Der tschechische Autor Patrik Ouředník präsentiert mit Ad acta einen Roman, der sich bewusst gegen genretypische Erwartungen stellt. Im Zentrum steht der misanthropische Pensionär Viktor Dyk, dessen ablehnende Haltung gegenüber anderen Menschen immer wieder sichtbar wird. Ouředník verbindet Krimi, Satire und Selbstironie zu einer absonderlichen Betrachtung der menschlichen Natur, ergänzt um intellektuelle Spielereien, sprachliche Kunst und unerwartete Perspektivwechsel. Der Text wird im vorliegenden Rezensionsteil ausdrücklich gewürdigt.
Es gibt eine immerwährende Konstante in Patrik Ouředník s Werk, die ihn – auch für die deutschsprachige Leserschaft – unerlässlich macht: seine Gabe, uns zu überraschen.
Und dies in einer Art und Weise, die überdeutlich zeigt, dass hier einer aus dem Vollen schöpft: das intellektuelle Reservoir, die sprachlichen Fertigkeiten, die Fähigkeit, gleich um mehrere Ecken denken zu können und alles mit allem zu verknüpfen, das ist schon großes Kino. Ouředníks Roman „Ad acta“ fällt da nicht aus dem Rahmen, und ein wenig weiß ich, wovon ich schreibe, schließlich durfte ich selbst vier Bücher des Autors übersetzen, die sich – wie „Ad acta“ – jeglicher Kategorisierung entzogen.
Pars pro toto sei an dieser Stelle auf sein monumentales Werk „Europeana“ hingewiesen, das meistübersetzte Buch der neueren Literaturgeschichte des Landes. Oder Titel wie „Das Jahr 24“ oder einen Meilenstein der tschechischen Lexikografie , der freilich als unübersetzbar gilt und der in „Ad acta“ von einer seiner Gestalten – äußerst gelangweilt – abgelegt wird .
„Ad acta“ offeriert einem etwas, womit man nicht rechnet – nämlich einen Krimi, der keiner ist, möglicherweise eine Satire, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt, gewiss aber eine Betrachtung der menschlichen Natur, die sich gewaschen hat. Den zentralen Angelpunkt stellt eine misanthropische Gestalt dar, die einem bernhardschen Erzähltopos entsprungen sein könnte, Pensionär Viktor Dyk.
„Die Menschen insgesamt waren ihm lästig je jünger sie waren, nach dem elementaren Gesetz, dass sie die Welt mit ihrer Existenz umso länger belästigen würden Die Alten waren nicht weniger widerlich, aber ein mildernder Umstand sprach für sie. Sie würden sich nicht mehr sehr lange wichtigmachen.
“Die Eigenheiten und Abgründe des Herrn Dyk bleiben vielfältig, etwa untermalt er seine Sentenzen vorzugsweise mit falschen biblischen Referenzen, da der Mensch seit jeher jene als intelligent erachtet, die zu wiederholen verstehen, was bereits gesagt wurde. In gewisser Weise macht einen diese Taktik unantastbar – „verhaltensoriginell“ zweifellos.
Das Verbrechen kommt in „Ad acta“ – wie schon angedeutet – nicht zu kurz, der ermittelnde Chefinspektor Vilém Lebeda versucht sein Möglichstes , doch hinkt man dem Bösen bekanntlich hinterher. In der Ausgestaltung dieser Figur zeigt sich Ouředníks unnachahmliches Talent, Parodie und Melodram miteinander zu verzahnen.
Bei seinem Feldzug gegen „Werbetafelschmierfinken“ im öffentlichen Raum müht sich der Inspektor mit einer Typologie der Saboteure ab: „Die Kommandos gehörten unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen an, die von den ,Pazifisten gegen Werbung‘ oder den ,Trotzkisten gegen die Angriffe auf das Kapital‘ über die ,Entschlossene Christliche Jugend‘ und die ,Frauen für die Zukunft der Frauen‘ reichten . In der vergangenen Woche war Lebeda auf eine Gruppe namens ,Sturesel‘ gestoßen, die riesige rosarote Esel auf die Plakate malte mit einer Comicblase : Ich bin ein Esel, wer könnte etwas anderes behaupten?
“In „Ad acta“ nimmt das menschliche Unvermögen kein Ende, die Dummheit und Groteske grassieren bis zuletzt, und das, was wir als Leserschaft mitnehmen sollten, bleibt eine Mahnung: unsere Mitmenschen kritisch zu hinterfragen . Und vielleicht ja doch mehr über uns selbst zu lachen.
„Und das soll demokratisch sein? Ja. Dass alle reden und niemand zuhört? Ja.
Eigenartige Demokratie. Man muss sich erst daran gewöhnen.
“Roman. Aus dem Tschechischen von Margret Millischer. 130 S., geb. , € 24,95
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