Philosophicum: Rüdiger Safranski warnt vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz

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Philosophicum: Rüdiger Safranski warnt vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz
Künstliche Intelligenz, Philosophicum Lech, Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranski hat beim Philosophicum Lech die Künstliche Intelligenz kritisch beleuchtet. Er sieht in ihr eine Quelle von Verletzlichkeit und Manipulation, die den menschlichen Geist zunehmend schwächt. Angesichts zunehmender Automatisierung und maschinell erzeugter Texte fordert er ein kulturelles Immunsystem, das den Menschen vor der Instrumentalisierung durch Technologien schützt.

Viel gelernt beim Philosophicum: Die Superintelligenz ist wohl ein Marketinggag, zu viel Verletzlichkeit raubt uns die Freiheit und an Verschwörungen glauben immer nur die anderen. 2027 geht es um die „Götter der Gegenwart“.

Kann man mit der Weisheit des Ältesten über das Neueste sprechen? Und ob! Rüdiger Safranski hat es vorgezeigt, am letzten Tag des Philosophicum Lech. Der gefeierte Autor tröstete das Publikum beim Denkertreffen damit, dass uns nach der „vierten Kränkung“ der Menschheit durch die Künstliche Intelligenz immer noch das „Spontane, Willkürliche, Fantastische“ bleibt.

Da kann die KI nur mithalten, indem sie halluziniert, ihr „allzumenschlicher“ Zug, der sie für Safranski „fast schon sympathisch machen könnte“. Ansonsten hält er es mit E.T. A. Hoffmann, dem schon die mechanischen Automaten seiner Zeit wegen ihres „Nachäffens“ des Menschen „im höchsten Maße zuwider“ waren. Die Tech-Anbieter vermenschlichen ihre toten Produkte, und KI-Agenten, die ungeplanten Unfug treiben, werden wie „Raufbolde beschrieben, die ausbrechen“.

Priester halten KI-Predigten, womit aus dem überpersönlichen Gott ein unterpersönlicher wird: „Ein toter Geist geht um in einer sterbenden Kirche.

“ Als kluger Einsatz gilt das „Kuratieren“ automatisch erstellter Texte, was die „Unfähigkeit des Denkens und Schreibens verdeckt“. Dabei nährt sich die Maschine durch Trainingsdaten „wie ein Vampir“ vom „lebendigen Geist“. Werden bald auch wir „funktionieren oder durchdrehen“? Der lebendige Geist müsse sich ein „kulturelles Immunsystem“ zulegen.

Nicht nur, um den toten „sinnvoll zu nutzen“, wie man es uns vorbetet, „sondern vor allem, um nicht von ihm benutzt zu werden“. Seltsam: Neben dieser bildungsbürgerlichen Elegie wirkten die viel handfesteren Warnhinweise von Felix Maschewski fast hoffnungsvoll. Der Medienforscher aus Berlin fragte sich und uns: Was hat es mit der Superintelligenz inklusive Bewusstsein auf sich, dieser „letzten Erfindung der Menschheit“, die alle Probleme löst oder uns alle vernichtet?

Elon Musk hatte sie schon fürs Vorjahr prophezeit, jetzt soll sie noch heuer über uns kommen, lang kann's also nicht mehr dauern. Vielleicht ist sie ja nur eine „Beschwörungsformel" der Tech-Bosse, eine „intellektuelle Verwirrung“? Oder „fadenscheiniges Marketing“ mit einem Mix aus Drohen und Verheißen? Das sieht Maschewski auch hinter den Hacks durch KI-Agenten, die nur die „Fähigkeit der Technologie“ beweisen sollen.

Wenn wir uns durch KI betreuen lassen, führe das dazu, dass wir uns auch eine Zukunft ohne die Tech-Konzerne nicht mehr vorstellen können – und das sei auf Dauer „schlecht und dumm“. Wozu freilich ein Denken führen kann, das sich aus Frust oder Wut gar nicht mehr betreuen lässt, zeigte sich am Samstagnachmittag. Verschwörungstheorien standen am Programm, und mit Michael Butter ein ausgewiesener Experte für sie.

Viel war da zu erfahren: dass sie lange akzeptiert waren – „jeder US-Präsident“ glaubte und verbreitete welche, und sogar Thomas Mann hielt die Freimaurer und Illuminaten für den Ersten Weltkrieg verantwortlich. Erst ab den Siebzigern tauchten sie stigmatisiert in den Untergrund ab, aus dem sie sich dank Digitalisierung wieder erheben. Aber, Überraschung: „Das Internet wird überschätzt“, denn die Anhänger „sind nicht mehr geworden“, und sie lesen vorzugsweise Bücher.

Butter betonte, dass jede dieser Theorien ein Symptom für ein tieferes Unbehagen ist. Schade nur, dass er es monokausal auf den bösen Kapitalismus zurückführen will. Wer an eine „Umvolkung“ oder an eine Corona-Verschwörung glaubt, dem geht es nach eigenem Bekunden um ganz andere Dinge. Wissen es die epistemischen Eliten besser?

Das klingt ja fast schon entmündigend. An einem ähnlichen „Bias“ litt der sonst hoch informative Beitrag der Wiener Soziologin Laura Wiesböck. Sie beugt sich über die Diagnosen, die sich Jugendliche von Influencern zu ihrer psychischen Gesundheit erstellen lassen. Wer früher schusselig, schüchtern oder traurig war, wird heute rasch pathologisiert.

Die Diagnose „dient als Erleichterung“, ja als „Heilsversprechen“. Auf vier Millionen Klicks kommt ein TikTok-Video, wo es heißt: Wer einen Ohrwurm im Kopf hat, leidet an ADHS. Eine besonders populäre Krankheit, neben Angststörung und Borderline. Kein Prestige versprechen Leiden, die sich nach innen richten, oder Narzissmus, weil er „dem Erfolg entgegensteht“.

Denn das ist Wiesböcks soziologischer Befund: Eine „auf Produktivität und Effizienz ausgerichtete Gesellschaft“ zwinge die Jugendlichen zur Selbstoptimierung. Um dem Druck zu entkommen, „schaffen sie sich Räume“ durch Diagnosen. Also: Wieder ist der Kapitalismus schuld, hier heißt er Neoliberalismus. Wir hätten es uns denken können.

Mehr Einsicht lieferte da der launige Ausflug der Schweizer Philosophin Catherine Newmark in die Geschichte der Mündigkeit: Sie war nie ein Zustand, immer nur ein kurzes Erweckungserlebnis. Sobald zu viele selbstständig denken, wie die Bauern in der Reformation, bricht Chaos aus, das wieder einzuhegen ist. So auch heute– nur fehlen uns Autoritäten, die uns in die Schranken weisen. Zum Glück!

Vielleicht wollen wir ja deshalb so viel gesetzlich regeln. Zu viel, findet Frauke Rostalski. Die Strafrechtlerin von der Uni Köln sprach über die „vulnerable Gesellschaft“: Wer sich verletzt oder gekränkt fühlt, erhebt Anspruch auf staatlichen Schutz oder erzwungenes Schweigen statt offenen Diskurs. Damit schränken wir unser aller Freiheit ein.

Rostalskis Appell an Eigenverantwortung und Resilienz wurde besonders stark akklamiert – ein Weg zurück zur Mündigkeit, den offenbar viele in Lech gerne beschreiten wollen. Und nächstes Jahr? Da geht es zum 30-Jahr-Jubiläum des Symposions unter dem Titel „Was uns heilig ist“ um „die Götter der Gegenwart“. Einige Götzen wurden ja heuer schon mit sehr viel Verve von ihrem Altar gestoßen.

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