Neue virtuelle Karte deckt NS-belastete Gebäude in Wien auf

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Neue virtuelle Karte deckt NS-belastete Gebäude in Wien auf
NS-Zeit, Wien, Gedenkgeschichte

Eine neue interaktive Karte macht erstmals sichtbar, welche öffentlichen Gebäude in Wien mit der NS-Zeit belastet sind. Forscher wie Barbara Stelzl-Marx und Matthias Egger nutzten die Plattform, um historische Verflechtungen hinter den Fassaden zu beleuchten, etwa am Stubenring 12, wo einst die Schwestern Sigmund Freuds auf dem Weg in ihr Schicksal untergebracht waren.

Virtuelle Karte erlaubt erstmals Einblicke über NS-belastete Gebäude: „Man geht mit anderem Blick durch die Stadt“ Ministerien, Ämter, Behörden: Eine neue Karte zeigt, welche öffentlichen Gebäude als NS-belastet gelten.

Die „Presse“ hat die beiden Forschenden zu einem ganz realen Stadtspaziergang gebeten – mit Blick hinter die Fassaden. Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx und Dissertant Matthias Egger vor dem Stubenring 12. Für vier der Schwestern Sigmund Freuds war das die letzten Station, bevor sie 1942 ermordet wurden. So manche wissenschaftliche Recherche berührt besonders.

„In diesem Haus waren vier der Schwestern Sigmund Freuds gemeinsam mit Dutzenden Menschen zusammengepfercht, bevor sie in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden“, erzählt Barbara Stelzl-Marx vor dem Gebäude am Stubenring 12 – der Wiener Sitz des von ihr geleitetenist gleich um die Ecke. „Man kennt die Gesichter, hat ihre Biografien vor sich. Ich denke jetzt immer an sie, wenn ich hier vorbeigehe.

“ Denn weder Rosa noch Marie , Adolfine oder Pauline überlebten; die Sammelwohnung mitten in Wien war für sie die letzte Station, bevor sie 1942 ermordet wurden. Ihre Familie erfuhr erst 1946 durch einen Brief des Roten Kreuzes von ihrem Tod. Heute sind im Gebäudekomplex schräg gegenüber der „Angewandten“ Teile des Landwirtschaftsministeriums und ein Möbelhaus untergebracht.

Es ist der erste nasskalte Herbsttag in diesem Jahr, an dem die Historikerin und ihr Dissertant Matthias Egger die „Presse“ zu ausgewählten Adressen im ersten Bezirk führen. Stolz erzählen sie von der ersten, die nun – nach monatelangen Literatur- und Archivrecherchen – zeigt, welche öffentlichen Gebäude als NS-belastet gelten . Angestoßen hat das ProjektEin international besetzter wissenschaftlicher Beirat – mit Spera an der Spitze – wurde eingerichtet und ein Wettbewerb ausgeschrieben, den das BIK für sich entschied.

Seither begleitete der Beirat das von Stelzl-Marx geleitete Pilotprojekt. In einem ersten Schritt wurden 74 Gebäude in Wien, Niederösterreich und der Steiermark untersucht und 72 als kontaminiert eingestuft.

„Man geht mit dem Wissen mit einem ganz anderen Blick durch die Stadt, betrachtet die Gebäude mit völlig anderen Augen“, sagt Spera. Am Stubenring 12 etwa war nach der Erbauung um die Jahrhundertwende eine Kunstakademie für Frauen untergebracht. Sie zog noch vor dem „Anschluss“ aus. Ab 1938 nutzte der „Werberat der deutschen Wirtschaft“ eine Wohnung.

Seine Aufgabe: die Gleichschaltung der Werbewirtschaft im Sinne der vom Regime gewünschten Werte.

„Es war eine Zensurstelle, die darauf achtete, dass nicht mehr für Österreich, sondern für das Dritte Reich und seine Heimatvorstellungen geworben wurde“, erläutert Egger, während der Verkehr vorbeibraust. Nach dem Krieg wirkte hier der spätere Bundeskanzler der Republik Österreich, Julius Raab , als Präsident der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft. 1987 wurde am Haus für den „Freiheitskanzler“, unter dessen Regierung der Staatsvertrag zustande kam, ein entsprechender Hinweis angebracht.

Ein Erinnerungszeichen an die Gräueltaten unter den Nazis – neben der Sammelwohnung für Wiener Jüdinnen und Juden gab es auch ein Zwangsarbeiterlager – fehlt bisher. Das solle sich nun ändern, damit die Menschen nicht mehr achtlos vorbeigehen oder zumindest die Möglichkeit haben, innezuhalten und sich zu informieren, sagt Spera: „Dass nur wir es wissen, ist zu wenig.

“ Und auch diejenigen, die die Gebäude nutzen, sollen erfahren, was dort passiert ist: Die Forschenden wollen daher in einem nächsten Schritt mit jenen reden, die heute in den historisch belasteten Gebäuden arbeiten. Es geht weiter zur 1700 errichteten Himmelpfortgasse 9. In der einstigen Unterkunft der Kapläne des Himmelpfortklosters wurden in der NS-Zeit jüdische Geschäfte arisiert: etwa das Inkassobüro von Olga und Oskar Pfeiffer und das Teppichgeschäft von Sandor Rosenberg.

„Deshalb gilt es für uns als kontaminiert“, sagt Stelzl-Marx, die auch eine Zeitgeschichte-Professur an der Uni Graz hält. „Selbst wenn es hier Restitution gab, also Eigentum auch wieder zurückgegeben wurde. “ Seit 1973 sitzt hier ein Teil des Finanzministeriums. Wie ging es den Forschenden bei ihren Recherchen?

„Auch als Historikerin oder Historiker steht man zunächst vor dem Gebäude und fragt sich, was sich dazu finden lässt“, sagt Dissertant Matthias Egger. Doch worauf man stieß, war ergiebig. Es habe sich einmal mehr gezeigt, wie weit das NS-Regime selbst in die kleinsten Behörden und Betriebe hineineingewirkt habe.

„Wir waren mit dem Geigerzähler der Geschichte unterwegs und haben geschaut: Wo schlägt er aus? Wo hören wir ein Knacken, ein Klicken? Wo wird etwas sichtbar, wo gibt es Erinnerungslücken?

“, schildert Stelzl-Marx. „Die NS-Zeit ist auf den ersten Blick unsichtbar, aber subkutan vorhanden, eingebrannt in die Geschichte der Gebäude. “Die nächste Station ist das Haus in der Fichtegasse 11, wo seit der Errichtung 1869 die „Neue Freie Presse“, eine Abspaltung der „Presse“, saß. Auf historischen Bildern sehe man sogar die dreirädrigen Fahrzeuge, mit denen die Zeitungen ausgeliefert wurden, erzählt Egger.

„Nach dem ,Anschluss‘ 1938 wurde auch diese Zeitung dem NS-System ,gleichgeschaltet‘ und ,nazifiziert‘, nur um ein Jahr darauf mit dem ,Neuen Wiener Tagblatt‘ zusammengelegt und dadurch de facto aufgelöst zu werden“, schreibt er in der nun veröffentlichten digitalen Karte. Mit Kriegsende zog schließlich das Arbeitsinspektorat ein, das sich bis heute hier befindet. Medienaffine trifft wohl auch die Vergangenheit des Concordia-Hauses in der Bankgasse 8.

Im 1584 errichteten Bau lebten zunächst zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, etwa Erzherzog Karl oder Ladislaus Batthyány-Strattmann . Letzterer entstammte einer alten ungarisch-österreichischen Adelsfamilie und wurde als „Arzt der Armen“ bekannt, weil er kostenlos Bedürftige behandelte.

„Mit der Ausrufung des Ständestaats zogen die Ostmärkischen Sturmscharen ein, eine kulturpolitische katholische paramilitärische Organisation ähnlich der Heimwehr, wobei sie versuchte, sich von dieser zumindest in der Brutalität zu distanzieren“, schildert Egger. Sie hatten hier ihr „Kommandohaus“. Nach dem „Anschluss“ folgte für wenige Monate die Wehrwirtschaftsinspektion 17, zuständig für die Mobilisierung junger Männer aus Wien für die Front. Und schließlich die Gruppe 6 des Innenministeriums, verantwortlich für Ehesachen sowie die Rassenschutzgesetzgebung.

„Es ging vor allem darum: Wer durfte wen heiraten? Durfte ein Arier eine Nichtarierin oder gar eine Jüdin heiraten?

“, erklärt Egger. Auch sie blieb nicht lange.

„Bis Kriegsende war dann das ‚Reichsarchiv‘ an der Adresse zu finden: die Abteilung für Unterricht, die ganz im Sinne des Regimes agierte. “Nach der Befreiung Wiens zog der „Liquidator der Einrichtungen des Deutschen Reiches“ in der Bankgasse ein: Seine Aufgabe war, die NS-Institutionen im wieder demokratischen Österreich aufzulösen. Das vom Krieg in Mitleidenschaft gezogene Gebäude wurde restauriert, seit 1958 ist es Sitz des Presseclubs Concordia.

Finden würde man fast immer und überall etwas, erzählt Egger auf dem Weg zur letzten Station. Auch die unverdächtig wirkende forstwirtschaftliche Versuchsanstalt im ehemaligen Kloster Mariabrunn in Wien-Penzing, die abseits des Spaziergangs liegt, hätten die Nazis für ihre Zwecke genutzt: „Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter fällten das dort genutzte Holz, das für die Kriegswirtschaft, etwa für den Bau von Schützengräben oder Panzerstützen, eingesetzt wurde“, sagt er. Die Lektion: „Nichts war vom Einfluss der Nazis ausgenommen.

Er hat alle Bereiche des Lebens und des Staates betroffen.

“Freilich auch die Geldgeschäfte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog die Mercur Bank in das aus dem 14. Jahrhundert stammende, u. a. von Johann Christoph von Bartenstein , einem wichtigen Staatsmann der Habsburgermonarchie, bewohnte Haus in der Wollzeile 1–3 nahe dem Stephansdom.

Ihre Anteile gingen jedoch nach Zahlungsschwierigkeiten mehrheitlich an die – inoffiziell als SS-Bank bekannte – Dresdner Bank: „Diese versuchte schon vor 1938 Einfluss auf die Mercur Bank zu nehmen, vor allem dahingehend, dass sie mehr Aufträge an nationalsozialistisch gesinnte Unternehmen, etwa aus der Stahl- und Rüstungsindustrie, vergeben wollte“, schildert Stelzl-Marx, während ein Fiaker vorbeifährt.

„Auch der Vorstand wurde schon vorab mit besonders treuen Parteiträgern besetzt. “Nur einen konnte man nicht loswerden: den Bankier Gabriel Neumann. „Er dürfte ein so unfassbar geschickter Bankier gewesen sein, dass man ihn trotz seiner jüdischen Herkunft nicht loswerden wollte, weil er mit den Geschäften der Bank bestens vertraut war“, sagt Egger. Neumann war 1938 auch dafür zuständig, dass die Mercur Bank mit einem französischen Geldinstitut und der damals schon existierenden Länderbank fusioniert hat.

„Er handelte in Paris auch eine Goodwill-Zahlung aus, damit die ,nichtarischen‘ Angestellten nach ihrer Entlassung Abfindungen bekommen. Er selbst ahnte wohl, was kommen würde – und blieb in Frankreich“, so Egger. In den Jahren nach dem „Anschluss“ hatten verschiedene NS-Institutionen Konten bei der Mercur Bank, etwa der Sicherheitsdienst SD: ein Geheimdienst – und das Thema von Eggers Dissertation.

„Die verschiedenen Projekte zur NS-Vergangenheit fließen ineinander. “ Oder die Gestapo sowie die Zentralstelle der jüdischen Auswanderung, jene Stelle des deutschen Obersturmbannführers Adolf Eichmann, die dafür zuständig war, dass die Wiener Jüdinnen und Juden deportiert wurden und ihr Geld an die Nazis ging. „Die geraubten Vermögen landeten auf Konten der Länderbank, der heutigen UniCredit Bank Austria“, sagt Stelzl-Marx. Nach dem Krieg wurde sie verstaatlicht, um sie dem Zugriff der Sowjets zu entziehen.

„All das wurde verschleiert und wirkt bis heute hinein. “ Nachdenklicher Nachsatz: „Ich bin schon so oft hier vorbeigekommen auf dem Weg zur Akademie der Wissenschaften oder zu unserem Institut und habe nicht weiter darüber nachgedacht: Und dann blickt man hinter die Fassade und erfährt, was da alles passiert ist. “Spera geht es ähnlich: „Ich bin früher jeden Tag an dem Gebäude an der Ecke Wollzeile / Rotenturmstraße vorbeigegangen, ohne nachzudenken, was dort einmal war“, erzählt sie.

Ob die Aufarbeitung der Gebäudegeschichten nicht eine unendliche Geschichte ist?

„Absolut“, sagt Spera. Allein am Ring habe fast jedes Gebäude eine jüdische Geschichte. Um die wissenschaftliche Arbeit, die erst am Anfang steht, fortzuführen, brauche es nun das Bekenntnis der BIG. Von dort heißt es: Man wolle jedenfalls weitermachen, die Dimension sei aber noch offen.

Warum lässt Spera, die auf ein erfolgreiches Berufsleben zurückblickt, das Thema nicht los?

„Man soll im Leben nicht stehen bleiben, das habe ich von vielen wichtigen Menschen, etwa Eric Kandelgelernt“, sagt sie. „Es ist auch ein wichtiger jüdischer Grundsatz, dass man immer versuchen soll weiterzukommen, jeden Tag etwas Neues zu lernen und die Welt besser zu machen. Das ist meine Aufgabe in diesem Leben.

“für Kriegsfolgenforschung sitzt in Graz, Wien und Raabs . Das Pilotprojekt „Kontaminiertes Erbe? “ führte man im Auftrag der Bundesimmobiliengesellschaft BIG durch.

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