Die studierte Politikwissenschafterin ist seit 2010 Redakteurin der „Presse“ mit Schwerpunkt Osteuropa und Südkaukasus. Als Reporterin berichtete sie u. a. von der „Revolution der Würde“ aus Kiew, von der Krim-Annexion und russischen Intervention in der Ostukraine seit 2014. Von 2017 bis 2021 war sie Korrespondentin der „Presse“ in Moskau.
Der neue moldauische Premierminister Vasile Tofan über EU-Beitrittspläne, warum er ein Hayek-Fan ist und was Putin mit Drohnenüberflügen in der Moldau eigentlich will. Die Presse: Für Ihre Regierung hat der baldige Abschluss des EU-Verhandlungsprozesses nationale Priorität.
Was macht Sie so optimistisch, dass das gelingen wird? Vasile Tofan: Wie es der Zufall will, hatte ich heute ein Telefonat mit Bundeskanzler Stocker. Ich habe ihn höflich um eine Sache gebeten.
Ich habe zu Stocker gesagt: Bitte tragen Sie dafür Sorge, dass unsere Beurteilung leistungsbasiert ist. Dann werden wir in diesem Prozess sehr gut vorankommen. Wir haben von der Europäischen Kommission sehr gute Bewertungen bekommen. Wir übernehmen Gesetze, gleichen den Rechtsrahmen und andere Prozesse an.
All das in einem sehr beeindruckenden Tempo. Das sollte es ermöglichen, bis Jahresende alle Verhandlungscluster zu öffnen. Wir wollen 2030 den Beitrittsvertrag unterzeichnen. Danach liegt es an den Mitgliedstaaten zu entscheiden.
Er hat das gesagt, was ich hören wollte: dass Österreichs Position darin besteht, für eine leistungsbasierte Bewertung zu sorgen. Wer liefert, darf vorankommen. Mehr verlangen wir nicht. Österreich hat selbst von der EU-Erweiterung profitiert, weil sie österreichischen Unternehmen die Expansion ermöglicht hat.
Auch in die Moldau. Unsere wichtigsten Versicherungsunternehmen kommen aus Österreich. Unseren Treibstoff beziehen wir von der OMV. Wir würden gern noch mehr österreichische Firmen sehen.
Die Strabag hätte beim Aufbau der Infrastruktur hier viel zu tun. Im Moment haben wir eine solide Unterstützung für den EU-Beitritt. Diese Regierung legt sehr großen Wert darauf, den Menschen den Beitrittsvertrag zu liefern. Wenn wir nicht liefern, werden uns die Menschen in Moldau dafür abstrafen.
Auch das ist meine Botschaft an die europäischen Staats- und Regierungschefs: Wir leisten unseren Teil. Die Interessen der EU sollten auch in diesem Teil der Welt gesichert werden. Wir haben einer unglaublichen russischen Einmischung in unsere Wahlen standgehalten. Wir haben aufgehört, russisches Gas zu kaufen.
Wir unterstützen die Ukraine stark. Wir erlauben ukrainischem Getreide die Durchfuhr, selbst wenn uns das politisch etwas kostet. Wir waren also ein guter „Corporate Citizen“. Wir glauben, dass wir eine Chance verdienen.
Moldau ist seit Jahren Ziel russischer Einflussnahme und hybrider Kriegsführung. In jüngster Zeit haben sich Drohnenvorfälle verstärkt. Wie ernst ist diese Bedrohung heute? Russland testet die NATO.
Die meisten dieser Drohnen überqueren den moldauischen Luftraum und landen in Rumänien. Putin reagiert nicht auf Schwäche. Er versteht nur die Sprache der Stärke. Das ist der Moment, in dem Europa geschlossen auftreten und handeln muss.
Wir würden gern in einer Welt leben, in der wir gute Beziehungen zu Russland haben. Aber die Realität ist, dass Russland heute versucht, Moldaus Unabhängigkeit und Souveränität zu brechen. Mein erster Staatsbesuch wird mich am 24. Oktober dorthin führen.
Aber ich weiß genau, wie es ist, wenn ballistische Raketen einschlagen. Und wie es ist, die Nacht in einem Luftschutzbunker zu verbringen. Sie haben den Großteil Ihrer Karriere im Privatsektor verbracht. Was hat Sie überrascht, als Sie in die Politik gewechselt sind?
Anfangs sorgte ich mich, ob ich mit den Menschen in der Regierung auf einer Wellenlänge sein würde. Aber ich habe ein sehr kompetentes, hart arbeitendes, junges Team vorgefunden. Es ist ein Team, das den sehr hohen Integritätsstandards der Präsidentin folgt. In unserer Region war das nicht immer selbstverständlich.
Wichtig ist auch: Bis zu den nächsten Wahlen haben wir drei Jahre Zeit. Und das ist in der heutigen Welt ein Luxus. Nein. Dieser Facebook-Post wurde aber missverstanden.
Ich meinte, es gibt unterschiedliche Politiker: Staatsmänner, Versöhner, Reformer. Mein Gedanke war: Die Republik Moldau braucht einen Reformer, so einen wie Milei zum Beispiel. In Argentinien war die Lage aber viel dramatischer als bei uns. Ich habe marktwirtschaftliche und liberale Instinkte.
Als kleines Land müssen wir zu einer Exportplattform und einem Handelszentrum zu werden. Die Rahmenbedingungen für Unternehmen müssen bei uns viel günstiger sein als in umliegenden Ländern. In diesem Sinne: Ich bin ein Anhänger der Österreichischen Schule. Das ehrt uns.
Auch wenn Österreich nicht der Ort ist, an dem die Österreichische Schule derzeit praktiziert wird. Unser Wirtschaftsprogramm besteht aus vier Schlagwörtern: „Europäische Wirtschaft, effizienter Staat“. Wir müssen dieses Land in die Europäische Union bringen. In der Wirtschaft heißt das Deregulierung im guten Sinn: Regeln für Unternehmen vereinfachen, Genehmigungsverfahren beschleunigen.
Wir müssen außerdem die Effizienz der Staatsunternehmen erhöhen, den Staat verkleinern. Wir können uns einen derart großen Staat derzeit nicht leisten. Deshalb treibe ich Optimierungen im öffentlichen Sektor voran. Wir führen eine Verwaltungsreform durch, bei der wir die Zahl der Gemeinden reduzieren.
Wir verkleinern auch den zentralen Apparat und lassen einige Behörden fusionieren. Solche Maßnahmen sind nicht populär. Wie wollen Sie das einer Bevölkerung erklären, die unter Inflation und Armut leidet? Es geht darum, Verschwendung zu beseitigen.
Die beste Art, sich um die Menschen zu kümmern, besteht darin, jene Bereiche zu kürzen, die nicht produktiv sind. Das eingesparte Geld lassen wir den Menschen zukommen, die es am dringendsten brauchen. Wir erwarten in dieser Saison sehr hohe Heizkosten. Wenn wir staatliche Ausgaben einsparen, können wir den Bedürftigen mehr Geld geben.
Vasile Tofan ist seit Juli 2026 Ministerpräsident der Republik Moldau. Der Absolvent der Harvard Business School und Erasmus-Universität Rotterdam hat seine Karriere in der Investment-Branche gemacht. Er war von 2012 bis Juli 2026 Senior Partner der in Kiew ansässigen Private-Equity-Gesellschaft Horizon Capital. Tofan war außerdem Präsident des Verwaltungsrates des moldauischen Weingutes Purcari und begleitete den Börsengang des Unternehmens.
Der 44-Jährige steht der Partei der Aktion und Solidarität von Staatspräsidentin Maia Sandu nahe. Die PAS erreichte bei der Parlamentswahl 2015 die absolute Mehrheit.
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