Der Missbrauchsfall des Kabarettisten Günther Paal verdeutlicht, dass Täteraufklärung und niederschwellige Beratungsangebote entscheidend für den Opferschutz sind. Experten betonen Prävention, dass 90 % der Täter keine Pädophilen sind, und fordern Problembewusstsein und Selbstkontrolle durch spezielle Projekte wie "Nicht Täter werden".
Der Kindesmissbrauchsfall des Kabarettisten Günther „Gunkl“ Paal wirft einmal mehr die Frage auf, wie Opfer besser geschützt und Verbrechen verhindert werden können. Eine Antwort liegt laut Fachleuten in der Täterarbeit.
„Täterarbeit ist immer auch Opferschutz“, sagte Johanna Zimmerl von der Kinderschutzorganisation die möwe am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal. Beratungsangebote wahrnehmen sollten sowohl Betroffene als auch Täter, so die Expertin.
Schließlich spiele hier Prävention eine „hochrelevante“ Rolle. Bei sexuellem Kindesmissbrauch würde Pädophilie nicht den größten Anteil darstellen, sagte Zimmerl. Jedenfalls bedürfe es hier niederschwelliger Beratungsangebote für Täter. Anlaufstellen dafür seien etwa die Männerberatung Wien und das Dunkelfeldprojekt „Nicht Täter werden“.
Laut Jonni Brem, dem Koordinator des Projekts, sind 90 Prozent der Sexualdelinquenten keine Pädophilen, obwohl sie Kinder missbrauchten. Kinder würden Opfer, „weil sie verfügbar sind“, so Brem. Täter nutzten die wehrlose Position von Kindern aus. Folglich sei es wichtig, bei den betroffenen Männern ein Problembewusstsein zu erreichen.
Im Fall der Pädophilie gehe es für die betroffenen Männer darum, ihr problematisches und verborgenes, auf Kinder gerichtetes Begehren zu erkennen und „ihre Lust zu verstehen“, heißt es dazu auf der Website der Männerberatung. Betroffene Männer könnten lernen, die Kontrolle über ihre Neigung zu erlangen. Dadurch könnten sie trotz ihres Begehrens und ihrer Wünsche die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen respektieren und die Grenzen gegenüber den Minderjährigen wahren, heißt es.
Hedwig Wölfl, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren, sagte: „Was an einem Missbrauchsfall rund um eine prominente Person deutlich wird, ist die Dunkelziffer, die dahintersteht, und die ist enorm.
“ „Wenn ein prominenter Fall auftritt, dann sind die Titelblätter sozusagen voll, und die Republik diskutiert darüber“, sagte auch Christoph Gleirscher, Geschäftsführer des Hilfswerks Niederösterreich, bei der Pressekonferenz. „Aber jeden Tag passieren solche Dinge, und jeden Tag gibt es Menschen, die dieses oder Ähnliches oder Schrecklicheres erlebt haben und die auf Wartelisten in unseren Einrichtungen sind.
“Was den konkreten Opferschutz betrifft, sagte Zimmerl: Auch wenn Kindern naturgemäß oftmals noch die Erfahrung fehle, sexuellen Missbrauch als solchen einzuordnen, spürten sie doch, dass etwas nicht in Ordnung sei, auch wenn Täter ihr Verbrechen als normal darstellten. Wenn ein Kind also Anzeichen zeige wie Verhaltensänderungen und das Kind sich explizit anvertraue, sei es das „Allerwichtigste“, in diesem Moment rasch zu reagieren, sagte Johanna Zimmerl von der Kinderschutzorganisation die möwe im Ö1-Morgenjournal am Donnerstag.
„Wenn Akutgefährdung besteht, ist natürlich die Polizei eine Anlaufstelle“, so Zimmerl. Ansonsten plädiere sie stark für Kinderschutzzentren und Beratungsstellen, die niederschwellige und anonyme Hilfe anbieten. Unter meldestelle@interpol.at nimmt eine Meldestelle des Bundeskriminalamts Hinweise auf Missbrauchsdarstellungen entgegen. All das müsse rasch erfolgen, gehe es doch neben dem Sichern von Beweisen auch darum, dass Kinder und Familien nicht in diesem „Geheimhaltungssystem gefangen bleiben“.
In den bundesweit 36 Kinderschutzzentren sowie dem Digitalen Kinderschutzzentrum erhielten Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen professionelle Beratung bei Verdacht auf Gewalt und Missbrauch.
„Auch bei vagen Verdachtsmomenten, fehlenden Sachbeweisen oder sehr jungen Kindern ist rasche fachliche Beratung wichtig“, so der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren in einer Aussendung von Donnerstag. Gemeinsam werde geklärt, welche Schritte notwendig und sinnvoll seien. Betroffene Kinder und Jugendliche könnten auch psychosoziale und juristische Prozessbegleitung in Anspruch nehmen, heißt es in der Aussendung weiter.
Im Zuge der Missbrauchsanklage gegen Paal wurde gegen ihn und eine 42-jährige Frau sowie deren 62-jährige Mutter, die ihn erpresst haben sollen, Anklage erhoben, wie am Mittwoch bekanntwurde. • Männerberatung Wien : 01 6032828Dem Angeklagten wird laut der Staatsanwaltschaft „die Vornahme einer geschlechtlichen Handlung an einer unmündigen Person sowie das Verschaffen und Besitzen von zumindest 960 Bilddateien und 19 Videodateien sexualbezogenen Kindesmissbrauchsmaterials mündiger und unmündiger Minderjähriger zur Last gelegt“.
Paal selbst veröffentlichte am Abend ein Video, in dem er alle Schuld auf sich nahm und dazu aufrief, dass Menschen, die „derartige Neigungen in sich spüren“, Hilfe suchen. Paal sprach im Video auch die Bilder und Videos an und sagte, den Rechner und die inkriminierten Daten darauf „irgendwann vergessen“ zu haben.
Paals Anwalt Florian Höllwarth gab unterdessen an, dass es sich bei den beiden Frauen um „Sexarbeiterinnen“ gehandelt habe, die der Künstler vor mehreren Jahren über eine Anzeige kennengelernt habe. 2024 sollen sie ihn für ein Treffen kontaktiert haben, dabei soll auch das Kind dabei gewesen und von ihm missbraucht worden sein. Die Frauen sollen sich laut ihrem Rechtsvertreter geständig zeigen, die ältere Frau nur großteils. Der Künstler soll fast 190.000 Euro Schweigegeld gezahlt haben, gab die Anklagebehörde bekannt.
Die Anklage wurde am Mittwoch am Wiener Landesgericht für Strafsachen eingebracht. Die Frauen sind wegen Tatbegehungs- und Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft. Der Künstler befindet sich auf freiem Fuß.
„Die Strafdrohung für die Erst- und Zweitangeklagte beträgt ein bis zehn Jahre Freiheitsstrafe, jene für den Drittangeklagten sechs Monate bis fünf Jahre. Die Anklage ist noch nicht rechtskräftig“, so die Staatsanwaltschaft. Das betroffene Kind befinde sich mittlerweile in der Obhut der Kinder- und Jugendhilfe in der Magistratsabteilung 11 , sagte Sprecherin Ingrid Pöschmann der APA. Das Mädchen hat einen siebenjährigen Bruder, der ebenfalls bei der MA 11 untergebracht ist.
Das bestätigte Werner Wendt, der Rechtsvertreter der 42-Jährigen, der APA.
„Das Mädchen ist in einem Kriseninterventionszentrum, der Bub lebt bei Pflegeeltern“, so Wendt. Die Frau, die gemeinsam mit 19 Hunden in einem Haushalt lebte, soll ihre Tochter und ihren Sohn aus Überforderung vernachlässigt haben. Laut Wendt verschwand auch ein aktueller Laptop. Unterdessen sagte der Stadtsaal Wien alle Vorstellungstermine Gunkls ersatzlos ab.
Der ORF hielt fest, dass es keine aktuelle Zusammenarbeit mit ihm gibt. Auch seien keine Ausstrahlungen früherer Produktionen geplant.
Kindermissbrauch Täterarbeit Opferschutz Prävention Beratung
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen
Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Wenn der Vater deines Kindes ein Täter ist – hört die Liebe dann auf?Léa Seydoux spielt in 'Gentle Monster' die Frau eines Verdächtigen. Im Interview spricht sie über die Rolle und den realen Fall hinter dem Film.
Weiterlesen »
'Täter werden immer jünger' – Bund verschärft GesetzSpionagegesetz: Österreich plant rasche Verschärfung gegen Spionage, Rechtsextremismus und Islamismus. Neue Regeln für Sicherheit und Prävention.
Weiterlesen »
Kinder vor Missbrauch schützen: Fokus weg vom Täter, statt auf OpferIn dem Missbrauchsfall des Kabarettisten Günther Paal rücken Fachleute zu mehr Schutz für Kinder und weniger Tätervorhuber, fordern schnelle Hilfe und Prävention durch Kinderschutzzentren.
Weiterlesen »
Unbekannte Täter betraten frisch betonierte BrückeBrückenschaden in Neunkirchen: Unbekannte betreten frischen Beton, verursachen bis zu 10.000 Euro Schaden und verzögern Fertigstellung.
Weiterlesen »
