NS-Zeitzeuge Theodor Kanitzer: „Wir haben bis zum Schluss in...

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NS-Zeitzeuge Theodor Kanitzer: „Wir haben bis zum Schluss in...
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Abenteuerlich ist sein Leben verlaufen, sagt Theodor Kanitzer, Gründer des Chopin Festivals. Einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Nazi-Regimes spricht im „Presse“-Gespräch über...

Abenteuerlich ist sein Leben verlaufen, sagt Theodor Kanitzer, Gründer des Chopin Festivals. Einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Nazi-Regimes spricht im „Presse“-Gespräch über lebensgefährliche Situationen, Schutzengel und den Reichtum des Lebens.

Theodor Kanitzer: Weil ich es gern tue. Was soll ich denn zuhause tun? Vereinsamen? Rosten?

Die Chopin Gesellschaft und die Österreichisch-Polnische Gesellschaft waren und sind meine Lebensaufgabe. Ich bin stolz auf dieses Lebenswerk. Ich betrachte es als unsagbares Glück, im Leben das machen zu dürfen, was mich mit Freude erfüllt. Natürlich arbeite ich weniger als vor einigen Jahren und übertrage viele Geschäfte an die Pianistin Donka Angatschewa, mit der ich eine ideale Nachfolgerin habe.

Trotzdem hoffe ich noch lange ins Büro kommen zu können. Förderungen im Kulturbereich werden weniger. Ohne private Geldgeber würde sich ein Festival wie das Chopin Festival in der Kartause Gaming mit dem Präludium in Scheibbs im Dom des Erlauftales nicht realisieren lassen. Deshalb bin ich auch besonders stolz, dass wir mittlerweile über 40 Jahre das Festival erfolgreich veranstalten können.

Es ist kein Geheimnis, dass ich mich als Brückenbauer zwischen den Nationen bezeichne. Einem Zufall verdanke ich, dass ich 1953 Mitglied der ÖPG wurde. Die Gesellschaft bestand damals vor allem aus Menschen, die aus Polen stammten. Einem Land, das seit dem Überfall von Hitlers Wehrmacht, Massenmorden an Millionen von Juden, Minderheiten und politischen Gegnern, Zeitzeuge war.

Weitere Vorstandsmitglieder und Förderer der ÖPG waren Politiker, Wissenschaftler sowie Vertreter der österreichischen Wirtschaft, da Österreich dringend Kohle aus dem polnisch-schlesischen Bergwerken für den Wiederaufbau der Betriebe und die Bevölkerung brauchte. In jener Zeit gab es bereits kulturelle Kontakte zu der wieder entstandenen polnischen Chopin Gesellschaft in Warschau. 1953 hatte die ÖPG ihren Sitz in einem mit anderen Vereinen geteilten Zimmer mit Schreibtisch im Institut für Wissenschaft und Kunst hinter dem Volkstheater.

Der damalige Generalsekretär der ÖPG, Professor Holzer, wurde mein Mentor. Von ihm lernte ich zum ersten Mal vieles über Polen, seine Geschichte, berühmte Schriftsteller und Komponisten, vor allem aber über Frédéric Chopin. Als ich 1956 meine erste Polenreise als Vertreter des ÖPG antrat, war Europa bereits durch den Eisen Vorhang in Ost und West getrennt. Ich fand ärmliche Verhältnisse in Polen vor und bekam meinen ersten Eindruck der Kollektivwirtschaft.

Spartanische Gemeinschaftsunterkünfte und Veranstaltungsräumlichkeiten. Die Bewirtung übernahmen die Bauern aus der Umgebung. Es gelang mir, zur Gründung der ÖPG beizutragen, da Österreich als neutrales Land anerkannt wurde. Ich lebte mit meinen Eltern im zweiten Stock eines Wohnhauses in der Wiener Liechtensteinstraße, in der meine Mutter aufgewachsen ist.

Im Parterre wohnte eine Nazifamilie, im dritten Stock ein Gestapomann und im ersten Stock eine jüdische Familie, mit deren Tochter Stella ich seit frühester Kindheit befreundet war. Eines Tages wurde die Familie brutal abgeholt und die Wohnung beschlagnahmt. Stellas Familie gehörte zu den Millionen Menschen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden und nie wieder zurückkehrten. Die anderen Bewohner des Hauses wollten darüber nicht reden.

Ein anderes Beispiel ereignete sich während meiner Lehrzeit: Eines Tages betrat die NS-Frauenführerin des Bezirks das Radio-Elektrogeschäft in der Wiener Neubaugasse und erkundigte sich, ob wir auch große Radioapparate neben den zugelassenen Volksempfängern reparieren können, da sie jemand bräuchte, der Ihr Gerät repariert. Ich kannte mich mit Radios aus, mein Chef befahl mir mit ihr zu gehen und nachzuschauen. Im NS-Parteilokal erklärte sie mir, sie wolle die deutschsprachige Sendung des britischen Senders BBC hören.

Da das Abhören von sogenannten „Feindsendern“ verboten war und mit der Todesstrafe bestraft werden konnte, brachte sie mich in eine gefährliche Lage. Jedoch hatte ich keine andere Wahl, als ihrer Aufforderung nachzukommen. Tatsächlich gelang es mir, den „Feindsender“ hereinzubekommen. Die Frauenführerin drückte mir ein Trinkgeld in die Hand.

Allerdings hatte ich lange Zeit danach Angst, sie könnte mich anzeigen. Das hätte furchtbare Folgen für mich und meine Familie gehabt. Als wehrpflichtiger junger Mann wurde ich durch die Polizei zu einer Versammlung der Waffen-SS „eingeladen“, die in einem großen Saal des chemischen Instituts der Universität Wien im neunten Bezirk stattfand. Wir wurden aufgefordert „freiwillig“ der Waffen-SS beizutreten.

Am Ende der Versammlung selektierten am Ausgang zwei große SS-Offiziere große, blonde Männer. Diese wurden in einen Nebenraum gebracht und mussten unterschreiben, dass sie „freiwillig“ der Waffen-SS angehören wollen. Für viele hatte das natürlich katastrophale Folgen. Da ich nicht blond war und Brillen trug, konnte ich den Saal unbeschadet verlassen.

Eine zweite Vorladung folgte von der deutschen Wehrmacht zur Tauglichkeitsuntersuchung. Das Untersuchungsergebnis befand mich für tauglich, für Volk, Führer und Vaterland zu kämpfen und zu sterben und mir wurde ein Wehrpass ausgehändigt. Bevor ich mich verabschieden konnte, nahm ein hinzugekommener Offizier meinen Wehrpass und schrieb die drei Buchstaben NZV hinein. Das bedeutete „nicht zuverlässig“.

Ich nehme an, der Grund dafür war, dass ich, obwohl mütterlicherseits rein arisch christlich getauft und erzogen wurde, ich väterlicherseits ein Vierteljude bin und damit nicht ganz den Nürnberger Rassegesetzen entsprochen habe. Diese drei Buchstaben befreiten mich vom Wehrdienst und so konnte meine Familie den Wahnsinn überleben. Trotzdem haben wir bis zum Schluss in ständiger Gefahr gelebt. Wenige Wochen vor dem Ende der Kämpfe in Wien wurde ich zum Reichs-Arbeitsdienst eingeladen.

Dieser „Einladung“ folgte ich nicht. Meine Eltern flüchteten aus unserer Wohnung und tauchten bei einer Tante unter. Wir hatten nicht nur einen, sondern viele Schutzengel, die uns halfen, diese Schreckensherrschaft zu überleben. Umfragen zufolge fürchten sich in Österreich rund die Hälfte aller Pensionisten vor Altersarmut.

Besonders groß ist die Sorge bei alleinstehenden Personen und Frauen. Wie ist Ihnen als hundertjähriger Mensch zumute? Vor vielen Jahrzehnten habe ich auf den Rat eines Freundes gehört und eine Zusatzpension abgeschlossen. Von dieser Pension kann ich heute leben.

Sonst wäre es knapp. Theodor Kanitzer wurde am 16. Juni 1926 in Wien geboren. Er ist der Gründer des Chopin Festivals in der Kartause Gaming, Ehrenpräsident der Internationalen Föderation der Chopin-Gesellschaften IFCS und Träger des großen Goldenen Ehrenzeichens der Bundeshauptstadt Wien.

Der Traum meiner Eltern und auch von mir war ein Eigenheim im Grünen nahe Wien. Die Suche war langwierig, aber irgendwann hat meine Mutter eine Anzeige gelesen von einem renovierungsbedürftigen Haus im Kahlenbergerdorf. Der Zustand des Hauses hat alle abgeschreckt und so konnten wir das Haus erwerben. Kauf und Renovierungen haben unsere gesamten Ersparnisse verschlungen.

Dass ich meine Mutter, die selbst fast 100 Jahre alt wurde, bis zuletzt in unserem Zuhause betreuen konnte, war mir wichtig. Ich wohne immer noch im selben Haus und bin sehr froh, den Rest meiner Zeit hier verbringen zu können. Besitz oder ein dickes Bankkonto sind nie mein Bestreben gewesen. Viel Geld habe ich für Reisen ausgegeben.

Unter Reichtum verstehe ich ein erfülltes, glückliches Leben. Zum letzten Mal reich beschenkt gefühlt habe ich mich, als ich meinen 100. Geburtstag gesund und mit Freunden aus aller Welt im großen Festsaal des Wiener Rathauses feiern durfte. Auf Einladung von Bürgermeister Michael Ludwig, dem Dachverband aller Österreichisch-Ausländischen Gesellschaften, der ÖPG und der Internationalen Chopin-Gesellschaft in Wien.

Noch ein bisserl länger auf der Erde gastieren und in friedvollen Zeiten leben zu können. Gegenwärtig leben wir wieder in einer verrückten Zeit. Ich hoffe, der Wahnsinn geht bald vorüber. Wie ich so alt geworden bin.

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Wie ich erwähnt habe, ist meine Mutter fast 100 Jahre alt geworden. Ich dürfte ihre Gene geerbt haben. Dem Alter entsprechend habe ich meine Lebensweise angepasst.

Kein Alkohol und keine Völlerei. Da bin ich diszipliniert und strikt. Die letzte Zigarette habe ich als junger Mann geraucht. Sonst wäre ich bestimmt nicht mehr hier.

Bis zum 90. Lebensjahr bin ich noch auf den Leopoldsberg marschiert. Das schaffe ich jetzt nicht mehr.

Allerdings muss ich in meinem Haus Treppen steigen, das hält auch jung. Um Muskeln und Gelenke beweglich zu halten, mache ich mehrmals in der Woche Gymnastikübungen. Besorgungen erledige ich so gut es geht zu Fuß. Ich muss halt öfters stehen bleiben und Luft schnappen.

Dann geht es wieder. Insgesamt ist es etwas mühsamer geworden, nimmt mir aber nicht die Freude am Leben. Über Geld spricht man nicht? Wir schon.

In dieser Gesprächsreihe fragen wir Menschen aus Kultur, Wirtschaft und Sport seit mehr als einem Jahrzehnt, wie sie ihr Geld investieren, wo sie es ausgeben und was sie bisher riskiert haben.

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