Julia Wenzel, 1993 in Oberösterreich geboren, studierte Französisch und Politikwissenschaft in Wien und Paris. Als freie Journalistin gewann sie 2019 den „Datum“-Talente-Preis und wechselte im selben Jahr zur „Presse“, wo sie seit 2020 hinter die Kulissen von Parlamentsklubs, Partei- und Regierungsbüros blickt.
„Es gehört viel mehr darüber gesprochen“, sagt der Klinische Psychologe Christian Scambor über pädophile Neigungen, um Betroffene davor zu bewahren, zu Tätern zu werden. Scambor hat vor 30 Jahren die Grazer Männerberatung mitbegründet – und erkennt Veränderungen: „Durch das Internet ist es viel einfacher als früher, an Material zu kommen.
“ Christian Scambor gründete die Grazer Männerberatung vor 30 Jahren mit. Er plädiert für breite Diskussion über das Thema Pädophilie – und den Hilfsangeboten für Betroffene. Christian Scambor: Das ist schwer zu sagen. Das meiste, was wir an Zuweisungen bekommen, kommt ja entweder aus dem Dunkelfeld oder von Gerichten.
Wie viele Menschen wirklich von der Problematik betroffen sind und Therapie brauchen, lässt sich schwer sagen. Man geht von einem kleinen, einstelligen Prozentbereich aus, zwischen einem und fünf Prozent der Bevölkerung. Niemand weiß das so genau. Viele haben noch nie Hilfe in Anspruch genommen und sind weder polizeilich noch juristisch auffällig geworden.
Sie befinden sich im Dunkelfeld. Das Thema muss viel mehr in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Es gibt Unterstützungsangebote und die gehören bekannt gemacht, etwaGenau. Es ist verboten, ein No-Go, das wissen die Leute, die das betrifft, ja auch.
Oft geht es um den Konsum von Missbrauchsabbildungen im Internet, wo viel mehr möglich ist als früher. Früher war es viel schwieriger, sich Material zu besorgen.ist Klinischer und Gesundheitspsychologe. Er hat vor 30 Jahren die Männerberatung als Krisen- und Gewaltpräventionszentrum in Graz mitbegründet. Heute leitet er nationale und EU-weite Projekte in den Bereichen Männerforschung und Gender Mainstreaming.
Im Dunkelfeldprojekt, das sich auf die Erfahrungen eines deutschen Vorbild-Projekts an der Berliner Charité von Dr. Klaus Michael Beier stützt, werden gezielt Pädophile angesprochen, die sich freiwillig ihrer Pädophilie stellen wollen. Sie sind als Männerberatung eine Art Täter-Anlaufstelle. Wie läuft das ab, wenn sich Täter bei Ihnen melden? Zeigen Sie sie sofort an oder raten ihnen zur Selbstanzeige?
Es kommt darauf an. Wenn Leute mit Missbrauchsabbildungen im Netz zu uns kommen und davon wegkommen wollen, dann bieten wir Einzel- und Gruppentherapien an. Anzeigen tun wir das nicht. Das tun wir allerdings bei „Hands-on“-Delikten . Das melden wir bei der Kinder- und Jugendhilfe. Dazu sind wir verpflichtet. Ich glaube, sie ist größer geworden.
Früher hat es die fast gar nicht gegeben. Inzwischen gibt es doch Leute, die kommen. Das berichten auch die Kollegen in Wien und in Innsbruck und in Deutschland, wo es auch viele Programme gibt. Es sind wahrscheinlich so 30 bis 50, nur in Graz.
Das schwankt aber enorm. Wenn zum Beispiel irgendwo eine Gruppe ausgehoben und angezeigt wird und mehrere Verurteilungen erfolgen, dann steigt das in relativ kurzer Zeit wieder. Ja. Das Problem besteht ja darin, dass man mit sich kämpft, weil man weiß, das ist nicht legal und kann mich in riesige Schwierigkeiten bringen.
Ich gefährde vielleicht sogar Kinder. Wenn dann in den Medien so ein Fall bekannt wird, erhöht das den Stress, das im Geheimen zu betreiben. Der Leidensdruck steigt und auch die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen. Deshalb sind die Medien total wichtig, auf die Hilfsangebote hinzuweisen.
Die sexuelle Präferenzstörung Pädophilie, also dass eine sexuelle Präferenz für das Körperschema von Kindern und Jugendlichen besteht, hat es immer schon gegeben. In der Psychologie geht man davon aus, dass Betroffene wie in einem Coming-Out-Prozess sich selbst erst eingestehen müssen, dass sie dieses Verlangen haben. Das sind Schwellen, die überschritten und Mauern, die übersprungen werden müssen, um sich selber zu erlauben, ein Delikt zu setzen.
In diesem Prozess spielen es viele herunter, normalisieren es, tauschen sich auch vielleicht mit anderen aus. Im Prinzip wissen sie im Hinterkopf, das ist absolut illegal. Trotzdem versuchen sie, sich selbst anzuschwindeln, damit sie sich das erlauben dürfen. Das erzeugt dann natürlich einen Geheimhaltungs- und Leidensdruck.
Viele, die das konsumieren, sind nicht pädophil. Da gibt es auch andere Motivationen wie Hypersexualisierung oder unangenehme Gefühle, die man durch das extreme Material betäuben möchte. Das könnten aber auch andere illegale Materialien sein, Videos von Gewaltorgien oder ähnliches. Die, die das tatsächlich wegen einer sexuellen Präferenzstörung tun, muss man Hilfe anbieten.
Die Störung selbst ist schwer zu therapieren. Die bleibt, aber ich kann lernen, wie ich andere Menschen nicht schädige und gefährde. Und das ist der Sinn und Zweck. Die Zahlen sind ja Spekulation.
Niemand weiß wirklich, wie viele es betrifft. Wir kennen die Verurteilungen und jene, die in Therapie sind. Das ist aber nur ein Bruchteil davon, was in der Gesellschaft passiert. Allen Anschein nach scheint es so zu sein, dass Männer leichter durch bildliches Material sexuell stimuliert werden und Frauen vielleicht mehr durch sprachliches Material.
Das sind aber alles Hypothesen. Könnten KI-Deep-Fakes eine Lösung bzw. ein Therapieansatz sein? In dem Sinn, dass man Menschen mit KI gestattet, ihre Neigung auszuleben, ohne dass es in der realen Welt zum Übergriff kommt. Diese Frage wird kontroversiell diskutiert.
Es gibt die Haltung, dass man den Leuten irgendeinen Ersatz anbieten muss. Aber es gibt genauso den Ansatz, der sagt, man unterstützt damit deliktvorbereitende Fantasien. Befeuert es das Problem oder verhindert es das Delikt? Das ist vermutlich von Fall zu Fall unterschiedlich.
Vom Gesetz her ist es so geregelt, im Moment zumindest, dass auch Bilder, die den Anschein erwecken, als wären sie real , illegal sind. Der Gesetzgeber will wirklich den Blick verhindern und dass Bilder, die so ausschauen, als wären sie real, nicht kursieren und konsumiert werden dürfen. Das hängt davon ab, welcher Typus es ist.
Wenn es darum geht, Konflikte und emotionale, unaushaltbare Zustände zu regulieren, mit extremem Material, dann hat das mit sexueller Orientierung nichts zu tun. Wenn jedoch eine pädophile Neigung vorliegt, in dem Sinn, dass es sich um ein Begehren handelt, dann geht man inzwischen davon aus, dass diese Neigung so stabil ist wie eine sexuelle Orientierung. Das kann man nicht wegtherapieren. Das bringt nichts.
Und niemand weiß genau, warum das so entsteht, wie es entsteht. Der Anlassfall Gunkl hat es in einem Video als „Phase“ in seinem Leben beschrieben, die lange her sei. Ist das glaubwürdig, dass so eine Phase wieder vorbeigeht? Das ist etwas, was man mit den Menschen selber herausarbeiten muss.
Ist das etwas, was zu mir gehört, was eine stabile Begehrensstruktur widerspiegelt? Oder ist es ein Konflikt, also ein Emotionsregulationsverhalten in sehr schwierigen Situationen? Ist es situations- oder präferenzmotiviert? Das betrifft sowohl den sexuellen Missbrauch als auch den Konsum von Missbrauchsdarstellungen.
Sind Übergriffe manchmal auch Ersatzhandlungen im Sinne von: Ein Kind zu missbrauchen ist „leichter“ als einen Erwachsenen? Es gibt unterschiedliche Tätertypologien und ja, es gibt auch diesen. Dieser Typus wäre eine selbst unsichere Persönlichkeit, die Sexualität mit Kindern quasi als Ersatz für eine eigentlich angestrebte Sexualität mit Erwachsenen sieht. Nein, überhaupt nicht.
Also sowohl für den Altersgruppen als auch von den sozialen Milieus ist alles dabei. Wir haben alte Leute, junge Leute, welche, die studiert oder einen Lehrberuf oder gar nichts gelernt haben. Da gibt es alles quer durch die Bank, was ja auch Sinn macht. Es ist eine sexuelle Präferenzstörung ist, die unerklärlich bei einem gewissen Anteil der Bevölkerung entsteht.
Zumindest gibt es auch diesen Typus. Bei den situationsmotivierten Tätern, wo das Begehren nicht stabil auf Kinder gerichtet ist, finden wir eine Problematik in der Verarbeitung von Emotionen und Konflikten und soziale Kompetenzdefizite. Wenn man da die Ursache behandelt, dann fällt auch das Deliktverhalten weg. Bei präferenzmotivierten liegen andere Probleme vor.
Das können alle möglichen psychischen Probleme sein. Sie haben ein Triebschicksal und müssen einfach lernen, damit umzugehen und niemanden damit zu schädigen. Wichtig ist Verantwortungsübernahme. Anzuerkennen, dass das Problem ein Problem ist.
Das heißt, Missbrauchsabbildung im Netz nicht herunterzuspielen als etwas, das sowieso schon da ist. Es ist nicht egal, ob ich es konsumiere oder nicht. Ich muss Verantwortung übernehmen für den gesteigerten Bedarf durch mein eigenes Verhalten. Wir müssen die Menschen dazu bringen, dass sie ihre eigenen Präventionsmanager werden.
Also Frühwarnsignale zu erkennen und Strategien zu entwickeln, wie man aus der Spirale herauskommt. Wir müssen sie dazu bringen, dass sie irgendwann alleine in der Lage sind, sich zu regulieren bzw. früh genug wieder auf Hilfe zurückzugreifen. Meistens ein bis drei Jahre. Das ist manchmal auch von der Probezeit des Gerichtsurteils abhängig.
Es ist auf jeden Fall nichts, was in ein paar Wochen erledigt ist, sondern eine langjährige Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, der Sexualität und des eigenen Begehrens. Das dauert einfach. Die Popkultur zelebriert die Jugend. Schönheitsideale orientieren sich an jungen Körpern ohne Schambehaarung und Falten.
Auf Porno-Webistes finden sich Genres wie „Teens“ oder „Stepdaughter“. Befeuert das pädophile Neigungen? Zu einem gewissen Grad wird damit Täterverhalten jedenfalls normalisiert, weil popkulturell damit quasi eine Normalisierung des Kults junger Körper stattfindet. Es wird so getan, als wäre das normal, was es ja nicht ist.
Es wäre ja illegal, mit Jugendlichen real Sex zu haben. Das ist höchst problematisch, dass in der Pornografie dieser Jugendkult zelebriert wird.
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen
Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Lindsey Graham's Sanktionspaket gegen Russland soll den Ukraine‑Krieg beschleunigenDer verstorbene US‑Senator Lindsey Graham hat mit einem heftigen Sanktionenpaket gegen Russland gefordert, das bis zu 500 Prozent Strafzölle für Importe, insbesondere von russischem Öl, vorsieht. Das Gesetz, das von den Republikanern unterstützt wird, sieht Sonderzölle von bis zu 100 Prozent für Großimporteure wie China und Indien vor und soll die russische Wirtschaft sowie das Militär aus dem Griff des Kremls befreien. Trotz Kritik aus Washington und Peking betonen Befürworter, dadurch die Ukraine zu unterstützen und Russland zu einer Einigung zu zwingen.
Weiterlesen »
Von der Brot-Gondel zur KI für den Schweinsbraten: Küchentrends...Valerie Zehethofer ist Redakteurin für die „Presse“ und das „Presse Schaufenster“ und schreibt dort über Stil, Design, Zeitgeist und das moderne Leben. In Wien geboren, studierte sie Modejournalismus in München, arbeitete für das Modemagazin „Diva“ und leitete das Mode- und Wohnressort der Zeitschrift „Wienerin“, bevor sie zur „Presse“ kam.
Weiterlesen »
Auch Ex-Liga-Manager ist jetzt ein Thema beim VSVDie bangen Momente um den Saisonstart des VSV ist Geschichte, ab Freitag startet die Puckjagd in der ICE-Liga bei den Vorarlberg Pioneers auch für ...
Weiterlesen »
OpenAI, Anthropic und Google: Das Wettrennen, das niemand wirklich...Die mächtigsten KI-Firmen der USA rufen nach weltweiter Regulierung. Wie realistisch ist das?
Weiterlesen »
