Südkorea und die Ukraine geraten wegen der Überstellung zweier nordkoreanischer Soldaten aneinander. Seoul fordert eine Entschuldigung von Kiew und droht mit Hilfskürzungen.
Seoul und Kiew sind in einen ungewöhnlichen diplomatischen Konflikt geraten. Auslöser ist die Überstellung zweier nordkoreanischer Soldaten, die sich seit dem vergangenen Jänner in ukrainischer Kriegsgefangenschaft befunden hatten. Die Männer gehörten zu den rund 15.000 Soldaten, die Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zur Unterstützung Russlands entsandt hatte. Die Ukraine hatte die beiden Soldaten nach Südkorea überstellt.
Streit um vertrauliche Vereinbarung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte die Überstellung während seiner Rede vor der UN-Generalversammlung öffentlich. Südkoreas Präsident Lee Jae-myung hatte die Aufnahme der Nordkoreaner zwar gefordert, kritisierte Selenskyj jedoch dafür, eine Vereinbarung zur Geheimhaltung gebrochen zu haben.
Seoul argumentiert, dass durch die Veröffentlichung die nordkoreanischen Verwandten der Soldaten Repressionen erleiden könnten. Zudem dürfte sich Pjöngjang provoziert fühlen, weil Seoul zwei Überläufer aufnimmt.
Die ukrainische Seite wies den Vorwurf zurück. Dmytro Lytvyn, Kommunikationsberater von Selenskyj, stritt eine Vereinbarung zur Geheimhaltung mit Seoul ab. Für Kiews Position spricht, dass die südkoreanische Regierung die Angelegenheit der zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen stets öffentlichkeitswirksam thematisiert hatte.
Eskalation und innenpolitischer Druck
Am Montag eskalierte der Streit. Ein Sprecher des Präsidialamts in Seoul forderte eine Entschuldigung sowie eine offizielle Erklärung von Kiew. Der Vizeaußenminister Park Yoon-joo bestellte den Geschäftsträger der ukrainischen Botschaft in Seoul ein.
Ein Abgeordneter aus dem Regierungslager drohte, sämtliche Hilfsgelder für die Ukraine zu kürzen. Kim Byoung-joo schrieb, es gebe keinen Grund, ein Land zu unterstützen, das zwischenstaatliche Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht einhalte.
Hinter dem Streit steht auch der zunehmende innenpolitische Druck auf Lee Jae-myung. Seine Popularität ist so niedrig wie nie zuvor seit seinem Amtsantritt im vergangenen Sommer. Viele Kommentatoren vermuten, dass Lee den diplomatischen Konflikt ausschlachtet, um von den eigenen Krisen daheim abzulenken.
Kritik und wachsende Kluft
Aus dem konservativen Lager kommt der Vorwurf, Lee habe Angst davor, Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zu verärgern, und vermeide daher sensible Themen – darunter auch die Überstellung der zwei übergelaufenen Soldaten.
Gleichzeitig zeigt sich an der Causa eine zunehmende Kluft zwischen Seoul und Kiew. Die Ukraine ist frustriert, dass Südkorea trotz seiner beachtlichen Rüstungsindustrie weiterhin keine Waffen nach Kiew verkauft.
Seoul bezieht insbesondere seit Ausbruch des Iran-Kriegs wieder vermehrt Treibstoff aus Russland. Große koreanische Mischkonzerne stehen bereit, um wieder Zugang zum russischen Markt zu erlangen. Hyundai Motors unterhält mitten im Zentrum Moskaus weiterhin einen repräsentativen Showroom.
Die Aufregung der südkoreanischen Regierung ist daher nur schwer nachzuvollziehen. Während sie Kiew offen anprangert, hält sich Lee Jae-myung mit Kritik am nordkoreanischen Regime auffallend zurück – offensichtlich, weil dies die eigenen Bemühungen um eine Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen unterlaufen würde.
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