Politikberater und Meinungsforscher analysieren, welche Eigenschaften ein SPÖ-Vorsitzender 2026 mitbringen muss, um Wahlen zu gewinnen und die Partei zu einen.
Wenige Tage nach Gerhard Zeiler s Ankündigung, SPÖ-Vorsitzender werden zu wollen, feierte vergangene Woche der Film Bruno – der junge Kreisky Premiere. Das Publikum wurde gefragt, ob es Babler oder Zeiler bevorzuge, doch die Antwort lautete oft: Kreisky bitte. In der roten Krise erscheint der SPÖ-Übervater vielen als Wunschkandidat für den Parteivorsitz. Politikberater Thomas Hofer hält den Vergleich jedoch für unfair, da die Zeiten zu verschieden seien. Auch die mediale Ausgesetztheit von Politikern sei heute eine ganz andere. Als Kreisky während der Energiekrise im Pressefoyer die Vorteile der Nassrasur referierte, hätten Journalisten an seinen Lippen gehangen. Heute würde man für so etwas durch die mediale Arena gejagt.
Ideale Eigenschaften eines SPÖ-Vorsitzenden
Ein Stehsatz in der Vorsitzdebatte lautet, dass es nicht nur um eine Person geht. Das stimmt, denn es geht um mehrere. Ein Parteichef ist gut, wenn er gute Flügelspieler hat, sagt Hofer – also Funktionäre, die dank eigener Position und Macht Zielgruppen im Außen und Innen abdecken und so zweifach einigend wirken. Doch so einfach ist das nicht. Erstens darf ein Parteichef nicht unter Konkurrenzangst leiden. Zweitens müssen die Mitspieler mitmachen. Im Fall der SPÖ wären das etwa gewichtige Gewerkschafter. Die wollten aber erst gar nicht in Bablers Regierungsteam. Mit Ausnahme von Finanzminister Markus Marterbauer habe Babler keinen starken Flügelspieler, sagt Hofer. Wie gutes Flügel-Management aussieht, hat indes der Wiener Bürgermeister gezeigt. Nach seiner Kampfabstimmung gegen Andreas Schieder holte Michael Ludwig linke Proponenten in die Regierung – darunter solche mit nicht gerade unterentwickeltem Selbstbewusstsein wie Sozialstadtrat Peter Hacker.
Die Partei ist geeint, wenn sie Wahlen gewinnt. Um Wahlen zu gewinnen, muss die Partei geeint sein. Ein Dilemma. Im Fall der SPÖ gelten baldige Neuwahlen als unwahrscheinlich, auch weil es hier nicht viel zu gewinnen gibt. Für den Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik rückt daher die Art und Weise, wie jemand Parteichef wird, als Quelle der Legitimität ins Zentrum. Wird der Prozess als fair empfunden und hält man sich penibel an die Parteistatuten, steigt die Chance, dass das Ergebnis nachhaltig akzeptiert wird. Spitzfindige Überlegungen, wie man den langen Weg an die Spitze – Stichwort: Stimmen sammeln, Mitgliederwahl – abkürzt, hält er daher für extrem kontraproduktiv. Wäre es denkbar, dass die SPÖ einem Retter in der Not als Morgengabe mehr Macht einräumt? Also das Modell Kurz quasi? Ich glaube nicht, dass sich ein Herr Doskozil seinen Aktionsradius einschränken ließe, sagt Hofer. Oder dass – Kreisky bewahre – die SPÖ die Farbe wechselt. Wobei, so Hofer, auch Kurz ja nur halb durchgezogen habe. Dieser habe ein paar Quereinsteiger auf die Bundesliste geholt, aber weder die Macht der Bünde noch der Länder beschnitten.
Veränderungsbereitschaft als Schlüssel zum Erfolg
Ch-ch-ch-ch-changes sang einst David Bowie. Es wäre kein schlechter Song für einen SPÖ-Parteitag. Eine zentrale Eigenschaft von Menschen, die Wahlen gewinnen wollen, ist, dass sie vermitteln: Ich kann etwas verändern, sagt Demoskop Christoph Hofinger. Das gilt umso mehr, als 74 Prozent der Bevölkerung überzeugt sind, dass sich das Land in eine falsche Richtung entwickelt (Quelle: Ipsos). Diese Wechselstimmung muss ein SPÖ-Vorsitzender adressieren, sagt Hofer. Natürlich sei das keine leichte Übung, vor allem für einen Juniorpartner in der Regierung. Aber Hofer hält es für machbar. Die Koalition könne fünf, sechs, sieben konkrete Staatsziele definieren. Den Fokus würde er auf Chancen legen, etwa dass kein Sechsjähriger, ohne gewisse Standards zu erfüllen, in die Schule kommt. Mit einer in die Zukunft gerichteten Chance-Botschaft könne es gelingen, wieder Themenhoheit von der FPÖ zurückzugewinnen. Hier habe die FPÖ mit ihrem Früher-war-alles-besser-Kurs eine offene Flanke. Warum das mit der Stimmungslage trotzdem knifflig bleibt: siehe Punkt 5.
Konservative Wählermehrheit und Mitte-Rechts-Strategie
Österreich ist ein mehrheitlich konservatives Land. Man redet von einer Spaltung der Gesellschaft, aber bei vielen Themen, etwa der Migration, haben die Wähler quer über alle Parteien eine sehr ähnliche Einstellung, sagt Meinungsforscher Peter Hajek. Zirka 60 Prozent der Wähler seien in der Mitte, zwanzig links und zwanzig rechts zu verorten. Wolle die SPÖ mehr Wähler, müsse sie auf Mitte-Rechts-Wähler zielen. Hier könne die SPÖ Anleihen an dem Kreisky zugeschriebenen Bonmot nehmen: Solang ich regiere, wird rechts regiert. Interessant könnten ältere ÖVP-Wähler sein. Denn, wie Hofinger ausführt, gab es unter Kurz bei den Älteren eine Abwanderung von der SPÖ zur ÖVP, die bis heute nachwirkt. Für leergefischt hält Hajek das linke Becken.
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