Die Albertina präsentiert eine bedeutende Ausstellung, die die Werke von Pablo Picasso und Francis Bacon zusammenbringt. Der Fokus liegt auf Francis Bacon, der für seine intensiven und gewalttätigen Menschendarstellungen bekannt ist. Die Schau zeigt, wie Picasso als einflussreiche künstlerische Vaterfigur Bacon beeinflusst hat, und versammelt wichtige Werke beider Maler, darunter zentrale Stücke von Bacon und bisher in Wien noch nie gezeigte surrealistische Arbeiten von Picasso.
Zum Herbstsaisonstart trumpft die Albertina mit einem Doppelpack auf. Die großangelegte Schau „Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human“ bringt die zwei bedeutendsten figurativen Maler des 20.
Jahrhunderts erstmals gemeinsam nach Wien. Im Zentrum der Schau: Francis Bacon und seine schonungslosen, von Begehren und Schmerz geprägten Menschendarstellungen. Der irische Maler war zuletzt vor über zwanzig Jahren in Wien zu sehen. 2003/04 hatte das Kunsthistorische Museum die erste große Einzelausstellung von Bacon in Österreich überhaupt ausgerichtet.
Nun hängen die – wie stets bei Bacon – altmeisterlich in Gold gerahmten Großformate in der Albertina: erotische, von Gewalt durchzogene Szenen, Päpste mit zur Fratze verzerrten Mündern, Porträts, in denen Gesichter zu zerfallen drohen. Daneben wartet ein Picasso, den Wien so noch nicht gesehen hat.
„Wir hatten noch nie den surrealistischen Picasso“, betont Kokuratorin Gunhild Bauer gegenüber ORF.at. Francis Bacons „Drei Studien der Isabel Rawsthorne“ : Der Schlüssel als Symbol für SexPicasso: „Figur am Meeresstrand“ Picasso: „Dora Maar“ Der mit hochkarätigen Leihgaben bestückte Blockbuster ist vor allem Michael Peppiatt zu verdanken.
Der britische Bacon-Biograf und langjährige Freund des Malers begleitete Bacon zu Lebzeiten und trug nun das Thema samt zahlreicher Leihgaben an die Albertina heran. 71 Werke versammelt die Schau, die durch die vielen Großformate deutlich umfangreicher wirkt – darunter zentrale Werke von Picasso wie „Mutter und Kind “ . Dabei täuscht der Doppeltitel ein wenig: Zwar stammen gleich viele Werke aus der Hand beider Großmeister. Erzählt wird aber, wie Bauer offen einräumt, „an Bacon entlang“.
„Wir zeigen, wie Picasso ihn beeinflusst hat“, so die Kuratorin, die von einer „künstlerischen Vaterfigur, einem Wahlverwandten“ spricht. Picasso war – kaum überraschend – nicht vom 28 Jahre jüngeren Kollegen geprägt. Für seine Verhältnisse hatte er aber erstaunlich viel für den Autodidakten übrig. Sogar der Entschluss Bacons, Maler zu werden, geht auf einen Ausstellungsbesuch zurück. 1927 sah der 17-Jährige in Paris Zeichnungen von Picasso in der Galerie Paul Rosenberg.
Was ihn elektrisierte, war Picassos surrealistischer Blick hinter die schöne Form. Das Großformat „Sitzende Badende“ im Auftaktkapitel zeigt exemplarisch, wie der surrealistische Picasso die nackte Figur fragmentiert und ihr den Kopf einer Gottesanbeterin aufsetzt – im Surrealismus eine geläufige Metapher für die bedrohliche weibliche Sexualität.
"Diese Urängste, diese Vagina dentata , das Unkontrollierbare, das Unbewusste – das kommt hier zum Ausdruck“, so Bauer. Bacon übernahm diese erotische Motivik teils explizit. Picasso malte wiederholt aufgerissene, zähnefletschende Münder – etwa in „Der Kuss“ .
Auch bei Bacon zeigen Liebende ihr Gebiss. In seinem Großformat „Zwei Figuren“ lässt er ein homosexuelles Paar im zerwühlten Bett miteinander ringen. Während Picasso seine Frauen und Geliebten in leichtfüßigen, verfremdeten Sujets zu Projektionsflächen seiner Fantasien verwandelte – mal Meerestier, mal Gottesanbeterin, mal fließende Form –, wurde die Malerei für Bacon zu einem Ort, an dem Begehren auf dunklere Weise Platz hatten und Verzweiflung und Abgründe miteinbegriffen. Als 16-Jähriger war Bacon wegen seiner Homosexualität vom gewalttätigen Vater verstoßen worden.
Malerei bedeutete Befreiung: In Großformaten porträtierte er auch seine Geliebten Peter Lacy und George Dyer – Letzteren als wilden Stier, kurz vor dem Absprung in die Arena. Auch anderes zwischen Meister und Schüler blieb grundverschieden. Wo Picasso frei komponierte, malte Bacon langsamer, kontrollierter nach Fotografien. Von Anfang an verfolgte Bacon, wie Bauer erläutert, den Anspruch, „wie Rubens wirklich riesige Schinken zu malen, die er dann pervertierte“.
Besonders berüchtigt: Bacons Serie der Päpste nach Velazquez’ Porträt von Papst Innozenz X., einem der erhabensten Herrscherporträts der Kunstgeschichte. Bacon ließ den Papst im Dunkeln thronen – auch hier mit einem zähnezeigenden Mund, zur Fratze verzerrt. Eine Travestie, die gerade im katholisch geprägten Irland „eine irrsinnige Provokation war“, so Bauer. Das US-Nachrichtenmagazin „Time“ nannte eine Ausstellung dieser Werke 1953 „Snapshots from Hell“.
„Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human“. Albertina, täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr. Bis 31.
Jänner 2027. Besonders eindrücklich wird die Verwandtschaft der Großmeister im Porträtsaal: Seine fragmentierten Frauenporträts, darunter die ikonische „Dora Maar“ , fertigte Picasso unter dem Eindruck des Faschismus an, der den Kubismus verteufelte – ein Akt des Widerstands. Ihnen gegenübergestellt sind die erbarmungslos verdrehten Porträts Bacons: Beide verstanden das Antlitz des Menschen als Ort des Bruchs, der Entblößung und der Neuerfindung.
Der Fokus auf Bacon und die Gemeinsamkeiten mit dem avantgardistischen Vorbild erklärt vieles – doch fällt auf, dass Picassos bekanntermaßen problematisches Verhältnis zu Frauen hier zur Randnotiz verkommt, trotz des Fokus auf eben diese Werkgruppen. Dabei ist die Bilanz kein Geheimnis: Von den sieben Frauen, die offiziell sein Leben teilten, nahmen sich zwei das Leben, eine weitere versuchte er aus dem Kunstbetrieb zu drängen.
Auch der „Kulturmontag“ widmet sich am Montag um um 22.30 Uhr in ORF2 der Ausstellung – mehr dazu inDie Albertina schreibt in den Wandtexten von „erotischen Obsessionen“ und rahmt das explizit erotische Spätwerk als seinen „Beitrag zur 68er-Bewegung“: „Kein anderer Künstler steht so sehr für die Freiheit wie Picasso.
“ Die aktuell wieder diskutierte Frage, wie weit Leben und Werk gemeinsam betrachtet werden sollen, wird in der Albertina nicht angegriffen. Die Zusammenschau bleibt so oder so ein faszinierendes Ereignis. Mit einer Meisterschaft, die ihresgleichen sucht, stellten beide die Frage nach dem Menschsein neu. Nicht alle Bilder konnten vollständig geladen werden.
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