Matthias Auer ist seit 2008 Teil des Wirtschaftsressorts der „Presse“ und schreibt dort vor allem über Energie, Innovation und Klima(politik) sowie über deren Folgen für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit im Land. Er leitet das „Klima-Team“ im Haus und schreibt eine wöchentliche Kolumne in der „Presse am Sonntag“.
Österreichs neue Liebe zu staatlichen Preiseingriffen sei fatal, sagt Energiemanager Ulrich Streibl: „Wenn eine Regierung alles tut, um Unternehmen das Leben schwer zu machen, darf ich mich nicht wundern, wenn es kein Wirtschaftswachstum gibt“.
Die Presse: Österreich produziert rund 80 Prozent seines Strombedarfs günstig mit Erneuerbaren. Warum ist Elektrizität bei uns dann trotzdem teurer als in vielen anderen Ländern? Ulrich Streibl: In guten Jahren decken wir sogar 90 Prozent des Bedarfs mit sauberem Strom. Aber auch das heißt, dass wir nicht genug haben.
Und jede Knappheit führt dazu, dass die Preise steigen. Beim Strom schlägt Knappheit besonders stark durch, weil man ihn nicht speichern kann. Wir brauchen mehr Eigenerzeugung, damit wir nicht auf teure Stromimporte angewiesen sind. Und wir brauchen stärkere Grenzleitungen, damit wir den Strom auch kaufen können, wenn er etwa in Deutschland günstig zu haben ist.
Die Regierung wünscht sich Preise um zehn Cent je Kilowattstunde. Das darf man sich als Politik wünschen. Nur: Die Energiewirtschaft funktioniert eben nicht so. Kein Energieanbieter in Österreich kann seinen Strom um zehn Cent verkaufen, ohne Verluste zu machen.
Trotzdem haben wir gesehen, dass der staatliche Verbund und viele Landesenergieversorger dem Ruf gefolgt sind. Wenn ich im Großhandel Strom für einen Haushaltskunden einkaufe, kostet das 16 Cent je Kilowattstunde. Öffentliche Unternehmen verkaufen den Strom aber an den Endkunden um zehn Cent. Ich bekomme diesen Preis nicht.
Alle, die solche Tarife anbieten, machen Verluste. Öffentliche Unternehmen können das machen, weil diese Verluste letztlich in den Staatshaushalt gehen. Am Ende belasten wir damit das Steuerbudget. Das können private Anbieter nicht.
Wir sehen, dass sich die privaten Anbieter aus diesem Preiskampf zurückgezogen haben, weil sich solche Kampfangebote wirtschaftlich nicht darstellen lassen. Für uns heißt das aber natürlich, dass wir im Vertrieb im Moment nicht so wachsen können, wie wir wollen. Am Ende werden diese Verlusttarife aber bei allen Schaden anrichten. Das ist genau so ein Fall, in dem mit der Gießkanne sinnlos Geld ausgeschüttet wird.
Ich hätte mir gewünscht, dass wir sagen: Na gut, wenn alle drei Jahre irgendwelche geopolitischen Krisen dazu führen, dass Benzin- und Dieselpreise steigen, dann schauen wir, dass wir den Übergang zur Elektromobilität beschleunigen. Was macht die Regierung? Sie verteuert die Elektromobilität durch Steuern auf Elektroautos, macht Diesel-Lieferfahrzeuge billiger und senkt jetzt noch die Spritpreise. Das macht überhaupt keinen Sinn.
Ganz egal, ob an der Tankstelle oder am Wohnungsmarkt: Sobald die Politik glaubt, sie muss in den freien Markt eingreifen, wird das immer negative Konsequenzen haben. Vor wenigen Monaten wollte Kanzler Stocker noch die über hundert Netzbetreiber im Land zusammenführen. Davon ist nichts mehr zu hören. Mit der Oekostrom AG planen Sie dennoch ein starkes Wachstum.
Die vierte Kapitalerhöhung in wenigen Jahren soll das Geld dafür bereitstellen. Welche konkreten Projekte stecken dahinter? Wir haben uns mit dem Geld aus drei Kapitalerhöhungen in der Erzeugung verdreifacht. Wir haben Dividenden gezahlt, etwa 30 Prozent vom Gewinn, und 70 Prozent vom Gewinn für den weiteren Ausbau genutzt.
Jetzt nehmen wir uns für die nächsten zehn Jahre vor, uns noch einmal ungefähr zu verdoppeln. Ganz konkret geht es um die einen großen Agri-PV-Park in Oberösterreich, Stromspeicher im Burgenland und um Windkraft in Niederösterreich. Zuletzt waren Sie vermehrt im Ausland tätig. Die Projekte sind alle in Österreich angesiedelt.
Ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Gegebenheiten am Heimmarkt verbessert haben? Zum Glück sind unsere Investitionszyklen 25 Jahre lang und ich bin überzeugt, dass die momentane investitionsfeindliche Wirtschaftspolitik nicht auf Dauer bestehen wird. Ich lebe hier mit meiner Familie, ich mag Österreich, ich glaube an Österreich. Deshalb investieren wir auch hier.
Aber die Dinge, die die Politik in den letzten Jahren getan hat, waren nicht gut. Wir haben die Wirtschaft ständig mit erratischen Sondersteuern belastet. Bei der Bevölkerung ist es ähnlich: Wenn jemand von Teilzeit auf Vollzeit aufsteigt, muss er von drei Euro, die er mehr verdient, zwei dem Staat geben. Warum sollte ein junger Mensch in Österreich arbeiten, wenn er hier einen Spitzensteuersatz von 55 Prozent zahlt und in den USA nur 35?
„Bei Open AI arbeiten die meisten Leute sechs bis sieben Tage die Woche und werden dementsprechend bezahlt. Bei uns ist das illegal“, erklärte Peter Steinberger nach seinem aufsehenerregenden Wechsel zu OpenAI. Jetzt würde wahrscheinlich zumindest der Wirtschaftsminister entgegenhalten, dass die Regierung ohnedies versuche, die Wirtschaft in Schwung zu bringen und Belastungen zu reduzieren. Stichwort: Beschleunigungsgesetz – bringen die nichts?
Ja und nein. Sie erleichtern formal das Tun, das ist gut. Aber es fehlt eine klare Strategie, wie Österreich wieder nach vorne kommen soll. Eine Ansage wie: Wir bauen jetzt die erneuerbaren Energien aus, weil das unserem Land hilft, erstens ökologisch, zweitens ökonomisch.
Die gibt es nicht. Stattdessen dürfen Unternehmer in Österreich nur eines nicht tun: erfolgreich sein. Denn wenn Sie erfolgreich sind, können Sie sicher sein, dass der Finanzminister kommt und Ihnen eine neue Sondersteuer aufbrummt. Die Banken waren erfolgreich und haben die Bankenabgabe bekommen.
Die Energieversorger waren erfolgreich, schon war der Energiekrisenbeitrag da. Kaum haben die Supermärkte etwas verdient, kam die Preiskontrolle. Wenn eine Regierung alles tut, um Unternehmen das Leben schwer zu machen, darf ich mich nicht wundern, wenn es kein Wirtschaftswachstum gibt. Als Manager äußere ich mich nie zu Parteien und auch nie zu Personen.
Aber Parteien bilden letztlich die Regierung. Und diese ganze Regierung ist sehr investitions- und leistungsfeindlich. Das gilt unisono. Jeder Impuls, der hilft, das System wirtschaftsfreundlicher zu machen, ist ein guter.
ist seit 2020 im Vorstand der Oekostrom AG. Zuvor war der gebürtige Bayer Finanzchef bei Eon, Strategiechef der OMV und Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft im Umweltbundesamt. Streibl lebt mit Frau und drei gemeinsamen Kindern in Wien.
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