Riccardo Muti: „Das Dirigieren wird immer schwieriger“

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Riccardo Muti: „Das Dirigieren wird immer schwieriger“
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Zu Besuch beim Maestro in Italien: Ein Gespräch über Probleme junger Kollegen, unbelehrbare Sänger, die Zukunft der Oper und sein Leiden an den Regisseuren.

Zu Besuch beim Maestro in Italien: Ein Gespräch über Probleme junger Kollegen, unbelehrbare Sänger, die Zukunft der Oper und sein Leiden an den Regisseuren.

„Wer den lieben Gott um etwas bittet, muss auch den richtigen Ton finden“: Riccardo Muti, hier Anno 2021 am Pult der Wiener Philharmoniker. Wenn er von Giuseppe Verdi spricht, beginnen Riccardo Mutis Augen zu leuchten. Ein Bild des Meisters bewacht das Studio des Dirigenten in Ravenna.

Dem Andenken des Komponisten galt der jüngste Auftritt Mutis: Vor der Villa Verdi in Sant’Agata musizierte er als Protest gegen die Schließung und den langsamen Verfall der noch vollständig eingerichteten Wohn- und Arbeitsstätte des Meisters. Seit 2022 ist sie für Besucher geschlossen. Und wenn der Gast aus Wien berichtet, dass auch hierzulande Gedenkstätten für Haydn, Schubert und Johann Strauß zumindest vorübergehend geschlossen wurden, dann meint er nur trotzig: „Ein Skandal!

“ Dass auch in Österreich das Kulturerbe aus dem Blickfeld der Politik gedriftet ist, stimmt ihn melancholisch. Sein eigenes Haus im Herzen von Ravenna beherbergt manch einzigartigen Schatz, in Erinnerung an seine Jugend in Neapel vor allem einmal eine große, holzgeschnitzte Krippe, die den Maestro das ganze Jahr über an seine Heimat erinnert – mit Figuren, die alle Facetten des Menschseins abdecken: links stehen im Licht die Guten, rechts die Bösen.

„Das sieht man gleich, wenn man sie anschaut“, meint Muti. Musiker stehen übrigens auf beiden Seiten ... Im Arbeitszimmer dann, von Verdi behütet, der Blüthner-Flügel, den sich Muti in den allerersten Jahren seiner Karriere anschaffen konnte: „Die haben mir damals einen Steinway angeboten, den ich nie finanzieren hätte können“, erinnert er sich. Der Blüthner leistet bis heute treue Dienste.

Aufgeschlagen sind Partituren, unter anderem Bruckners Achte, die auf dem Programm der kommenden Japanreise mit den Wiener Philharmonikern steht und vorab dieser Tage schon im Wiener Musikverein erklingt. Auch Verdis Requiem liegt da: „Ich habe es vor der sommerlichen Aufführung bei den Salzburger Festspielen ganz neu studiert.

Wissen Sie, das Dirigieren wird mit den Jahren immer schwieriger“, sagt er – und auf das verdutzte Gesicht seines Gegenübers meint er lächelnd: „Ich habe das Requiem so oft dirigiert, ich habe es dreimal aufgenommen. Und vor den Salzburger Konzerten fand ich, ich beginne noch einmal von vorn. Und nun habe ich beschlossen, das Werk nicht mehr zu dirigieren.

“Verdis Partituren bleiben rätselhaft: „Er verlangt Unmögliches, vor allem dynamisch, er fordert sechsfaches Piano, leise Töne nicht zuletzt von den Sängern, die trotzdem oft brüllen. “ Tenöre, erzählt Muti „beginnen das ,Kyrie eleison‘ gern, als ginge es um eine Heldenpartie. Dann muss ich sie unterbrechen: Was machst du? Das ist ein Gebet!

Es heißt: Herr, erbarme dich!

“ Heutzutage tun oft nicht einmal so einleuchtende Erläuterungen ihre Wirkung. Muti, der im Rahmen seiner Aktivitäten für junge Musiker mit dem jugendlichen Cherubini-Orchester auch Kurse für Dirigenten anbietet, ortet mangelnde Sensibilität für die grundsätzlichsten Fragen auch bei den angehenden Kollegen. Ein Interpret könne beim genauen Studium der Partituren Stilsicherheit und Geschmack entwickeln. Auch und vor allem für die Arbeit in der Oper, „wo es zuallererst auf den Text und die Musik zu diesem Text ankommt.

Wer genau zuhört, begreift, dass Meister wie Verdi auch die Regie mitkomponiert haben, dass sich die Dramaturgie aus der Musik heraus entwickelt.

“In seiner Jugend schien es noch ganz natürlich, wenn bei der Neuproduktion einer Oper zunächst einmal wochenlang sämtliche Sänger und Korrepetitoren rings um den Dirigenten versammelt waren, der am Flügel saß und die Aufführung in allen Details getreu der Partitur einstudierte. „Heute probieren zunächst einmal die Regisseure wochenlang, ohne sich um die Musik zu kümmern. “ Da würden „Konzepte“ realisiert, die mit Libretto und Komposition kaum etwas zu tun hätten. Diesem Betrieb hat sich Muti längst entzogen.

Für diesen Rückzug haben auch Erfahrungen in Österreich, nicht zuletzt bei den Salzburger Festspielen, eine Rolle gespielt.

„Man sagt oft, ich sei konservativ. Das stimmt gar nicht. Ich habe in meiner Zeit in Florenz etliche Produktionen mit Luca Ronconi gemacht, die viel Staub aufgewirbelt haben. Sie galten als ,modern‘.

Aber sie waren intelligent. Und wir sind immer von der Musik ausgegangen.

“ Auf dergleichen will er sich heute nur noch mit seiner Tochter Chiara einlassen, mit der er ausgiebig diskutieren kann. Im Übrigen dirigiert er Oper nur noch konzertant.

„Das Publikum ist immer glücklich! Aber vielleicht kommt eine Zeit, in der die Jugend sagt: Lasst uns doch Oper einmal probieren, wie sie gedacht war! Wer weiß?

“Sein „Kampf“ mit Regisseuren hat schon 1971 mit „Don Pasquale“ in Salzburg begonnen. Dabei bedeutete ihm die Einladung zu den Festspielen viel: „Als der Brief kam, dachten wir: Das muss ein Irrtum sein. Aber dann stellte sich heraus: Herbert von Karajan hatte mir diese Premiere angeboten!

“ Karajan hatte erkannt, dass da ein junger Kollege ohne lästiges Management aufgrund seines Könnens Karriere machte. Muti selbst meint dazu: „Mich haben die Orchester gemacht. Von Anfang an haben mich immer die Musiker in Chefpositionen gewählt.

“ In Salzburg und Wien hat Muti dann nicht zuletzt mit Mozart-Aufführungen Geschichte geschrieben. Mozart, der andere Gott in Mutis musikalischem Universum, dem – die Augen leuchten wieder – „Verdi so viel verdankt hat“.

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