Sämtliche Klaviersonaten Beethovens spielt Igor Levit im Wiener Musikverein dieser Tage und – in einer zweiten Tranche – im Februar. Der Auftakt erntete Ovationen.
Sämtliche Klaviersonaten Beethovens spielt Igor Levit im Wiener Musikverein dieser Tage und – in einer zweiten Tranche – im Februar. Der Auftakt erntete Ovationen. Knallhart vorwärtsdrängend, als hätte er keine Zeit zu verlieren, begann Igor Levit seinen Beethoven-Zyklus im Großen Musikvereinssaal.
Vielleicht versteht sich die allererste der nummerierten Sonaten, die Beethoven für sein Instrument komponiert hat, tatsächlich als eine Art Visitenkarte. Eine, deren Aufdruck verrät: Von mir haben Sie viel, ja: alles zu erwarten. Nur keine Kompromisse. Der Beethoven, den Igor Levit meint, stellt sich so vor.
Und sein Interpret übernimmt die Attitüde. Schon auf der Gesamtaufnahme der Sonaten, vor Jahren veröffentlicht, spielt Levit den Auftakt zur f-Moll-Sonate schroff, beinah ohne Verzögerung an den Phrasenenden. Das Wort „beinah“ dürfen wir jetzt getrost streichen. Diese „Nummer 1“ setzt ein Zeichen.
Ja, Haydn war sein Lehrer, Mozart sein Idol. Aber, was die Klaviersonaten betrifft, eröffnet der dritte im Bunde der Wiener Klassiker eine neue Rennstrecke. Für seine Zeitgenossen war er ja vor allem einmal ein Klaviervirtuose, für den es sich lohnte, nicht nur kompositorisch, sondern auch spieltechnisch Grenzen zu sprengen. Wie die Musikwelt der Ära um 1800 überrumpelt sein musste, macht Levit durch seine Interpretationen deutlich.
Atemberaubend treibt er die Tempi in den Ecksätzen, vor allem im rasenden Prestissimo-Finale, in Extreme. Und doch bleiben alle Nuancen hörbar, fällt kein Tönchen großzügig unter den Steinway. Die mittlerweile weltweit gerühmte technische Meisterschaft dieses Pianisten ist frei von jeglichem Showeffekt, zwingt den Hörer, auf den musikalischen Verlauf zu achten, beschränkt sich überdies keineswegs auf – allzu leicht bezifferbare – sportliche Aspekte.
Sie schließt vielmehr auch rare taktile Kunstfertigkeiten ein, die einem Konzertflügel orchestrale Farbenvielfalt und dynamische Differenzierungen in feinsten Abstufungen entlocken. So erschließt sich der Reichtum an klanglichen Erfahrungen, den diese Werke bergen und man versteht unvermittelt, wie Beethovens Musik das Publikum von Anfang an in Bann geschlagen hat, es aber hie und da auch vor den Kopf gestoßen haben muss.
Und zwischendrin bezaubert, etwa mit lyrischen Intermezzi, die zwischen den vorwärtsstürmenden, immer hoch expressiv aufgeladenen Passagen aufblühen, denen der Komponist seinen Ruf verdankt. Sie nehmen immer magischere Dimensionen an, je länger die Hör-Reise der 32 Sonaten dauert. Da hat der Pianist im Verlauf der musikalischen Erzählung oft Unmögliches zu realisieren.
Levits Körpersprache scheint seinen Händen – etwa im Trio des „Trauermarschs“ der Sonate op. 26 – Crescendi abzuverlangen, nachdem er Akkorde bereits angeschlagen hat, als würde er Streicher und Bläser dirigieren; und die Suggestion gelingt: Der Steigerungsbogen strebt in großer, ununterbrochener Linie dem Höhepunkt zu. Es ist wohl kein Zufall, dass Levit für den ersten Abend seines Zyklus die „Waldsteinsonate“ als Schlussstück gewählt hat, die ihn begleitet seit dem ersten der legendären Covid-Onlinekonzerte.
Auch hier treibt der Klaviervirtuose Beethoven mit allen Mitteln seiner Kunst, auch solchen, die zuvor undenkbar schienen, energetisch voran. Wiederum steht ein Ruhepol inmitten. Diesmal anders als in den teilweise schlichten, liedhaften Sätzen der vorangegangenen Sonaten, denn Beethoven hat den ursprünglichen Mittelsatz durch eine fast unwirklich träumerische „Introduzione“ ersetzt.
So bereitet er den schwebenden Beginn des Finales vor, das erst nach und nach den Tonfall des rasanten Sonatenbeginns wieder aufnimmt und einer Schlusswirkung entgegentreibt, nach der die Hörer diesmal sofort von den Sitzen sprangen. Levit, sichtlich gerührt, fand ein passendes Abschiedsgeschenk in einem kleinen „Lied ohne Worte“ von Mendelssohn. Anders als mit solch innigem, formal klassizistisch disziplinierten Gesang lässt sich auf Beethovens kühne Abenteuer schwerlich reagieren.
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