Die Reise wert: Wolfgang Kochs erster Wozzeck und die Feuerprobe für den jungen Maestro Thomas Guggeis, der am Vorabend auch noch für Zubin Mehta einsprang.
Eine Reise wert: Wolfgang Kochs erster Wozzeck und die Feuerprobe für den jungen Maestro Thomas Guggeis, der auch noch bei der „Auferstehungssymphonie“ für Zubin Mehta einsprang.
Im italienischen Musikleben hat Florenz eine Zeitlang eine bedeutende, dann wieder kaum eine Rolle gespielt. Seit der Eröffnung des neuen Opernhauses, nach dem traditionsreichen Festival Maggio musicale benannt, ist die Stadt wieder in den Fokus gerückt, nicht zuletzt, weil Konzerte nun auch der akustisch exzellente Zubin-Mehta-Saal beherbergen kann. Dort sollte der Namenspatron jüngst Mahlers „Auferstehungssymphonie“ dirigieren, musste aber absagen. Eine Chance für den jungen Frankfurter Generalmusikdirektor Thomas Guggeis, der soeben Bergs „Wozzeck“ einstudierte.
Am Abend vor der Alban-Berg-Premiere übernahm er also auch noch die Mahler-Symphonie. In beiden Fällen ein Debüt für den Dirigenten, in einem Repertoire, das für die italienischen Musiker keineswegs zur musikalischen Umgangssprache gehört. Die Ergebnisse waren staunenerregend. Nicht zuletzt, weil die Zwischenspiele der Oper hören ließen, wie stark Bergs Klangsprache in Mahlers Symphonik wurzelt.
Der radikale Expressionismus des Schönbeg-Schülers übernimmt beinah ungeschminkt die Ausdrucksgesten Mahlers, denkt lediglich die harmonischen Kühnheiten weiter, „ins Offene“. Was in der Großform der Zweiten Symphonie subjektiv, oft fahrig-nervös und jedenfalls als programmatische Zeichensetzung jenseits klassizistischer Formbeherrschung wirkt, wird bei Berg zum dramaturgischen Signal. Die Flut dieser „theatralischen“ Zeichen lässt Dirigenten bei Mahler wie bei Berg zuweilen den Überblick über ganze Sätze, Szenen oder Akte verlieren.
Doch Guggeis formt die großen Erzählungen beider Werke wie ein sprachgewaltiger Romancier, der seine Kapitel bei aller Detailverliebtheit doch zusammenhält. Aber es sind die Akzente, Aperçus, die einzelnen Vokabeln und deren oft in Sekundenbruchteilen nuancierte „Aussprache“, die Guggeis fanatisch dem Orchester des Maggio musicale abtrotzt. Seine suggestive Zeichensprache sogt in der Symphonie wie in der Oper für ein bis ins kleinste differenziertes Klangbild. Das hält offenkundig nicht nur die Musiker, sondern auch das Publikum in Hochspannung.
Während Mahlers Generalpausen herrschte atemlose Stille im Auditorium. Im „Wozzeck“ verschwisterte sich das orchestrale, sozusagen psychoanalytisch alle Seeenregungen aufzeichnende Seismogramm mit dem szenischen Vokabular der Regie Deborah Warners überzeugend. Die Produktion, für London erarbeitet, darf als Beweis dafür gelten, dass im Musiktheater nicht eines das andere – meist das Theater die Musik – erschlagen muss. Zur Harmonie des Ganzen trägt Hyem Shins fantasievolles Bühnenbild entscheidend bei, das Realismus mit fantasievollen, oft sogar poetischen Mitteln übermalt.
Der von Alban Berg so einzigartig komponierte Widerstreit von naturalistischer Detailmalerei und tragischer Unausweichlichkeit des Dramas findet hier seine optische, ganz nach des Komponisten Anweisung oft „nur gespenstisch angedeutete“ Entsprechung. Die Darsteller können ihre Figuren lebensecht nachzeichnen, singend wie spielend. Womit Oper, die künstlichste, augenblicklich zur natürlichsten aller Kunstformen wird. Zumal dann, wenn die Sänger der beiden Hauptpartien völlig in ihren Rollen aufgehen.
Anja Kampe war schon anlässlich der Premiere der Inszenierung in Covent Garden die Marie, kennt die auch in ihrem gestischen Repertoire aufwendige Produktion also in und auswendig. Vor allem erfüllt sie die Partie auch vokal auf der ganzen Linie – vom Schmerzensschrei über belkanteske Gefühlaufwallungen bis zum schlichten Ton des Wiegenlieds.
In Florenz steht ihr nun der kongeniale Wozzeck Wolfang Kochs zur Seite, der die introvertierte, alle Misshandlungen still duldende Leidensgestalt filmreif auf die Bühne bringt – und auch mit stimmlichen Mitteln berührend hörbar macht. Was Berg in gestalterischer Hinsicht von seinen Sängern verlangt, nämlich bruchlos zwischen Sprache und Gesang zu vermitteln, gelang diesmal mit bemerkenswerter Konsequenz.
Das Florentiner Publikum ließ sich auf das ganz und gar unitalienische Abenteuer ein und feierte das Ensemble ausgiebig, auch routinierte „Wozzeck“-Comprimarii wie Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, der den widerlichen Hauptmann so glaubwürdig verkörpert wie Clive Bayley den nicht minder unsympathischen Doktor – bei so viel Treue zu Bergs Notentext wie unbedingt nötig. Womit der Zaungast aus Wien allerhand mitnehmen konnte …
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