Herbert Föttinger zog Bilanz über seine 20 Jahre als Direktor des Theaters in der Josefstadt – und überantwortete sein Amt mit guten Wünschen an seine Nachfolgerin Marie Rötzer. Ein...
Herbert Föttinger zog Bilanz über seine 20 Jahre als Direktor des Theaters in der Josefstadt – und überantwortete sein Amt mit guten Wünschen an seine Nachfolgerin Marie Rötzer.
Ein Führungswechsel im Schauspielhaus Wien scheint dagegen krisenhaft zu verlaufen. Was für eine Abschiedstrilogie von Josefstadt-Direktor Föttinger! Erst als Bruscon in Thomas Bernhards „Theatermacher“ – nur noch einmal zu sehen, am 17. Juni –, dann, schon expliziter, als emigrierter Da Ponte in Peter Turrinis „Was für ein schönes Ende“.
Und nun, im intimeren Rahmen einer Pressekonferenz, die letzte Selbstinszenierung. Mit dem Rücken zum leeren Saal – oder darf man sagen: vor imaginären vollen Reihen? – saß Föttinger im grauen Anzug und zog eine Schulstunde lang Bilanz über 20 Jahre Direktion. Ohne zu poltern, wie er selbst hervorhob, aber mit Tendenz zum großen Tableau , vor allem mit viel unverhohlenem Stolz und Eigenlob.
Das nicht wirklich peinlich wirkte, weil es weitgehend berechtigt ist, besonders im Vergleich mit dem lang unter wechselnden Intendanzen gebeutelten, sich erst seit einem Jahr unter Jan Philipp Gloger konsolidierenden Volkstheater. Föttinger übergibt ein auch baulich reformiertes, um zwei Probebühnen reicheres Haus mit einer über die Jahre durchschnittlichen Auslastung von 85 Prozent; er hat den Spielplan erneuert, vor allem um neueres Autorentheater, ohne dessen Basis – die österreichischen Klassiker und Stücke des frühen 20.
Jahrhunderts – aufzugeben; er hat den Kammerspielen, die zum Schwank- und Boulevardtheater abgestiegen waren, neues Profil gegeben. Er hat das, wie er sagte, „ihm von Schenk und Lohner vererbte“ Ensemble gepflegt und mit einer erstaunlichen Liste von populären Gästen angereichert. Nicht fehlen durfte bei Föttingers Selbstdarstellung sein Bekenntnis zu sozialdemokratischen Werten.
Er, seit 1993 als Schauspieler am Haus, habe nichts gegen Baroninnen und Komtessen auf der Bühne gehabt, aber „nicht nur ein Plüschtheater der feinen Gesellschaft“ leiten, sondern auch „Schicksale der Arbeiterklasse und der Benachteiligten“ zeigen wollen, sagte er, zitierte originellerweise Brecht , um im selben Atemzug die hohe Horváth-Frequenz zu loben. Nach Peter Turrini natürlich: Dieser sei sein „größter Verbündeter“ gewesen.
Mit einem Turrini-Stück, nämlich „Der tollste Tag“, beginnt auch am 5. 9. die erste Saison der neuen Direktorin Marie Rötzer in den Kammerspielen, am 3. 9. schon hat im Haupthaus Schnitzlers „Komödie der Verführung“ Premiere. Ein Bekenntnis zur Kontinuität, das optimistisch stimmt. Wie auch Föttingers demonstrativer Verzicht auf jede Kritik an der Amtsablöse, sogar in seiner wehmütigen Auflistung des Ensembles, von dem doch einige, vor allem jüngere Kräfte, etwa die ganz charakteristischen Schauspielerinnen Katharina Klar und Juliette Larat, scheiden müssen.
Herbert Föttinger, der im Juli seinen 65. Geburtstag feiert, wird dies auch nicht vom Parkett aus verfolgen. Er zieht nach Ägypten, wo er keine Theateraktivitäten plant, wie er glaubhaft versicherte: Höchstens an der Oper in Kairo könne er sich etwas vorstellen …Bühnenwechsel: In dem einst unter Hans Gratzer blühenden Schauspielhaus Wien, das seither kontinuierlich an Bedeutung verloren hat, wurde eine Änderung nicht ohne Wut und Tränen laut. Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler hat nach zweieinhalb wenig überzeugenden Jahren unter einer vierköpfigen Leitung deren Absetzung verkündet. Es folgt die Regisseurin Sara Ostertag, die erst unlängst die Leitung des Theaters in der Gumpendorfer Straße übernommen hat. Dieses wird derzeit renoviert, einstweilen spielt es in Dependancen, darunter das Schauspielhaus. Dort inszenierte Ostertag zuletzt einen Roman von Amir Gudarzi, ohne ihn wirkungsvoll zu dramatisieren.
Ab 2027/28 soll Ostertag, die weiterhin vorzugsweise Romane auf die Bühne bringen will, also gleich zwei Theater leiten, allerdings nur mit einem Gehalt. Gegen die Übernahme am Schauspielhaus protestieren über 500 Personen in einem offenen Brief an Kaup-Hasler, in dem dem scheidenden Viererteam unter anderem „reflexive Awareness“ und „die richtigen Fragen an das Theater“ attestiert werden.
Die Stadträtin reagierte mit Kritik an der Kritik: Die „Attacken“ gegen Ostertag würden zeigen, „dass Frauen, die in Kulturbetrieben Führungsverantwortung übernehmen, nach wie vor angefeindet werden“.
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