Der Countertenor Johannes Wieners machte die „Godmother of Punk“ zur Patin eines szenischen Lied- und Songabends. Er hat dafür zwei famose Partner: Begeisterung im Schönberg-Center.
Der Countertenor Johannes Wieners machte die „Godmother of Punk“ zur Patin eines szenischen Lied- und Songabends. Er hat dafür zwei famose Partner: Begeisterung im Schönberg-Center.
„Fuck Dylan! He’s fifty years old. Dead already!
“: Der Gitarrist Ferdinand Karmelk hat das gesagt, am 9. August 1979, in jener Ausgabe der ORF-Diskussionssendung „Club 2“ zum Thema „Jugendkultur“, die durch Nina Hagen berühmt-berüchtigt wurde. Es war bei weitem nicht der kontroversiellste Satz dieses Fernsehabends, der als Skandal in die nationale TV-Geschichte einging. Heute schmunzelt man – zum Beispiel darüber, dass Dylan, mittlerweile 85, damals erst 38 Jahre alt war.
Und dann wird man nachdenklich. Denn Karmelk, auch der Vater von Nina Hagens Tochter Cosma Shiva, ist seit 1988 tot: Er starb mit 38. Und auch der damals umgehend geschaßte „Club 2“-Moderator Dieter Seefranz lebt längst nicht mehr.
„Ick kann ümma gar kein’ Orgasmus krieg’n, wenn ick mit mei’m Freund schlaf und so“, stellte Hagen mit ihrer Berliner Schnauze damals fest. Und hätte sie auf ihre Mutter gehört , hätten sie und ihre „1000 Girlfriends“ immer noch keinen Orgasmus, aber dafür 1000 Kinder.
„Wenn sich die Frau nicht selber vorne anfasst, da an der Klitoris, dann passiert da gar nichts. “ Da setzte auf Österreichs Fernsehsofas kollektive Schnappatmung ein, Riechfläschchen wurden gezückt, Leserbriefe in Schreibmaschinen gehämmert, und am ORF-Telefon dokumentierten gewissenhafte Mitarbeiter wohlerwogene, durchdachte Kommentare wie „Drecksweib“, „Hure“, „geiles Arschloch“, aber freilich auch verbale Entgleisungen wie: „Wir melden das Gerät ab! “ Dabei sagte sie auch: „Frauen müssen sich stark machen, eine Frauenbewegung muss sich entwickeln! “ Sonst bleibe man im Gefängnis.
Und: „Du kannst mehr Heroin kaufen, als es Tomaten gibt. Ich sage immer wieder, auch in meinen Songs: Nehmt überhaupt keine Drogen, es ist alles Scheiße.
Wir müssen endlich wieder eine neue Kraft finden, die uns zusammenführt …“Fast 50 Jahre später ist Nina Hagen, die deutsche „Godmother of Punk“, längst in die sogenannte Hochkultur eingegangen: 1999 sang sie die Celia Peachum in der mittlerweile klassischen modernen Neuaufnahme der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, mit dem Ensemble Modern, dirigiert von HK Gruber und neben Max Raabe als Mackie Messer. Nun aber hat der Countertenor, Instrumentalist und Komponist Johannes Wieners Teile der Originalszenen aus dem „Club 2“ für „Future is now“ in eine Performance verwandelt, die als dramaturgischer Faden für einen Lieder-, Song- und Arienabend quer durch Genres und Stile des 20. und 21.
Jahrhunderts dient. Dass er selbst Nina Hagen mimt und Beatriz Gaudêncio Ramos in Karmelks Rolle schlüpft, verleiht dem Ganzen noch einen queeren Twist, der aber nicht im Vordergrund steht, sondern mithilft bei der unterschwelligen Aufgabe, die teils verblüffenden Echos der Diskussion von damals in unserer Zeit wahrzunehmen.
Das musikalische Programm ist überaus reichhaltig, die in den drei Mitwirkenden versammelten Talente verblüffend: Martijn Strating ist als Komponist, Pianist, Sänger und Seefranz-Darsteller mit dabei, Beatriz Gaudêncio Ramos spielt nicht nur E-Gitarre und singt in Tenorlage, sondern meistert auch Schönbergs „Herzgewächse“ für hohen Sopran. Und alle drei finden sich zwischen Ligeti bis Billie Eilish, Saariaho bis Bob Dylan in wechselnden instrumentalen und vokalen Kombinationen zusammen.
Ein voller Erfolg für dieses Schönberg-Center-Gastspiel der Neuen Oper Wien in der neuen Intendanz der Dirigentin und Pianistin Anna Sushon und des Tenors Alexander Kaimbacher, der auch einen Cameo-Auftritt als Stimme aus dem Publikum absolviert. Bis 8. Oktober folgen noch drei Vorstellungen von „Future is now“ an verschiedenen Orten.
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