Lorenzo Fioroni inszeniert Berlioz’ Werk als anspielungsreich-ironisches Kaleidoskop. Die Besetzung ist hörenswert - trotz klanglicher Abstriche.
Berlioz’ „Dramatische Legende“ wird in Lorenzo Fioronis Regie zum anspielungsreich-ironischen Kaleidoskop. Klanglich muss man Abstriche machen, die Besetzung aber ist hörenswert. Eine kleine ältere Dame in der ersten Reihe wollte es ganz genau wissen.
Mit lustvollem Lächeln auf den Lippen stand sie auf, um besser über die Brüstung in den Graben schauen zu können. Dort, von teuflisch rotem Scheinwerferlicht umzüngelt, versank nämlich gerade das Orchester, in heller Panik unfähig weiterzuspielen, unter Heulen und Zähneknirschen im Inferno.
Klar, der Schauwert einer zünftigen Höllenfahrt schlägt jede ausgemalte Ahnung des himmlischen Elysiums um Längen: Deshalb gibt es ja auch überall eine mehr oder minder gruselige Geisterbahn, nirgends aber eine Engel-Erlebnisweltrundfahrt, bei der man sich auf Wattewölkchen niederließe, um verzückt dem obligaten ätherischen Harfenspiel zu frönen. Auch an Dantes „Divina Commedia“ interessiert uns längst am meisten, wer warum in welchem Höllenzirkel schmort – und was wäre Don Giovanni, würde ihn nicht am Ende in schaurigem d-Moll der Komtur holen?
„Ha! – Furchtbar gähnt der düstre Abgrund, welch ein Graun! Das Auge wähnt In einen Höllenpfuhl zu schaun!
“ – Ja, Pardon: schon wieder die falsche Oper. Wobei man beim Begriff „Oper“ in diesem Fall gleich innehält: Denn genau genommen hat Hector Berlioz „La Damnation de Faust“ gar nicht für die Bühne vorgesehen. Seine freie Bearbeitung von Goethes „Faust I“ als „Légende-dramatique“ war bei der konzertanten Uraufführung 1846 in Paris – trotzdem oder gerade deshalb? – ein Misserfolg.
Die relativ lose Szenenfolge dieses dramatischen Chorwerks mit Arien und Ensembles erfordert einiges an fantasievoller Ergänzung der Eindrücke von Ohr und immer öfter auch Auge. Denn Hand in Hand mit einer sich entwickelnden Bühnentechnik interessierten sich zunehmend Impresarios und mutige Regisseure für Berlioz’ innovatives Werk mit seinen pittoresken Schauplätzen, gespickt mit musikalischen Pointen und Instrumentationsfinessen, vielfältigen Aufgaben für den Chor und drei lohnenden Hauptpartien.
Zumal in den letzten Jahrzehnten wurden die szenischen Produktionen häufiger, auch die Wiener Staatsoper bringt das Werk noch im Dezember als Erstaufführung. In Graz hat nun der Regisseur Lorenzo Fioroni keine Anstalten gemacht, „La Damnation de Faust“ homogener, logischer und zielstrebiger zu machen als unbedingt nötig. Lieber tänzelt er mit ironischem, teils auch sardonischem Lächeln zwischen Realität und Imagination, persönlicher und politischer Bedeutung – und lässt auch tanzen, gekonnt wie bewusst holprig .
Faust ist bei Fioroni nämlich eine Art Schaubudenchemiker, der anfangs eine ungewollte Explosion auslöst und dann, vielleicht in Todesnähe, die Handlung als groteske Fantasmagorie durchlebt. Jedenfalls stehen ihm die Narben des Unfalls die ganzen zwei pausenlosen Stunden ins Gesicht geschrieben.
Und nein, es waren natürlich auch nicht die Grazer Philharmoniker selbst, die da gegen Ende, ihre Instrumente schreiend in Händen, im Höllengraben versanken , sondern die vereinten Kräfte des Grazer Opernchores, der Singschul’ des Hauses und des Philharmonia Chores Wien, die sich an Schallkraft und Spielfreude nichts schenkten. Das entwickelte zumal in den vordersten Reihen sowie allgemein im Parkett mehrfach dröhnende Intensität, denn Sängerscharen und Statisterie quollen immer wieder in den Zuschauerraum über.
Das Orchester hingegen saß auf der Bühne – und zwar, klanglich eine bedauernswerte Entscheidung und kein geringer Preis für den erwähnten Inferno-Effekt, ganz nach hinten gerückt auf jenem städtischen Platz, den Sebastian Hannak als vielfach variierten Spielort für „Ungarn“, „Norddeutschland“, „Leipzig“ ersonnen hat. Aber Johannes Braun am Dirigentenpult hatte das Geschehen dennoch im Griff.
Zudem war die Besetzung absolut hörenswert. Pavel Petrov verlieh dem Faust stimmlich wie darstellerisch schwärmerische Konturen und ließ sich dabei auch von den sanften tenoralen Höhenflügen, die Berlioz verlangt, nicht aus der Ruhe bringen. Anna Brull ging daneben mit schon relativ dramatischem, aber modulationsfähigem Mezzosopran als Marguerite voll auf, hier eine gar nicht treudeutsch „reine Magd“, sondern ein in jeder Hinsicht erfahrener Weltstar.
Die Krone des Abends aber gebührte Nikita Ivasechko, einem Méphistophélès mit kernigem Bassbariton, der gestisch-modulationsreich singt und im Jeansanzug, Teufelsoutfit oder in Drag gleichermaßen intensiv spielt. Am Ende bleibt Marguerite trauernd zurück, während via Trickfilm im Monty-Python-Stil Faust und Mephisto mit einer Montgolfière aufsteigen, aber zwischen Sputnik und Engeln von Michelangelos Finger Gottes abgeschossen werden. Mögen die Harfen auch noch so himmlisch in Des-Dur rauschen: Es bleibt nur die unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen.
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