Der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech hat einen autobiografischen Roman über seine Erfahrungen als Frontkämpfer, die Zerbrechlichkeit des Lebens im Krieg und seine Rettung durch die Musik...
Die Presse: Wir sprechen in einer Station der Kiewer Metro, weil über uns Drohnen kreisen. Suchen Sie sonst auch Schutzräume auf? Artem Tschech: Normalerweise nur, wenn ballistische Raketen im Anflug sind.
Dann zwingt mich mein Sohn, in den Schutzraum zu gehen. Früher hat ihn das überhaupt nicht beunruhigt. Die Angriffe waren ihm egal, als er zwölf, dreizehn Jahre alt war. Jetzt ist er 16.
Er beginnt, die Zerbrechlichkeit des Lebens zu begreifen. Ihm ist wichtig, dass meine Frau und ich hinuntergehen, damit wir am Leben bleiben. Nach dem Start einer ballistischen Rakete haben wir zwei Minuten, um vom siebenten Stock in den Keller hinunterzukommen. Wenn wir den Keller betreten, hören wir schon die Einschläge.
Dann sagen wir uns: Sie haben geschossen, wir können wieder schlafen gehen. Ihr Roman „Musik für einen Soldaten“ beginnt mit dem russischen Überfall. Sind diese Tage bis heute lebendig? Die ersten Kriegstage sind für mich wie Kindheitserinnerungen.
Allgemeine emotionale Bilder, etwas weit Entferntes. Früher war ich Infanterist, ein Soldat mit Sturmgewehr. Heute bin ich ein Mensch mit Tastatur. Das ist ein völlig anderer Dienst.
Heute beschäftigen uns andere Dinge, zum Beispiel die Finanzen. In den ersten Kriegstagen dachte man nicht über Geld nach. Die Soldaten, die in Kiew dienen, müssen von ihrem Sold – ein paar hundert Euro – irgendwie überleben. Niemand von uns hat vorher so wenig verdient.
Ich habe als Schriftsteller immerhin noch ein anderes Einkommen. Sie schreiben, dass es für Sie einfacher war, in den Krieg zu gehen, als vor ihm davonzulaufen. Können Sie erklären, warum? Wie hätte ich mich vor diesem Krieg verstecken sollen?
– mit der Bekanntheit und mit der Erfahrung aus dem ersten Krieg im Donbass. Das wäre unbegreiflich und unmöglich gewesen. Ich sehe Männer, die sich vor dem Krieg verstecken, sehe, wie schwer ihr Leben ist. Sie sind oft nahe am Nervenzusammenbruch, weil sie Angst haben, auf der Straße erwischt zu werden.
Sie gehen nicht mehr hinaus. Ich kenne Männer, die sich schämen, ihren Frauen in die Augen zu sehen. Für mich geht es um Ehrlichkeit, die es einem erlaubt, sich nicht vor sich selbst zu schämen. Der Krieg macht Angst.
Wir wussten nicht, wohin wir gingen. Der Tod ist etwas, das anderen passiert und nicht dir selbst. Ich lebe, und deshalb kann ich darüber heute aus der Perspektive meines Glücks sprechen, das mir erlaubt hat, am Leben zu bleiben. Niemand wollte in den Krieg.
Ich kenne keinen einzigen Menschen, der gerufen hätte: „Hurra, Krieg!
“ Das ist nicht 1914, als russische oder deutsche junge Männer begeistert loszogen, um ein Gebiet zurückzuerobern. Es war klar, dass es ein Fleischwolf werden würde. Der Protagonist möchte am liebsten seine Uniform ausziehen und alles Erlebte vergessen. Kann man jemals wieder zum Zivilisten werden?
Ja. Allerdings war das ein anderer Krieg. Ich hatte zehn Monate ununterbrochenes Sitzen im Schützengraben hinter mir. Die Rückkehr fiel mir schwer.
Ich habe lange gebraucht, um mich wieder in meine Familie und in die Gesellschaft zu integrieren. Ich wusste lange nicht, wie ich weiterleben und mein Leben aufbauen sollte. Ich hatte die Literatur nicht mehr, keine Erfolge, keinen Beruf. Ich war ein 30-jähriger Veteran, der sein Leben neu beginnen musste.
Aber ich habe es geschafft. Ich habe mir einen bodenständigen Beruf gesucht und parallel dazu Bücher geschrieben. Später habe ich ausschließlich vom Schreiben gelebt. Und dann begann der neue, große Krieg.
Meine Rückkehr ein Jahr nach Beginn der Invasion – konkret im Sommer 2023 – dauert bis heute an. Ich fühle mich wie in einem Fegefeuer. Ich bin nicht zu Hause, also kein Zivilist, aber auch nicht vollständig Soldat. Es gibt keine klare Grenze.
Deshalb zieht sich diese Rückkehr in die Länge. Und das zermürbt mich, meine Familie und Angehörigen. Die Musik wird zu einem Raum der inneren Freiheit des Protagonisten. Hat sie ihn gerettet?
Wenn sie ihn gerettet hat, dann auf jeden Fall vor dem Wahnsinn. Für den Erzähler ist die Musik eine Brücke zum zivilen Leben. Es ist die Musik, die er vor dem Krieg gehört hat. Etwas Gutes, etwas Freundliches, das er aus dem früheren Leben mitgenommen hat.
Alles andere ist schmutzig, böse, schlecht. Und diese Musik hat er mitgebracht, er trägt sie mit sich. Sie hat für ihn tatsächlich etwas Rettendes, etwas, das ihn vielleicht an manchen Stellen sogar heilt. Ihr Buch keine Heldengeschichte, sondern eher die Geschichte innerer Zweifel und Krise.
Wie ist die Öffentlichkeit mit dieser komplexen Erfahrung umgegangen? Die literarische Szene hat das Buch gut aufgenommen. Es hat sich 10.000 Mal verkauft. Ist das gut?
Es gab schon Besseres. Die Ukrainer lesen derzeit nicht gern über den Krieg. Sie denken sich: „Du gehst auf die Straße – dort ist der Krieg. Warum soll ich noch über die Erlebnisse eines anderen lesen?
Ich habe schon selbst viel durchgemacht. Warum soll mich interessieren, was du durchgemacht hast?
“ Aber ich war überrascht. Ich hatte gedacht, dass das Buch schlechter laufen würde. Was die Verkäufe betrifft, aber auch die Reaktionen. Solche direkten Rückmeldungen erreichen mich selten – dass jemand zu mir kommt und sagt: „Danke, dass du dieses Buch geschrieben hast.
“Jeder Soldat, der an der Front war, ist auf die eine oder andere Weise ein Mensch mit einem gewissen Trauma und mit Erfahrungen, die für einen Zivilisten nur schwer verständlich sind. Posttraumatische Belastungsstörungen, Folgen von Explosionstraumata, abweichendes Verhalten oder Aggression sind gesellschaftliche Herausforderungen. Wenn in eine zivile Gesellschaft plötzlich ein fremdes, destruktives Element eindringt, wird diese Gesellschaft diese Invasion abwehren, ähnlich wie eine gesunde Zelle. Sie wird dieses Element nicht aufnehmen wollen.
Obwohl sie weiß, dass dieser Mensch seine Gesundheit, seine Zeit, seine Arbeit und Familie geopfert hat, damit diese Gesellschaft überleben konnte. Man muss der Gesellschaft erklären, dass das normal ist und dass sie sehr viel tun muss, um diesen Menschen aufzunehmen, um eine Form der Kommunikation mit ihm zu finden. Damit dieser Mensch spürt, dass man auf ihn gewartet hat. Es gibt Soldaten, die zu schreiben beginnen, und Schriftsteller, die Soldaten werden.
Gibt es Unterschiede oder gar Konflikte zwischen diesen Gruppen? Einen kleinen Konflikt gibt es zwischen Soldaten, die begonnen haben zu schreiben, und Literaten, die nicht in den Krieg gegangen sind. Der Wunsch eines Veteranen, der ein Buch geschrieben hat, sich in den Literaturbetrieb zu integrieren, ist verständlich. Ebenso verständlich ist die Sicht eines etablierten Literaten, der seit 15 oder 20 Jahren Bücher veröffentlicht und einfach Schriftsteller ist.
Er kann diesen Menschen als Veteranen anerkennen. Aber ihn vollständig als Schriftsteller anzuerkennen, ist nicht immer möglich. Nicht alle schreiben schlecht. Aber unter der Masse von Menschen, die zu schreiben begonnen haben, gibt es leider viele, deren Texte schlecht sind.
Das Schreiben ist eine wunderbare Form der Therapie und Möglichkeit der Selbstheilung. Aber schlecht ist schlecht. Es spielt keine Rolle, welche Heldentaten du an der Front vollbracht hast und was du für die Verteidigung des Landes getan hast. Wenn ein Veteran beispielsweise irgendwo Fliesen verlegt und das schlecht macht, wird er entlassen.
Er wird nicht rufen: „Ich habe gekämpft, gebt mir diese Arbeit!
“ Es gibt also einen gewissen Konflikt. Aber er ist lokal, klein und beeinflusst den Literaturbetrieb nicht stark. Ich bin grundsätzlich dafür, dass möglichst viele Menschen schreiben. Aus Quantität entsteht manchmal Qualität.
Wir wissen nie, welcher Schützengraben uns ein neues Genie schenken wird. Sie haben mehrere Romane veröffentlicht. Warum haben Sie beschlossen, erneut über den Krieg zu schreiben? Ich habe eine gewisse Erwartung meiner Leser gespürt.
So nach dem Motto: Na gut, du hast nach deinem ersten Einsatz „Nullpunkt“ geschrieben. Schreib doch auch jetzt etwas! Jutta SommerbauerJa. Und es gab das Material.
Ich habe während meines Dienstes im ersten Kriegsjahr sehr viel geschrieben. Ich hatte viele Texte und habe sie in einer einzigen Textdatei gesammelt. Dann wurde mir klar, dass darin sehr viel redaktionelle Arbeit steckt und ich damit spielen kann: aus einem Essay einen Satz nehmen, aus einem anderen zwei Absätze, etwas dazuschreiben, etwas löschen – und daraus ein Buch machen. Ich habe dieses Buch innerhalb von zwei Wochen geschrieben.
Die Texte waren ja schon da. Danach habe ich noch ein halbes Jahr weiterredigiert und es verfeinert. Da war es für mich so: Jetzt bin ich damit fertig. Von jetzt an werde ich schreiben, was mir gefällt.
Ich möchte literarische Prosa schreiben. Wie geht es Ihnen damit, dass Sie im deutschsprachigen Raum als Autor von Büchern über den Krieg wahrgenommen werden? Offenbar gibt es beim deutschsprachigen Leser eine Nachfrage. Ich entscheide nicht, welches Buch übersetzt wird.
Mein Übersetzer schlägt es vor. Oder meine Agentin sagt: Die Deutschen haben die Rechte gekauft. Jetzt habe ich Klett-Cotta meinen jüngsten Roman mit dem Titel „Wir haben dich nicht erwartet“ untergeschoben. Und sie scheinen daran interessiert zu sein.
Es ist ein Roman über einen berühmten ukrainischen Künstler, der in den Krieg zieht und in schwierige Umstände gerät. In einer fiktiven Stadt kommt seine gesamte Einheit ums Leben. Er selbst entkommt wie durch ein Wunder. Als er im Krankenhaus landet, erfährt er, dass er für tot erklärt wurde.
Er beschließt, dieses Spiel mitzuspielen, und reist inkognito ins heutige Kiew. Dort liest er in den sozialen Netzwerken über sich selbst: Wie sehr er geliebt wurde, wie man um ihn trauert. Nun muss er entscheiden, wie er weiterleben will. Artem Tschech ist Autor mehrerer Romane, darunter „Kwartal D.“ über das Aufwachsen in einer Provinzstadt.
Sein jüngstes Werk trägt den Titel „Wir haben dich nicht erwartet“. Auf Deutsch sind seine Erfahrungsberichte aus den russisch-ukrainischen Kriegen erhältlich: In „Nullpunkt“ beschreibt er in lakonischem Ton seinen Wehrdienst im Donbass 2015/16.
„Musik für einen Soldaten“ ist ungleich schwermütiger. Ukrainische Autoren, darunter solche, die als Soldaten dienen, suchen eine Sprache für die Allgegenwart des Krieges: Artur Drons vielbeachteter Poesieband „Wir waren hier“ und seine Erzählungen unter dem Titel „Hemingway hat keine Ahnung“ erscheinen im Herbst 2026 im Weimarer Mauke Verlag. Auch Artem Tschapaj reflektiert in seinen Büchern über die neue Realität in seinem Land.
Serhij Zhadan, der vielleicht bekannteste zeitgenössische Autor aus der Ukraine, veröffentlichte im Vorjahr neue Erzählungen unter dem Titel „Keiner wird um etwas bitten“.
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen
Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Grazer Forscher warnen vor neuer SicherheitslückeForscher der TU Graz haben Schwachstellen in den Dateibenachrichtigungssystemen von gängigen Betriebssystemen wie Windows, Linux, Android oder macOS ...
Weiterlesen »
Spritpreisbremse rechtzeitig vor Start beschlossenWIEN. Im Nationalrat gab es einen heftigen Schlagabtausch rund um die Spritpreisbremse.
Weiterlesen »
Uli Brée: Der passionierte Leser und Autor, der in den Bergen lebtDer Tiroler Autor Uli Brée erzählt, wie Lesen seine Kreativität beflügelt, welche Bücher seine Figurenerstellung beeinflussen und wie er in seinen Büchern das Böse neu interpretiert. Er beschreibt auch seine skeptische Haltung zu Konfliktbüchern und wie er Literatur im Alltag erlebt. Insgesamt ein Einblick in das Leben, die Werke und die Lieblingsautoren eines erfahrenen Schriftstellers und Journalisten.
Weiterlesen »
Russland kürzt für seinen Krieg die SozialausgabenAngesichts drastisch steigender Rüstungsausgaben will Russland die Sozialausgaben kürzen. Laut den Behörden hat der Sieg im Krieg gegen die Ukraine ...
Weiterlesen »
