: Innovatives Regietheater mit gesellschaftspolitischen Aktualisierungen und abgefahrenen Regie-Ideen, aber auch Produktionen, wie diese.
Es ist ein Glücksfall, dass die Volksoper die Kupfer-„Bohème“ noch im Repertoire hat. Noch besser wäre es, wenn solche Inszenierungen auch nachwachsen würden.
Volksoper Wien Puccini Bohème Harry Kupfer Opernwiederaufnahme Lotte De Beer
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