Der Anteil muslimischer Schüler in Wien steigt, in öffentlichen Volks- und Mittelschulen stellen sie die größte Gruppe. In Privatschulen zeigt sich ein anderes Bild. Die „Presse“ analysiert die...
Der Anteil muslimischer Schüler in Wien steigt, in öffentlichen Volks- und Mittelschulen stellen sie die größte Gruppe. In Privatschulen zeigt sich ein anderes Bild. Die „Presse“ analysiert die Zahlen – mit interaktiver Grafik.
Der Anteil katholischer Schüler in den Wiener Schulen geht zurück, während die Zahl muslimischer Schüler steigt: Diese Entwicklung hat sich auch im Schuljahr 2025/2026 fortgesetzt. Große Unterschiede gibt es jedoch zwischen den öffentlichen und privaten Schulen. Das zeigen die aktuellen Daten zu den Religionsbekenntnissen der Wiener Schüler, welche die Bildungsdirektion Wien erhoben hat. Sie liegen der „Presse“ vor.
Die Daten basieren auf den Angaben der Erziehungsberechtigten. Erhoben wurden sowohl die Zahlen für die öffentlichen als auch die privaten Volks-, Mittel-, Sonderschulen sowie polytechnischen Schulen. Zahlen zu den Religionsbekenntnissen der Schüler in den höheren Schulen wie Gymnasien sind übrigens nicht bekannt. Dazu gibt es bisher keine Erhebungen.
Die von der Wiener Bildungsdirektion erhobenen Zahlen umfassen insgesamt rund 128.000 Schüler. Der ganz überwiegende Teil von ihnen besucht eine öffentliche Schule, es handelt sich um rund 114.000 Schüler, also 89 Prozent. Die Privatschüler sind klar in der Minderheit: Sie machen mit knapp 14.000 Schülern elf Prozent aller Wiener Schüler aus. Zunächst zu den öffentlichen Schulen: Dort stellen Kinder und Jugendliche mit islamischem Glaubensbekenntnis die größte Gruppe.
Ihr Anteil beträgt rund 42 Prozent, so wie in den Vorjahren ist diese Gruppe gewachsen. Im Schuljahr 2024/2025 lag der Anteil bei 41,2 Prozent; im Schuljahr davor bei 39,4 Prozent. In den Wiener Mittelschulen stellen Muslime mit 49,4 Prozent beinahe die absolute Mehrheit.
„Der Anteil der Muslime in Österreich ist in den vergangenen Jahren gestiegen, insbesondere seit den Jahren 2015/2016. Das macht sich in den Schulen bemerkbar – auch, weil die Geburtenrate unter Zuwanderern etwa aus Syrien, Afghanistan und dem Irak höher ist“, sagt der Integrationsexperte Kenan Güngör im Gespräch mit der „Presse“. Als zweitgrößte Gruppe hinter den Muslimen folgen katholische und orthodoxe Schüler, wenn beide Gruppen zusammengezählt werden. Gemeinsam stellen sie knapp 31 Prozent der Schüler an den öffentlichen Schulen.
Die Zahl der Katholiken sank im Vergleich zum vorherigen Schuljahr von 17,5 auf rund 16,7 Prozent, jene der Orthodoxen von 14,5 auf 14,2 Prozent. Relativ unverändert blieb der Anteil der Schüler ohne religiöses Bekenntnis mit 23,2 Prozent . Evangelische Schüler machen an den öffentlichen Schulen 1,7 Prozent aus, jene mit israelitischem Bekenntnis knapp 0,1 Prozent. Ein anderes Bild zeichnen die Zahlen zu den Privatschulen, hier ergibt sich eine ganz andere Verteilung nach den Religionsbekenntnissen.
Umfasst von der Statistik sind wie bei den öffentlichen Schulen die privaten Wiener Volks-, Mittel-, Sonderschulen sowie polytechnischen Schulen.
„Wir sehen vor allem in Wien eine sehr starke Segregation in der Bildung – nicht nur zwischen Mittelschulen und Gymnasien, sondern auch zwischen öffentlichen und privaten Schulen“, sagt Güngör. Während christliche und muslimische Eltern Privatschulen als elitärer und besser ausgestattet wahrnehmen würden, stünden besonders gläubige Muslime diesen jedoch skeptischer gegenüber. Diese würden ihre Kinder nur äußerst ungern an eine der vielen katholischen Privatschulen schicken wollen: „Da gibt es die Angst der Imprägnierung durch den Katholizismus“, sagt Güngör.
Neben religiösen Motiven seien aber vor allem Faktoren wie das Bildungsniveau und das Einkommen der Eltern entscheidend, ob Kinder in Privat- bzw. konfessionelle Schulen gehen. Das macht sich auch in den Zahlen bemerkbar. In den Privatschulen stellen katholische Schüler mit 45,4 Prozent die mit Abstand größte Gruppe. Dahinter folgen Schüler ohne Bekenntnis mit 25,1 Prozent; Orthodoxe mit 10,5 Prozent; Muslime mit 7,6 Prozent.
Die in öffentlichen Schulen statistisch kaum wahrnehmbaren Schüler mit israelitischem Glaubensbekenntnis kommen in den Privatschulen auf 5,3 Prozent; evangelische Schüler machen 4,2 Prozent aus. Rechnet man sowohl die öffentlichen als auch die privaten Schulen zusammen, ergibt sich insgesamt daher auch eine etwas andere Gewichtung. Die größte Gruppe stellen hier aber wie bei den öffentlichen Schulen die Muslime mit 38,3 Prozent. Dahinter folgen katholische und orthodoxe Schüler mit 33,6 Prozent.
Integrationsexperte Güngör macht darauf aufmerksam, dass sich aufgrund der demografischen Entwicklungen auch unter den muslimischen Schülern deutliche Veränderungen zeigen. Früher seien in den Schulen „vor allem türkische Muslime stärker vertreten“ gewesen, sagt Güngör. Seit einigen Jahren steige in Österreich aufgrund der Zuwanderung aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak jedoch der Anteil der arabischsprachigen Muslime deutlich. Das wirke sich auch auf das Islamverständnis aus; dieses werde hierzulande zunehmend „arabisiert“, sagt Güngör.
So sei das traditionelle Islamverständnis in der Türkei „vergleichsweise pluraler und säkularer“ ausgelegt gewesen.
„In der Türkei gab bzw. gibt es einen traditionellen Alltagsislam, der viel mehr Pluralität in sich zuließ. “ Das zeige sich beispielsweise an der Vielzahl an „heiligen“ Orten und Geistlichen und – zum Teil nicht unproblematischen – Orden in der Türkei. Diese stärkere Pluralität und Säkularität im Islamverständnis treffe auf den arabischen Islam nicht zu.
„Der arabische Islam ist homogener, koranfixierter, dadurch rigider und ,salafistischer‘“, schildert Güngör. Das hat auch Auswirkungen, wie der Islam durch die Schüler in Wien gelebt wird. Denn dieses Islamverständnis gehe einher „mit deutlich traditionelleren Wertevorstellungen und Rollenbildern für Frauen“, schildert der Integrationsexperte.
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