Atmosphärisch stark und mit beachtlicher Sogwirkung: der Coming-of-Age-Roman „Der Süden“ des malaysischen Autors Tash Aw.
Gleich die erste Szene hat es in sich: Zwei Teenager-Jungen erleben ihr erstes Mal, inmitten eines Obstgartens, die Sonne im Zenit, beinahe paradiesisch.
Für Jay, den Jüngeren, Sensiblen, ist es überhaupt das allererste Mal, Chuan, der Ältere, Robustere, scheint mehr Erfahrung zu haben …neuem Roman „Der Süden“, im englischen Original „The South“, 2025 erschienen und auf der Longlist zum Man Booker Prize gelandet, ist programmatisch: „Der Süden“, verortet in Malaysia Ende der 1990er-Jahre, mitten in der großen Asienkrise, erzählt die Liebesgeschichte von Jay und Chuan und anhand dieser Liebesgeschichte vom Erwachsenwerden; davon, wie sich die Perspektive auf die Welt in diesem Alter langsam zu verändern beginnt, die kindliche Wahrnehmung von sich selbst im Gefüge der Familie, im Gefüge der Welt, für immer wandelt.
Jay ist fast 17, als seine Familie beschließt, die Ferien auf der Farm des Halbbruders von Jays Vater Jack Lim zu verbringen, die nach dem Tod des Großvaters nun Jays Mutter Sue Ching gehört. Die Farm liegt im Süden Malaysias, wirft seit Jahren kaum mehr Gewinn ab, die extreme Dürre und die große Wirtschaftskrise ruinieren den Ertrag der Obstplantage zusätzlich. Dennoch denkt Farmer Fang nicht ans Aufhören.
Chuang, sein Sohn, möchte von der Farm dagegen nichts wissen, er muss ohnehin zusätzlich als Schichtarbeiter Geld verdienen, um durchzukommen.
Mit Chuang teilt Jay auf der Farm ein Zimmer, er mutiert schnell zu einer Art Halbgott für den noch nicht geouteten homosexuellen Jungen, dem alles an dem vier Jahre Älteren imponiert: seine Kraft, seine Selbstständigkeit, sein praktisches Wissen, seine berufliche wie sexuelle Erfahrung, auch wenn er weiß, dass diese Liebe, selbst wenn sie real wird, kaum Bestand haben kann, denn Jay muss am Ende der Ferien eigentlich zurück in die Stadt …Es ist vor allem diese zarte Liebesgeschichte, deren Entwicklung der erfahrene Autor Aw, selbst als Sohn einer malaysischen Familie 1971 in Taiwan geboren und seit seinem Studium in England beheimatet, gekonnt einsetzt, um die Spannung auf den 288 Romanseiten aufrechtzuerhalten.
Nebenbei erzählt „Der Süden“ aber auch viel über Jays Familie: über die nicht besonders glückliche Ehe seiner Eltern, über die unterschiedlichen innerfamiliären Rollen von Jays älteren Schwestern Lina und Yin, die eine Rebellin, die andere Mediatorin, und auch über die Hintergründe, warum Jack und Fang überhaupt Halbbrüder sind. Nicht zuletzt erfährt man indirekt auch einiges über Malaysia am Ende des letzten Jahrhunderts, ein Land, in dem die Jugend auf ihre Chance hofft und pocht, zugleich ständig herbe Enttäuschungen erlebt.
Von der Gesamtanlage her, könnte man sagen, gleicht Aws „Der Süden“ damit vielleicht ein wenig Ocean Vuongs Roman „Der Kaiser der Freude“ , ebenfalls 2025 erschienen, aber erstaunlicherweise nicht für den Booker Prize nominiert. Auch Vuong erzählt die Coming-of-Age-Geschichte eines homosexuellen Jungen, auch er verhandelt dabei dessen familiären wie gesellschaftlichen Lebenskontext, und auch er berichtet damit en passant über das ländliche Leben in den USA der Nullerjahre, kurz nach der Finanzkrise.
Im direkten Vergleich wirkt Vuongs Roman um vieles dichter, raffinierter komponiert und auch sprachlich bemerkenswerter. Aws Prosa klingt in der Übersetzung von Pociao und Roberto de Hollanda angenehm, aber unauffällig.
„Der Süden“ ist insgesamt dramaturgisch clever gemacht, keine Frage, Aw hat das Handwerk des Schreibens von der Pike auf gelernt und beherrscht es zweifellos souverän, aber zu einem ähnlich dichten Tableau wie Vuongs Roman wird „Der Süden“ trotzdem nicht. Vielleicht will er das aber letztlich auch gar nicht werden.
„Der Süden“, so ist in Interviews zu lesen, soll der erste Band einer Tetralogie sein, die Jays Leben beleuchtet. Auch nachzulesen ist, dass Aw Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ intensiv gelesen hat und bewundert.
Berücksichtigt man das, dann könnte man „Der Süden“ durchaus in Prousts Tradition lesen – als ersten Band eines Romanprojekts, das die Figur Jay und dessen Leben bedingungslos in den Vordergrund rücken möchte und anhand der Rekonstruktion dieses Lebens durch Erinnerungen auch das Wesen der Erinnerung selbst und damit die Zeit an sich thematisiert. Dazu würde auch die etwas befremdliche Erzählperspektive passen, die Aw in „Der Süden“ wählt. Sein Erzähler ist Jay, der auf die Zeit damals zurückblickt.
Er tritt als Ich-Erzähler auf, wenn er das Geschilderte unmittelbar erlebt. Wann immer er mit Distanz über sich selbst spricht, berichtet er aber aus der Perspektive der dritten Person über sich selbst. Und um die Verwirrung perfekt zu machen: Gelegentlich berichtet dieser Erzähler auch aus der Sicht anderer Figuren aus der Dritte-Person-Perspektive. Vor allem zu Beginn verwirrt dieser ständige Wechsel, die Inkonsistenz in der Perspektivierung des Erzählten.
Es dauert ein wenig, bis man weiß, wer hier wer ist und wer gerade „spricht“. Warum soll ein Ich aber auch über sich selbst in ein und demselben Roman auf zwei unterschiedliche Arten erzählen, ohne dass es dabei zumindest eine klare Trennung in zwei Zeitebenen gäbe? Und warum sollte dieser Ich-Erzähler, der über sich gelegentlich wie über einen Fremden spricht, zudem so allwissend sein, dass er auch in die Köpfe anderer Figuren schlüpfen kann?
– Ob es wirklich eine befriedigende Antwort auf diese Fragen geben kann, ob der Roman diese perspektivische Anlage braucht, sie ihm zuarbeitet oder nicht eher seine Wirkung schmälert, bleibt zu diskutieren. Was sich jedenfalls daraus ergibt, ist eine absichtliche Unschärfe, auch was die gesamte Romanaussage betrifft. Alles wirkt ein wenig undeutlich, verwischt in Aws Roman.
Feststeht, dass Aw diese fluide, quasi allwissende, entgrenzte personale Perspektive des Roman „Der Süden“ ein zentrales Anliegen gewesen sein muss, ob sie nun einen Mehrwert bringt oder nicht. Das ist zu akzeptieren. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass der Roman eine beachtliche Sogwirkung entfaltet, die fast 300 Seiten vermutlich von vielen schnell gelesen sein werden.
Das hängt aber wahrscheinlich nicht mit dem ständigen Wechsel der Erzählperspektive zusammen als vielmehr mit Aws Talent für Atmosphäre – wie man es etwa aus seinem Memoire „Fremde am Pier“, in dem er über seine eigene Familie berichtet, kennt – und auch mit seinen dramaturgischen Skills als Romancier. Was man am Ende tatsächlich aus „Der Süden“ erfahren hat, was man für längere Zeit mitnimmt aus dieser Lektüre, ist vielleicht nicht allzu viel.
Aber gern gelesen haben kann man den Roman dennoch. Coming-of-Age-Geschichten wohnt schließlich immer ein gewisser Zauber inne. € 25,95
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