Orgien, Genderverwirrungen und betörend schöne Musik: Stefan Herheim eröffnete die Saison mit einer ebenso komischen wie schlüpfrigen Inszenierung der Barockoper von Francesco Cavalli.
Orgien, Genderverwirrungen und betörend schöne Musik: Stefan Herheim eröffnete die Saison mit einer ebenso komischen wie schlüpfrigen Inszenierung der Barockoper von Francesco Cavalli. Den Großen Bären kennt fast jeder, die Geschichte hinter dem berühmtesten Sternbild des Nordhimmels wird aber den wenigsten bekannt sein.
Sie ist wild, sexy und sehr unterhaltsam – zumindest in der Barockoper „La Calisto“ von Francesco Cavalli. Die gewohnt lustvoll verspielte Regie von Intendantbescherte zunächst eine riesige, pink leuchtende Vulva, die die ganze Höhe des eisernen Vorhangs einnahm und sich langsam öffnete. In den Untiefen des Geschlechtsteils erblickte man eine korpulente Eva , die zu Tugend und Enthaltsamkeit aufrief, während sie sich in der Gesellschaft einer Schlange sinnlich räkelte.
In dieser Inszenierung hatte alles einen doppelten Boden: Eva ist ein Mann und alles andere als jung, schön oder tugendhaft. Nach diesem nicht gerade jugendfreien Prolog erschien ein Feuerwehrmann in Vollmontur, um die brennende Erde zu löschen. Es war Jupiter, der sich prompt in die schöne Calisto aus dem Gefolge der Jagdgöttin Diana verliebte. Unter der Feuerwehrmontur trug er einen weißen Smoking, mit seinen gegelten Haaren erinnerte er an schmierige Typen à la.
Calisto verfiel dem „notgeilen Zauberer“, wie sie ihn nannte, aber auch dann nicht, als er nur noch ein schwarzes Korsett mit einem brillantenbesetzten Halbmond vor dem Geschlecht trug. Und hier begann die lange, an Verwirrungen, Vergewaltigungen und Genderverwechslungen reiche Geschichte. Jupiter verkleidete sich als Diana, um doch zu seinem Schäferstündchen mit Calisto zu kommen und dabei am besten auch seiner eifersüchtigen Ehefrau nicht aufzufallen.
Das klappte zunächst: Calisto fielen weder die Brusthaare noch das raue und ungelenke Falsett von Milan Siljanov auf . Doch dann erschienen die echte Diana, Jupiters zornige Frau, eine Horde sexbesessener Satyrn und der Geliebte Dianas – und die Handlungsstränge wurden so virtuos durcheinandergewirbelt, dass es einem fast schwindelig wurde.
„La Calisto“ ist die letzte Oper des Librettisten Giovanni Faustini, der kurz nach der Premiere starb. Ob das Zügellose an einer Überdosis Morphium lag oder ob er es noch einmal so richtig zeigen wollte, ist unklar. Jedenfalls erinnert das Stück an die wildesten Filmkomödien der Achtzigerjahre, ohne Scheu vor politisch unkorrekten, aber umso lustigeren Witzen, viel Sex und unrealistischen Plot-Twists. Herheim nahm die Herausforderung an und kostete den Schmäh genüsslich aus.
Bei den Venezianern fiel die Oper 1651 krachend durch, in Wien amüsierte sich das Publikum prächtig. Am lustigsten war mit Abstand Marcel Beekman, der mit künstlicher Wampe und blonder Perücke als tollpatschige Nymphe bravourös Dick und Doof in einer Person vereinte. Auch die Titelpartie war glänzend besetzt: Vera-Lotte Boecker ist eine begnadete Performerin. Sie tanzte gut, verkörperte sowohl den Bären als auch die kecke, freigeistige Jungfrau meisterhaft.
Auch musikalisch war sie beeindruckend, wenn auch etwas ungewöhnlich: Sie trug ihren voluminösen Sopran recht dick auf, vibrierte genüsslich und sang die frühbarocke Musik Cavallis fast so romantisch, als wäre die Oper von Verdi. Kombiniert mit dem historisch informierten, tänzerischen Originalklang von „L’Arpeggiata“ im Orchestergraben ergab das eine ungewohnte Mischung. Sie ging aber dank der Musikalität der Sängerin und ihrer warmen Stimme überraschend gut auf.
Auch die beiden anderen Frauenrollen brachten starke Stimmen mit: Der Mezzo von Luciana Mancini als Diana war rund und durchsetzungsstark, Giuseppina Bridelli sang klar und historisch informierter als der Rest des Ensembles. Von den zwei Countertenören fiel Jake Arditti auf, der voll in seiner Rolle als Satyr aufging und eine verhältnismäßig große Stimme zeigte. Obwohl das Stück nur knappe zehn Jahre nach Monteverdis „Poppea“ entstand, ist es musikalisch schon weit weg vom rezitierenden Großmeister.
Cavalli setzt viel stärker auf eingängige Arien, die mit mitreißend pulsierender Tanzmusik ergänzt werden, die Christina Pluhars Originalklangorchester zum Dahinschmelzen schön spielte. Dazu gab es auch noch eine exzellente Tanztruppe, deren Nummern immer wieder in Orgien ausarteten , schöne Kostüme und ein abstraktes, viel mit Licht arbeitendes Bühnenbild . Unterhaltsamer kann eine Saisoneröffnung kaum sein. Neben Lachmuskelkater hinterließ der Abend ob der ausgenutzten Calisto freilich auch einen bitteren Nachgeschmack. Das Publikum goutierte die starke Leistung mit Jubel.
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