„An diesem Tag war nichts normal“, sagt eine Augenzeugin. Was über die gescheiterte Hinrichtung bekannt ist. Welche Gründe dahinter vermutet werden. Und warum die „Giftspritze“ als Methode...
„An diesem Tag war nichts normal“, sagt eine Augenzeugin. Was über die gescheiterte Hinrichtung bekannt ist. Welche Gründe dahinter vermutet werden. Und warum die „Giftspritze“ als Methode grundsätzlich umstritten ist.
Sie wäre die erste Frau seit 200 Jahren gewesen, die im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet worden wäre. Aber irgendetwas ging schief: Als sich am Mittwoch um 19:27 Uhr der Vorhang öffnete, lag Christa Pike angeschnallt auf der Liege. 86 Minuten später, unmittelbar bevor die Mikrofone abgeschaltet und die Zeugen hinausgebeten wurden, war die Frau immer noch am Leben. Manhörte sie „laut schnarchen“.
Fünf Fragen und Antworten zu einem Fall, der weltweit Aufsehen erregt und in den USA eine grundlegende Debatte über Hinrichtungen befeuert. Pike hatte vor 31 Jahren, im Jänner 1995, eine Klassenkameradin in ein Waldstück gelockt, gefoltert und getötet. Seit 1996 saß sie im Todestrakt, wo sie 2001 versuchte, eine Mitgefangene mit einem Schnürsenkel zu erdrosseln. Die Hinrichtung sollte am Mittwoch um 10 Uhr Ortszeit stattfinden.
Dann die erste Wende: Ein Gericht verhängte eine Stunde zuvor einen vorläufigen Hinrichtungsaufschub. Doch am frühen Abend hob der Supreme Court diesen Aufschub wieder auf. Als sich gegen 19.27 Uhr der Vorhang zur Hinrichtungskammer öffnete, lag Pike auf einer Liege. Sie sprach ihre letzten Worte und sang mit ihrem spirituellen Begleiter noch ein Lied.
So berichteten es Zeugen. Später klagte sie über Schmerzen. Sie wird mit den Worten zitiert: „Die Vene in meinem Arm fühlt sich an, als würde sie gleich platzen.
“ Später berichtete sie von einem Pochen im Arm. Der Vorhang wurde mehrfach geschlossen und wieder geöffnet. Die anwesenden Reporter beschrieben den gesamten Ablauf als ungewöhnlich.
„An diesem Tag war nichts normal“, zitiert etwa Axios eine Lokalreporterin, die schon einige Hinrichtungen beobachtet hat. Ab 20.05 Uhr blieb der Vorhang geschlossen. Pike war weiterhin „laut schnarchend“ zu hören. Um 20.53 Uhr wurden die Reporter hinausgebeten.
Was genau bei dem Hinrichtungsversuch schiefging, war zunächst unklar. Pikes Anwälte bekräftigten jedoch ihre zuvor geäußerten Bedenken. Pike wollte nicht durch die Giftspritze sterben. Ihre Anwälte schlugen das Erhängen als alternative Hinrichtungsmethode vor und argumentierten, dass Pikes kleinen Venen das Legen eines venösen Zugangs erschweren und ihre Bluterkrankung das Risiko schwerer Komplikationen und Schmerzen erhöhen könnten Zudem könne das Fixieren durch ein ausschließlich männliches Hinrichtungsteam Erinnerungen an die sexualisierte Gewalt auslösen, die sie in ihrer Kindheit erfahren hatte.
Der von Pikes Verteidigung beauftragte Anästhesist Joel Zivot vermutete nach der gescheiterten Hinrichtung gegenüber der BBC, dass die Konzentration von Pentobarbital in ihrem Blut nie hoch genug gewesen sei, um einen Atemstillstand und ein Versagen des Herz-Kreislauf-Systems auszulösen. Ein Einzelfall ist die gescheiterte Hinrichtung nicht. Am 21. Mai musste die staatliche Tötung von Tony Carruthers abgebrochen werden, nachdem die Verantwortlichen mehr als eine Stunde lang vergeblich versucht hatte, einen vorgeschriebenen zweiten Venenzugang zu legen.
Auch in Idaho und Alabama waren Hinrichtungen. Der Unterschied zum Fall der Christa Pike: Ihnen wurde noch kein Mittel verabreicht. Der republikanische Gouverneur Bill Lee zog noch am Mittwoch Konsequenzen. Er kündigte an, sämtliche für das Jahr 2026 geplanten Hinrichtungen auszusetzen.
Wie viele das sind, war nicht klar. Pike selbst wurde in ein Krankenhaus gebracht. Über ihren Zustand ist nichts bekannt. Offen ist auch, ob es einen weiteren Hinrichtungsversuch geben könnte.
Eine gescheiterte Hinrichtung schließt einen weiteren Versuch zwar nicht grundsätzlich aus. US-Berichten zufolge könnten die Anwälte aber versuchen zu argumentieren, dass grundlegende Mängel vorlägen und ein weiterer Versuch daher verfassungswidrig wäre. Weil die Giftspritze als „humanere“ Methode gilt. Dabei spielt der achte Zusatz zur US-Verfassung eine Rolle, der „grausame und ungewöhnliche Strafen“ untersagt.
Doch ob der Tod tatsächlich beinahe schmerzfrei ist, ist unter Experten hochumstritten. Lange war ein Dreifach-Protokoll verbreitet. Ein Mittel betäubt, ein anderes lähmt die Muskeln, ein drittes bringt das Herz zum Stillstand.
Doch einige Fachleute warnen schon länger, dass die Betäubung womöglich nicht ausreichend wirken könnte, mit der Folge, dass Verurteilte qualvoll ersticken und starke Schmerzen erleiden, ohne sich bemerkbar machen zu können, weil sie ja bereits gelähmt sind. 2011 verschärfte die EU die Exportkontrollen für bestimmte Medikamente, um deren Verwendung bei Hinrichtungen zu verhindern. Unter anderem wegen der Beschaffungsprobleme änderten mehrere US-Bundesstaaten ihre Protokolle. Tennessee stellte sein Verfahren Ende 2024 um.
Bei der Giftspritze sieht das Protokoll dort nur noch einen Wirkstoff vor: Pentobarbital, ein starkes Beruhigungs- und Narkosemittel. Wer das Präparat liefert, ist übrigens geheim. In den USA wird die Todesstrafe langfristig immer seltener verhängt. Im Vorjahr noch in 23 Fällen.
Zum Vergleich: In den Neunzigerjahren waren es teilweise 300 pro Jahr. Die Zahl der Hinrichtungen kann wegen der Altfälle trotzdem noch steigen. In Florida tut sie das auch. Dort hat Gouverneur Ron DeSantis im Vorjahr 19 Hinrichtungen angeordnet – so viele wie noch nie seit Wiedereinführung der Todesstrafe.
Zuletzt saßen noch knapp 2000 zum Tode Verurteilte in den Todestrakten von US-Gefängnissen. Seit Wiedereinführung der Todesstrafe vor 50 Jahren wurden in den USA insgesamt 1683 Menschen hingerichtet, die allermeisten waren Männer. Christa Pike wäre erst die 19. Frau gewesen, die seither in den USA hingerichtet worden wäre.
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