Die in Wien und Basel ausgebildete Kunsthistorikerin schreibt seit 2000 für die „Presse“. Seit 2023 leitet sie gemeinsam mit Karl Gaulhofer das Feuilleton. Ein Buch hat sie auch geschrieben: „Lust und Tabu“, 2013, im Metroverlag.
Zweieinhalb Stunden stellten sich die geladenen Gäste der Preview-Tage der Biennale Venedig in den Giardini an, um in den österreichischen Pavillon zu gelangen. Das gab es, mit Verlaub, noch nie.
Verschiedene Dinge kommen dieses Mal zusammen, dass der Beitrag von Florentina Holzinger derart durch die Decke geht, dass sich die internationalen Medien von New York Times bis Guardian und Kunst-Influencer von Jerry Saltz bis Klaus Biesenbach einig sind: Die Choreografin und Tänzerin Florentina Holzinger lieferte einen, wenn nicht den interessantesten Beitrag im Länder-Contest. Was ist zu sehen? Von außen vor allem eine ein-Tonnen-schwere Kirchenglocke, auf der Ciceros Wehklage „O tempora, O mores“, oh Zeiten, oh Sitten, zu lesen ist.
Einmal jede volle Stunde klettert eine nackte Performerin, zur Eröffnung war es Holzinger selbst, am Seil hinauf, hängt sich kopfüber als Glocken-Stößel hinein und beginnt zu pendeln und mit den Hüften die Glocke zu läuten. Im Inneren dann ein Triptychon: Rechts klettern Performerinnen eine Wetterfahne hinauf und hinunter, das ist noch die fragwürdigste Aktion.
Links aber ein atemberaubender Stunt, wir befinden uns schließlich in einem Seaworld-Venice-„Vergnügungspark“, laut Holzinger: Eine Performerin fährt in immer rasanterer Geschwindigkeit mit einem Jetski im Kreis, das Wasser wird zum Strudel, die Besucher bekommen einiges ab, am Ende sinkt die sehr ernste, konzentrierte Fahrerin erschöpft auf das Gefährt und verschmilzt zum Stillleben mit starker Maschine. In der Mitte im Hof des Pavillons?
Ein Aquarium mit lebender Nixe: Stoisch starrt die Performerin den Eintretenden entgegen, überlebensfähig gehalten von einer Taucherausrüstung – und, angeblich, von uns. Jetzt kommt die Geschichte, die einen Rahmen bildet, auf den man auch verzichten könnte, so stark sind die Bilder selbst schon. Aber gut, die Aufregung musste wohl sein, die so provoziert wird: Das Wasser, in dem die Nixe lebt, kann nur durch Wasser, das die Besucher spenden, und zwar als Urin in zwei Mobilklos davor, erneuert werden.
Es wird über eine Kläranlage darunter gereinigt. So die Geschichte, die einem „Klofrauen“ erzählen. Rechts übrigens der Raum, der zeigt, was passiert, wenn das System kollabieren sollte: alles ist braun und spritzt, kreisch, auch schon einmal gegen die Scheiben. Nun ja.
Fäkalkunst für Steuergeld, schreit man in Österreich, während man absehen kann, dass Holzingers Pavillon heuer tatsächlich Chancen hat, den Goldenen Löwen für den besten Beitrag bei der Biennale zu erhalten. Noch dazu wird er nicht von einer Fachjury heuer verliehen – diese ist aus politischen Gründen zurückgetreten –, sondern am Ende der Biennale im November vom Publikum selbst. Aber, ist das überhaupt Kunst hier? Fragen sich manche.
Es ist jedenfalls Performancekunst, man kann darüber streiten, ob die Rahmenhandlung sie zu sehr in einen Theaterkontext bindet. Aber, wozu streiten darüber? Der Weg von Holzinger ist einer am Grat zwischen Kunst, Performance und Theater, das soll schon vorgekommen sein. Es ist wie es immer schon war: Als die Fotografie in den Raum der bildenden Kunst verstieß.
Als das Video es tat. Oder andere neue Medien wie die KI es gerade tun. Performancekunst ist jedenfalls die Kunst der Stunde, nicht nur im österreichischen Pavillon findet man sie. Aber nirgends ist eine über Jahre entwickelte, inhaltlich und formal derart präzise und starke Sprache zu finden wie bei der 40jährigen Wienerin: Ihre Vision ist ein postapokalyptisches Matriarchat, in dem Nacktheit nicht mehr sexualisiert ist, in dem Frauenkörper sich mit Maschinen verschwestern und der Schmerz zur Lust wird.
Bim Bam. Läutet die Glocke das ein. Die letzten Bilder von Georg Baselitz in San Giorgio Es waren die letzten Bilder, die er gemalt hat, das wusste er. Niemand aber konnte wissen, dass Georg Baselitz auch deren Präsentation, ihre Ausstellung in Venedig während der Biennale, nicht mehr erleben würde.
Nur wenige Tage vor der Eröffnung starb er, mit 88 Jahren. Das gibt der Ausstellung auf der Insel San Giorgio Maggiore, organisiert vom Salzburger Galeristen Thaddaeus Ropac, die Aufladung eines künstlerischen Grabmals. Noch dazu sind die Wände der zwei Säle schwarz gestrichen, was man so wohl nicht getan hätte, sagt Ropac. Wenn man gewusst hätte.
Was man nicht wissen konnte. Nun aber ist es so. Man steht vor dieser Serie von Goldgrund-Bildern, vor dem allerletzten Selbstporträt einer der prägendsten, sicher prägnantesten Maler nach 1945 und ist erschüttert. Ein spätes Meisterwerk ist dem Meister mit diesen Gemälden gelungen, er schreibt sich mit ihnen im wahrsten Wortsinn in die Kunstgeschichte ein.
Der Goldgrund steht in dieser schließlich seit dem Mittelalter fürs Transzendente, für die Ewigkeit. Baselitz, im Rollstuhl sitzend, zog über diesen Untergrund eine dermaßen fragile, sich auflösende, wie hingehauchte Personenzeichnung, dass man glaubt, deren Himmelfahrt beizuwohnen. Wie immer bei ihm ist es ein Menschenpaar, ist es Adam und Eva, ist es seine Frau Elke und er selbst, greisenhaft gealtert. Hin und wieder, nicht immer, erdet er die entfleuchenden Umrisse noch mit einem energetischen Knäuel malerischer Expression, mit hingeworfenen farbigen Strichen.
Aber lassen wir es ihn selbst erklären, wie er es in einem Video tut: „Als ich da auf meinem Roller gesessen habe – auf dem Boden liegt die Leinwand – und diese Zeichnungen gemacht hatte, auf dem Gold, habe ich gedacht: ,Ach, wie traurig. Denk doch mal ein paar Sekunden lang an de Kooning‘, und habe als Dekoration einfach irgendwo hin, nicht passend in irgendeine Komposition, so ein de Kooning’sches Muster gemalt. Das ist alles und das sieht wunderbar aus.
“ Mehr ist nicht hinzuzufügen.2023 im Kunsthaus Bregenz, jetzt in Venedig zu sehen.2023 stellte Michael Armitage im Kunsthaus Bregenz aus, sonst hat man ihn zumindest in Österreich bisher noch nicht gesehen. In Venedig, in Francois Pinaults Palazzo Grassi, steuert der 1984 in Nairobi geborene Maler jetzt eine der meistgelobten Ausstellungen während der Biennale bei.
Über zwei Stockwerke sind Armitages Malereien auf der faserigen Oberfläche von Lubugo-Stoff zu sehen, die farbenprächtig gewaltintensive Themen aufgreifen wie Proteste in Nairobi, Männerprostitution, traumatische Ereignisse während der Covid-Pandemie. Die harten Metallklammern zur Befestigung der Stoffbahnen sehen aus wie Nähte, die Löcher im Stoff wie Wunden. Sein gestischer Pinselstrich habe seine Bildthemen in einen falschen Kontext gesetzt, sagt Armitage, in europäische Kunsttraditionen wie Fauvismus. Mit Lubugo seien seine Bilder „destabilisiert“ und im ostafrikanischen Kontext verankert.
Visuell überwältigend auch seine teils eigens für Venedig gemalten jüngsten Werke. Pastellige Farben suggerieren zunächst idyllische Landschaften. Aber die vielen Schichten lassen groteske Szenen entdecken: Hände, die Beine umklammern, und durchsichtig erscheinenden Körper. Magischer Realismus wird dieser fließende Wechsel zwischen Transparenz und Dunkelheit hier genannt.
David LeveneDas Schönste an der Biennale Venedig ist, dass man durch sie an Orte kommt, die selbst erfahrene Lagunenbesucher nicht kennen. Der „Giardino Mystico“ des Ordens der unbeschuhten Karmeliten ist ein solcher. Normalerweise kann man in den ummauerten Garten nicht einfach so hineinspazieren. Dieses Jahr aber ist er einer von zwei Stationen des Länderpavillons des Vatikans.
Dieser hat auch heuer wieder einen der bekanntesten Kuratoren unserer Zeit, Hans Ulrich Obrist, engagiert, um einen thematischen Beitrag zu gestalten. Ganz dem Motto dieser 61. Kunst-Biennale „In minor Keys“, also „In Moll“, folgend, hat er eine Gruppenausstellung rund um Musik und Kontemplation ersonnen, gesponnen rund um die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen. Auch hier findet man, wie bei Georg Baselitz, das „letzte Werk“ eines der großen Künstler bzw. Denker unserer Zeit, Alexander Kluge.
Gestorben dieses Jahr im März, hat er sich die letzten Monate seines Lebens mit Hildegard von Bingen beschäftigt und eine Art assoziatives Archiv rund um diese Universalgelehrte, Kräuterkundlerin und auch Komponistin aufgebaut, zu sehen am zweiten Pavillon-Standort in der Nähe des Arsenals. Hauptattraktion des Beitrags ist aber der Besuch des Gartens in der Nähe des Bahnhofs von Venedig. Alexander Kluges Zitat, das auch den Titel der Ausstellung beisteuert, begleitet einen hier: „Das Ohr ist das Auge der Seele.
“ Mit Kopfhörern ausgestattet, die auf den Standort des Besuchers reagieren, kann man sich bis zu einer Stunde hier treiben lassen zwischen Kräuter- und Gemüsebeeten. Komponisten wie Brian Eno, der Regisseur Jim Jarmusch oder die Künstlerin Meredith Monk haben größtenteils sehr meditative Sound-Felder geschaffen, die man Station für Station durchschreitet. Ganz sporadisch und vereinzelt begegnen einem auch zarte Interventionen im Garten, ein etwas kitschiges gläsernes Glockenspiel etwa von Precious Okoyomon.
Auf keinen Fall auslassen sollte man die Kapelle am Ende des Gartens, gewidmet der Heiligen Mutter Maria. Dort setzt man sich dann auf ein Bänkchen und hört Patti Smith in Ichform von der unbefleckten Empfängnis erzählen und der Verliebtheit der Mutter in ihren eigenen Sohn. Das hätte man sich auch nie träumen lassen. Marshmallow-Luster von Simone Post in Pinchuks großer Ausstellung.
Nicht nur aus Solidarität zur Ukraine sollte man die große Ausstellung besuchen, die der ukrainische Oligarch Victor Pinchuk seit vielen Jahren im Rahmen der Biennale finanziert und über sein Kunstzentrum in Kiew organisieren lässt. Es ist diesmal auch eine der künstlerisch überzeugendsten Ausstellungen dieser Biennale.
Unter dem Titel „Still Joy“ sind auf drei Geschoßen eines Palazzos neben der Accademia Werke von ukrainischen und internationalen Künstlerinnen und Künstler versammelt, die eben nicht nur Leid und Trauer umkreisen, sondern auch die Notwendigkeit von Entspannung und Freude, selbst bzw. vor allem in Kriegszeiten.
„Sweet Memories“ etwa nennt die niederländische Designerin und Künstlerin Simone Post ihre märchenhafte Installation, die sich genauso auf ihre eigenen Kindheitsträume bezieht wie in diesem Zusammenhang der Ukraine auch auf eine erträumte Kindheit: Aus vielen hundert Kilos an Marshmallows baute sie typische venezianische Murano-Glasluster nach. Der Geruch alleine wirft einen um.
Das allerdings ist die hedonistischste Position in dieser Ausstellung, die mit einem Rave beginnt und einem Rave endet – einer apokalyptischen Orgien-Szene von Nikita Kadan, zu der man sich durch zwei Videoräume vortasten muss. Wie vor zwei Jahren schon ist auch die mittlerweile in Wien lebende ukrainische Malerin Kateryna Lysovenko wieder hier zu finden . Diesmal nicht mit Wandmalerei, sondern mit zwei großformatigen Gemälden. Eines zeigt die neue Schulklasse ihres Sohnes in Wien.
Unter den Kinderkleidern bekommt man Adern und Haut und Herkunft und Schicksale zu spüren. Davon erzählen auch die Zimmerpflanzen, die Zhanna Kadyrova aus bombardierten Häusern und Büros in der Ukraine gerettet hat. Kadyrova ist übrigens die offizielle Ländervertreterin der Ukraine bei dieser Biennale: Ihre Origami-Hirsch-Skulptur steht in den Giardini. Sie hat einen weiten Weg hinter sich, durch halb Europa, mit dem Lastwagen, auch in Wien machte sie Station.
Der Hirsch als Fluchttier, als Fluchtskulptur in diesem Fall: 2024 musste Kadyrovas Werk von seinem Podest in einem Park in Pokrowsk evakuiert werden. Pokrowsk ist heute von Russland besetzt. Es ist sowieso einer der verzaubertsten Plätze in Venedig, das Museo Palazzo Grimani, allein den Raum mit der Antikensammlung, in dem der entführte Ganymed per Adler zur Oberlichte entschwebt, muss man gesehen haben.
Der zweite Stock des Museums aber wird vermietet, gerne während der Biennale, diesmal an die Galerie Gagosian, die hier einen in Wien gut bekannten zeigt: Den ghanaischen Maler Amoako Boafo, einen der Superstars des Kunstmarkts der vergangenen zehn Jahre. Heute lebt er in Accra, wo er auch ein Kulturzentrum und Artist-in-Residence-Studio aufgebaut hat.
Studiert aber hat Boafo 2014 bis 2019 an der Wiener Kunstakademie, was er allerdings in keiner guten Erinnerung zu haben scheint, leider, Österreich kommt im Saaltext dieser Präsentation seiner jüngsten Porträts nur als Ort der Diskriminierung vor. Nicht erwähnt dagegen wird die Inspiration, die er in Wien gefunden hat und die wesentlich zu seinem Stil, der Ornament und menschliche Figur in Kontrast setzt, beitrug – nämlich die Porträts von Klimt und Schiele. 2024 hatte man den direkten Vergleich bei einer großen Ausstellung von Boafo im Belvedere.
Aber, wie auch seine Venedig-Ausstellung so schön titelt: „It doesn’t have to always make sense.
“Erwin Wurm im Museo Fortuny Erwin Wurm, einer der auch international erfolgreichsten österreichischen Künstler, macht viele Ausstellungen im Jahr. Diese Ausstellung in Venedig heuer aber ist etwas sehr Besonderes, geschuldet dem zauberhaften Ort, in den Wurm seine Skulpturen nicht nur sensibel eingeschrieben hat, sondern den er dadurch auch wachküsst, in der Gegenwart verortet.
Die Rede ist vom Palazzo Fortuny am Campo San Beneto hinter dem Markusplatz, der mittlerweile der Stadt Venedig gehört und als Museum betrieben wird. 1892 wurde dieser Palazzo von Mariano Fortuny gekauft, einem Tausendsassa, Modeschöpfer, Bühnenbildner, Maler und Unternehmer. 50 Patente hat er anmelden lassen, darunter das seidenplissierte Kleid namens Delphos. Den gotischen Palazzo hat er in eine Art alchemistisches Studiolo verwandelt, voll mit kopierten Alten Meistern, mit Abgüssen antiker Skulpturen, mit Bühnenmodellen und, natürlich, Stoffen und Tapisserien und Kleidern.
Einen besseren Rahmen kann Erwin Wurm für seine Skulpturen, die sich mit Masse und Leere beschäftigen gar nicht wünschen. Seit Jahren interessiert ihn das Verhältnis von Kleidung und Körper, bestehen seine Figuren nur noch aus ihren hohlen modischen Hüllen, aus Hoodies und Jogginghosen, ganze Rapper-Outfits kommen so ohne ihre Träger zu stehen. Die Serie „Dreamers“ wirkt im Fortuny-Umfeld überhaupt surreal theatralisch: Mit dicken Daunenpölstern statt Köpfe tragend, sitzen und liegen menschliche Gliedmaßen verloren im sanften Licht des Palazzo.
Wovon sie wohl träumen werden hier des Nachts? An der Wiederentdeckung von Mariano Fortuny in den Sechziger-Jahren war mit Liselotte Höhs übrigens eine österreichische Künstlerin maßgeblich beteiligt, die seit vielen Jahrzehnten in Venedig wohnt. Vielleicht schaut auch sie einmal vorbei.
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