Schlögel: Putins totaler Krieg und die Schwäche des Westens

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Schlögel: Putins totaler Krieg und die Schwäche des Westens
Karl Schlögel, Wladimir Putin, Ukraine

Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel warnt vor einer tiefgreifenden Verschiebung der Machtverhältnisse. Putin führe einen totalen Krieg gegen die Ukraine, der Westen schwäche sich selbst.

Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel sieht die internationale Ordnung grundlegend ins Wanken geraten. In einem Interview mit der Presse spricht er von einer tiefgreifenden Verschiebung der Machtverhältnisse und einer zunehmenden Schwäche des Westen s.

Vor allem Kreml-Chef Wladimir Putin könnte davon profitieren, warnt Schlögel. Die Zeit einer vermeintlich stabilen Weltordnung sei vorbei.

Putins totaler Krieg gegen die Ukraine

Besonders drastisch fällt die Einschätzung der russischen Kriegsziele aus. Putin führe einen totalen Krieg zur Beseitigung des ukrainischen Staates, so Schlögel. Ziel sei es, den Verteidigungswillen und die Moral der Ukrainer zu brechen und zugleich die europäischen Staaten auseinanderzudividieren.

Der Historiker erwartet eine weitere Eskalation. Russland werde den Kampf fortsetzen, solange der Kreml die Möglichkeit sehe, seine Ziele zu erreichen. Entscheidend sei deshalb, ob die Ukraine weiter standhalten könne.

Für Putin arbeite auch die politische Uneinigkeit innerhalb Europas. Parteien, die weitere Militär- und Finanzhilfen für die Ukraine ablehnen, könnten das Kalkül des Kremls begünstigen, argumentiert Schlögel. In mehreren europäischen Staaten werde darüber diskutiert, wie lange und in welchem Ausmaß die Ukraine unterstützt werden soll. Schlögel sieht darin eine zentrale Frage für Europas weitere Sicherheitspolitik.

Selbstdemontage der USA und Europas Rolle

Kritisch blickt Schlögel auch auf die USA. Unter Präsident Donald Trump, der seit Jänner 2025 erneut US-Präsident ist, sieht er die traditionelle Rolle Washingtons als westliche Führungsmacht geschwächt. Er spricht von einer Selbstdemontage der bisherigen westlichen Führungsmacht.

Auch Europa habe die neue Realität noch nicht vollständig angenommen. Zwar würden sich die europäischen Staaten zunehmend fragen, ob bestehende Allianzen noch tragen und ob sie sich selbst verteidigen könnten. Der Abschied von jahrzehntelanger Sicherheit sei jedoch schwierig.

Einen detaillierten Masterplan Putins für eine neue Weltordnung sieht Schlögel hingegen nicht. Der russische Präsident handle vielmehr opportunistisch und nutze Möglichkeiten, sobald sie sich ergeben. Seine Warnung formuliert der Historiker deutlich: Wenn der Westen einknicke, dann werde sich Putin alles nehmen, was er nehmen könne. Russland teste Schwächen aus und versuche, seinen Einfluss auszuweiten, wo Widerstand nachlasse.

Unbestimmte russische Welt und historische Lehren

Dabei verweist Schlögel auch auf Putins Vorstellung einer sogenannten russischen Welt. Die russische Welt habe keine Grenzen, sagt Schlögel. Gerade diese Unbestimmtheit mache es schwierig vorherzusagen, wo Moskau künftig versuchen könnte, seinen Einfluss geltend zu machen.

Schlögel warnt allerdings vor einfachen historischen Parallelen. Zwar erinnere manches an Krisenperioden des 20. Jahrhunderts, doch Geschichte liefere keine fertige Anleitung für die Gegenwart. Seine zentrale Botschaft: Die bisherigen Gewissheiten seien verschwunden – und Europa müsse sich darauf einstellen.

Karl Schlögel, Jahrgang 1948, zählt zu den bekanntesten deutschen Osteuropa-Historikern. Er lehrte unter anderem an der Universität Konstanz und an der Viadrina in Frankfurt an der Oder. 2025 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

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