Vier Jahre Protestbewegung: Die Frauen im Iran widersetzen sich...

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Vier Jahre Protestbewegung: Die Frauen im Iran widersetzen sich...
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Seit dem gewaltsamen Tod der jungen Kurdin Mahsa Jina Amini vor vier Jahren ist der Widerstand der Iranerinnen und Iraner nicht gebrochen. Auch wenn die Gefängnis- und Todesstrafen nicht abreißen.

Seit dem gewaltsamen Tod der jungen Kurdin Mahsa Jina Amini vor vier Jahren ist der Widerstand der Iranerinnen und Iraner nicht gebrochen. Auch wenn die Gefängnis- und Todesstrafen nicht abreißen.

Du fehlst. Ich wünschte, du wärst hier, damit wir gemeinsam durch die Straßen Teherans gehen könnten. Das Gesicht der Stadt hat sich verändert. Sie ist schöner geworden, weil die Mädchen frei geworden sind.

“ Meine Schwester schickte mir diese Nachricht zusammen mit einem Video aus Teheran. Darauf ist eine junge Frau vor einem Café im Stadtzentrum zu sehen. Ein Mikrofon in der Hand, singt sie ein altes Lied. Menschen haben sich um sie versammelt.

Viele Frauen tragen kein Kopftuch und singen mit ihr. Vor vier Jahren wäre eine solche Szene im Iran kaum vorstellbar gewesen. Doch der Tod der 22-jährigen Mahsa Jina Amini, die nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei ins Koma fiel und starb, erschütterte das Land und brachte Millionen Frauen und Männer auf die Straße. Ihr Tod wurde zum Auslöser einer der größten Protestbewegungen im Iran.

„Frau, Leben, Freiheit“, lautete der Slogan. Genau vier Jahre später lässt sich ein Teil dessen, was sich seither verändert hat, vielleicht genau in diesem Video erkennen: in Frauen, die kein Kopftuch mehr tragen. In einer jungen Frau, die auf der Straße singt. In Frauen, die offen mit ihr mitsingen.

Doch bedeutet dieses Bild tatsächlich, dass die Frauen im Iran frei geworden sind? Oder haben Frauen durch ihren Widerstand lediglich die Grenzen des Erlaubten verschoben? Kimia, eine Musikerin, die das Instrument Setar spielt, wurde während der Protestbewegung festgenommen. Auch heute glaubt sie, dass der Kampf der iranischen Frauen nicht vorbei ist.

Sie mögen sich die Straßen teilweise zurückerobert haben und ohne vorgeschriebene Kopfbedeckung unterwegs sein können. Doch sie wissen nicht, ob sie das auch morgen noch dürfen – oder ob die Sittenpolizei wieder auf die Straßen zurückkehrt. Was heute öffentlich zu sehen sei, so Kimia, sei daher noch kein gesetzlich garantiertes und dauerhaft verankertes Recht, sondern das Ergebnis des Widerstands der Bevölkerung, insbesondere der Frauen, gegen die Islamische Republik. Dieser „Kampf“ sieht für jede Frau anders aus.

Für die eine bedeutet er, das Kopftuch abzunehmen; für die andere, zu singen oder zu protestieren. Für manche Frauen hat der Kampf jedoch zu Verhaftung, Gefängnis und sogar einem Todesurteil geführt. Wenige Tage nach dem Video aus Teheran schickte mir eine Freundin ein weiteres Video. Diesmal sang keine Frau auf der Straße.

Es war eine Frau, deren Stimme von der Straße verschwunden war. Ihr Name ist Sevda Ebrahimi. Die 32-Jährige aus Bandar Abbas wurde vor Kurzem zu Tode verurteilt. Gegen sie werden unter anderem Vorwürfe wie „Beleidigung des Obersten Führers“ sowie das Fotografieren und Weiterleiten von Bildern an Exil-Medien erhoben.

Laut ihrer Freundin Shima waren die Behörden lange auf der Suche nach ihr; Sevda musste sich versteckt halten. Auch ihr Partner, Seyed Ahmad Kazemi Shahrouei, wurde am 9. Jänner auf der Straße getötet. Sevda war von seinem Tod zutiefst erschüttert, sagt Shima.

„Wenn morgen wieder dazu aufgerufen wird, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, werde ich wieder gehen“, heißt es in Sevdas letztem Instagram-Post, „so lange, bis ich entweder sterbe oder die Islamische Republik nicht mehr existiert. Wenn ich sterbe, sollt ihr wissen, dass ich einen Weg gewählt habe, an den ich geglaubt habe.

“Vier Jahre nach Beginn der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung hat sich ein Teil des Kampfes iranischer Frauen von den Straßen hinter die Gefängnismauern verlagert. Unter ihnen sind Pakhshan Azizi, Arghavan Fallahi, Zahra Shahbaz-Tabari, Maryam Hedavand, Mahnaz Chardoli, Leila Abolhassani, Taraneh Rahimi, Varisheh Moradi und Nasimeh Eslamzhei – Frauen mit unterschiedlichen Geschichten, aber einem gemeinsamen Schicksal: Ihr Leben hängt nun an Verfahren, die die Islamische Republik gegen sie eröffnet hat.

Die Geschichte von Nasimeh Eslamzhei und ihrer Tochter Tasnim ist besonders bitter – sie zeigt, welchen Preis die Frauen für ihren Widerstand bezahlen. Nasimeh wurde festgenommen, als sie schwanger war. Ihre Tochter kam im Gefängnis zur Welt und verbrachte ihre ersten Lebensjahre hinter Gefängnismauern. Statt eines Zuhauses kannte sie Zellen und statt Kinderlachen das Geräusch sich öffnender und schließender Eisentüren.

Tasnims Vater, Arsalan Sheikhi, wurde im Jänner 2026 hingerichtet. Sepideh Gholian, die selbst jahrelang im Gefängnis war und mit zahlreichen weiblichen politischen Gefangenen inhaftiert wurde, glaubt, dass sich nach „Frau, Leben, Freiheit“ nicht nur das Verhalten der Frauen auf der Straße verändert hat. Auch das Bild der politischen Gefangenen habe sich verändert.

„Frauen, die nach der Tötung von Mahsa Jina Amini auf die Straße gingen, protestierten nicht mehr nur gegen ein einzelnes Gesetz oder für eine konkrete Forderung. Für sie ging es um eine ganze Reihe von ,Neins‘: Nein zu Demütigung, nein zu Zwang, nein dazu, keine Kontrolle über den eigenen Körper zu haben, und nein dazu, aus Angst vor Strafe zum Schweigen gezwungen zu werden“, sagt sie. Selbst im Gefängnis hätten diese Frauen nicht mehr alle auferlegten Regeln akzeptieren wollen.

„Das Gefängnis versucht immer, Menschen voneinander zu trennen – von ihren Familien, von der Gesellschaft, von sich selbst. Aber die Frauen brachten nach der Bewegung ,Frau, Leben, Freiheit‘ etwas mit ins Gefängnis, das die Regierung ihnen nicht wegnehmen konnte: die gemeinsame Erfahrung, keine Angst zu haben.

“Für Gholian ist genau diese Veränderung eine der wichtigsten Errungenschaften der Bewegung. Viele inhaftierte Frauen sahen sich nicht mehr nur als Gefangene, die der Regierung ihre Unschuld beweisen mussten. Sie sagten, dass sie etwas getan hätten, woran sie glaubten – und dass sie bereit seien, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

„Das Gefängnis hat dann die größte Macht, wenn es einen Gefangenen dazu bringt, sich zu fragen: Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht? “, sagt Gholian. „Wenn jemand jedoch mit der Gewissheit ins Gefängnis kommt, dass er das Recht hatte zu protestieren, das Recht hatte zu wählen und das Recht hatte, ,Nein‘ zu sagen, kann das Gefängnis nicht mehr auf dieselbe Weise wirken. “ Doch das bedeute nicht, dass die Bewegung beendet sei.

Sie bleibe so lange lebendig, solange es Frauen gebe, die bereit sind, diesen hohen Preis zu zahlen. Vier Jahre Kampf haben im Iran viele Bilder erzeugt. Für die Frauen, vor allem in den urbanen Gebieten, haben sich die Grenzen dessen, was auf den Straßen möglich ist, verschoben. Doch für diese Realität hat die Zivilgesellschaft einen enorm hohen Blutzoll bezahlt.

Trotzdem, oder gerade deswegen, halten vor allem die Frauen weiterhin an ihrer Entscheidung – und dem Widerstand – fest. Solange, bis sie echte Freiheit erreicht haben.

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