Seit 2004 in der „Presse“. Studierte Juristin und Wirtschaftswissenschaftlerin, deren Herz aber für die Kultur brennt. Zunächst im Feuilleton der „Presse“, seit 2018 im „Schaufenster“ für die Kulturseiten mitverantwortlich.
Sie ziehen den Blick auf sich: Der gelbe Männeranzug „Golden Twenties“ aus 1968, das giftgrüne Abendkleid von Josef Mikl oder das Disco-Dress mit Plexiglas-Plättchen von Titanilla Eisenhart.
Wer Aufsehen erregen will, trägt starke Farben. Wer stigmatisiert werden sollte, wurde gezwungen, sie zu tragen: Juden, Sexarbeiterinnen, Betrüger, „Häretiker“, „Irre“ und andere Randgruppen mussten ein gelbes Kleidungsstück als „Erkennungszeichen“ anhaben. Derlei ist nun Thema in einer neuen Ausstellung im Wien Museum. Lange Zeit waren Grün und Gelb daher verpönte Farben, doch sie kamen wieder.
„Interessanterweise immer, wenn Frauenrechte auf dem Vormarsch waren, etwa in den 1920er- oder 1970er-Jahren: Die Frauen wollten sich damit von Konventionen abheben“, erzählt Michaela Lindinger, Kuratorin der Schau „Farbenspiel“ im. Seit zwei Jahren bereitet sie gemeinsam mit Regina Karner die Ausstellung vor, es ist die erste große Modeausstellung seit 2009, damals ging es um die Mode der Ringstraßenzeit. Diesmal ist das Konzept ein anderes: 350 Kleidungsstücke aus der Modesammlung des Wien Museums wurden aus ihrem wohlbehüteten Dornröschenschlaf im Depot in Himberg geweckt, restauriert und in Farbgruppen zusammengefasst.
„Wir wollten etwas anderes machen als die sonstigen Modemuseen, die meist chronologisch oder nach Designer ausstellen. “ Letzeres wäre auch gar nicht möglich: Das Wien Museum kann keine teuren Laufsteg-Kollektionen ankaufen, sondern lebt großteils von Spenden. „Unser Budget ist nicht üppig, aber wenn etwas Bedeutung in der Mode erlangt, kaufen wir das: Etwa eine George-Gina-Lucy-Tasche, die trugen so viele Frauen Anfang der 2000er-Jahre. Oder ein Haarband mit dem Spruch ,Wake up ladies‘, nach dem Beyoncé-Song.
“ Derzeit sucht das Museum Hosenanzüge für Frauen aus den 1930ern. Im konservativen Wien waren diese nicht besonders gängig, daher sind sie schwer zu bekommen. Hedy Lamarr trug einen. Die Ausstellung deckt alle gesellschaftlichen Milieus ab: Es gibt selbstgehäkelte Hippie-Kleider, den 35.000 Schilling teuren Helmut-Lang Anzug, den Falco in seinem Musikvideo „Brillantine Brutal“ trägt, ein Hennakleid, das türkische Bräute zum Juggesellinnen-Abschied tragen, oder eine Wiener Goldhaube.
„Goldhauben werden oft den Trachten zugeordnet, dabei waren sie ursprünglich eine typisch städtische Erscheinung für gewerbetreibende Frauen, die reich geworden sind. Etwa Köchinnen“, erzählt Lindinger. Und die Exponate sind nahbar: Die Kleider werden offen präsentiert und können von allen Seiten betrachtet werden. Nur einige heikle Objekte sind in einer Vitrine.
„Nicht weil sie wertvoller sind, sondern weil sie schwieriger zu restaurieren sind. “Weniger Eyecatcher-Potenzial haben die schwarzen Stücke – dafür umso mehr zu erzählen: Etwa ein Kleid, das aus Fallschirmseide und dem Samtbezug eines alten Kirchenhockers angefertigt wurde, als Maturakleid für eine junge Frau im Kriegsjahr 1944. Vielleicht ein Aha-Erlebnis für Fans der Fast Fashion: Dass sich auch aus wenig etwas machen lässt. Oder ein besonders aufwendig genähtes Trauerkleid mit Häkeleinsätzen am Dekolleté aus dem 19.
Jahrhundert. Folklore-Touch. Elegantes Kleid von Susanne Bisovsky.
„Die Frauen wurden damals oft jung Witwen. Sie wollten schnell einen neuen Mann finden, der sie versorgt.
“ Überhaupt gab es in Wien einen großen Trauerkult, ab 1850 schwappte die viktorianische Trauerbewegung nach Österreich über. Am Hof, dort, wo heute Manufactum logiert, gab es das Kaufhaus „Zur Irisblüte“, das auschließlich Trauerkleidung führte.
„Dort konnte man die gesamte Familie einkleiden. Das Trauerzeremoniell war damals sehr strikt.
“Auch Brautkleider waren bis ins 19. Jahrhundert schwarz – weiße Kleider wurden zu schnell schmutzig und unbrauchbar, das konnte man sich damals nicht leisten. Erst mit Queen Victorias stilbildendem Hochzeitskleid änderte sich die Tradition. Mädchen-Ballkleid.
Auch Romantik war in den 1970ern in. Viel Wert legte Lindinger auch auf die Präsentation von Schuhen und Accesoires: Seidenstiefletten der Mutter von Mary Vetsera sind ausgestellt, ein tortentellergroßer Autofahrerinnenhut mit Seidenband unterm Kinn oder eine Badehaube aus Billroth-Batist. Das Material, benannt nach dem berühmten Arzt, wurde ursprünglich zur Wundheilung entwickelt und später, dank seiner wasserabweisenden Eigenschaft, zum Mode-Utensil.
„Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten“. Die Schau ist ab 1. 10. im Wien Museum zu sehen.
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