Die in Wien und Basel ausgebildete Kunsthistorikerin schreibt seit 2000 für die „Presse“. Seit 2023 leitet sie gemeinsam mit Karl Gaulhofer das Feuilleton. Ein Buch hat sie auch geschrieben: „Lust und Tabu“, 2013, im Metroverlag.
Zum 250. Jubiläum des Museums trumpft Direktor Ralph Gleis mit der wuchtigen Paarung von Pablo Picasso und Francis Bacon auf. Ein Aufeinanderprallen, aus dem der Mensch, auch als Besucher, nicht völlig unbeschadet hervorgeht.
Es ist ein Exzess des Zerschmelzens und Zerreißens, des Zerfließens und Zerstückelns von Körpern, auch von Gesichtern, eine „Malerei der Grausamkeit“ im Sinne von Antonin Artaud, was hier in der Basteihalle, im Magen der Albertina vor sich geht. Schwer zu verdauen, auch für die Besucher dieses gewaltigen und gewalttätigen Schaukampfs der zwei – und das ist keine Übertreibung von Direktor Ralph Gleis – „Giganten der Moderne“, Pablo Picasso und Francis Bacon.
Gut 70 Gemälde der beiden, in etwa Hälfte-Hälfte, hat Albertina-Kuratorin Gunhild Bauer mithilfe des Bacon-Vertrauten Michael Peppiatt zusammentragen können, finanziell wie logistisch eine große Leistung. Viele Privatsammlungen sind als Leihgeber genannt, aber auch Museen wie das Metropolitan, natürlich die Sammlung Beyeler und Thyssen-Bornemisza in Madrid. Die Albertina selbst konnte zwei Picassos und einen Bacon aus dem Batliner-Bestand beisteuern. So viel zur theoretischen Rechtfertigung dieser Jubiläumsschau zum 250.
Geburtstag der grafischen Sammlung, in der Grafik null Rolle spielt. Muss sie auch nicht, über diese Diskussion sind wir hinaus. Aber ein Kämmerchen mit Zeichnungen, von denen man wohl welche lagernd gehabt hätte, wird man sich doch wohl noch wünschen dürfen. Doch das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, angesichts dieser überwältigenden Bildmacht und der kunsthistorischen Auseinandersetzung andererseits, die hier geliefert wird.
Demonstriert werden soll der Kampf um das Menschenbild in der Malerei des 20. Jahrhunderts, parallel zur Erfindung der Abstraktion, die Mitte des Jahrhunderts zum Siegeszug ansetzte. Klingt alles so männlich-martialisch, wie es nun einmal war. Jackson Pollock und Konsorten spritzten und schütteten und gestikulierten, Picasso und Bacon deformierten das Menschenbild, um gottgleich ein neues zu erschaffen.
Das taten die beiden auf sehr unterschiedliche Weise, wie man hier wunderbar studieren kann. Picasso zerlegt penibel surrealistisch, Bacon verformt das Fleisch wie einen Klumpen Ton. Interessant auch ihr unterschiedlicher Umgang bei den Dimensionen: Picasso bleibt bei aller Mehrsichtigkeit des Körpers immer in dessen Grenzen, ein Kopf also wird im Kopf selbst aus verschiedenen Ansichten gezeigt. Bei Bacon aber wird der Körper verdoppelt, verdreifacht in Spiegeln und Triptychen, er begegnet sich also selbst.
Einflüsse aus dem Film, der Fotografie, der Psychoanalyse sind hier klar. Man merkt eben doch: Der 1909 in Dublin geborene und 1992 in Madrid gestorbene Bacon ist die nächste Generation. Aber seinen künstlerischen Vater Picasso hat er nie verleugnet. Seinen richtigen, der ihn brutal gezüchtigt und verjagt hat, als er ihn als 16-Jähriger in Frauenkleidern ertappte, wohl eher.
Ein Jahr später stand der junge Reisende in der Galerie Rosenberg in Paris. In einer Ausstellung von surrealistischen Zeichnungen Picassos, mit biomorphen, fast Comic-haften Menschendarstellungen. Das, so wollte Bacon es überliefert haben, war sein Erweckungsmoment als Künstler. Ab da wusste er, er wolle Maler werden.
Maler solcher Bilder, die zeigen würden, „wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein“.
„What it feels like to be human“, so der englische Untertitel der Ausstellung, den es jetzt immer in der Albertina gibt. © Succession Picasso / Bildrecht, Wien 2026, © Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB, Museum Berggruen/ Jens Ziehe Picasso habe er immer im Hinterkopf, gestand Bacon ein. Wenn er auf die Alten Meister zurückgriff, etwa bei seinen Papst-Bildern nach Velázquez, bei seinen Tierdarstellungen, den Porträts, den Akten.
Es mag daher weniger paradox als logisch sein, dass er nie den persönlichen Kontakt zu Picasso gesucht hat. Zu groß mag die gefühlte Nähe gewesen sein. Bacon verband sich daher anders mit dem Vorgänger, durch gemeinsame Bekannte: dem Ethnologen Michel Leiris, gemeinsamen Modelle und Musen, wie der Malerin Isabel Rawthorne. Gespenstisch fast diese Verstrickungen.
Schade, dass man nicht auch eines von Picassos Rawthorne-Porträts ergattert hat, man wird es wohl versucht haben. Picasso wiederum sah sicher keine Veranlassung, die Nähe des jüngeren Konkurrenten zu suchen, dessen Karriere nach 1945 er sicher verfolgte. Nur ein kurzes Zitat des Wohlwollens ist überliefert. Nach der ersten optischen Überwältigung ist ein zweiter Gang durch die Ausstellung ratsam.
Um über offenen Münder nachzudenken, die hier überall die Zähne blecken. In selten einer anderen wird man wohl so oft „Vagina Dentata“ in den Bildbeschreibungen zu lesen bekommen; Freud und die Psychoanalyse sind immanent, die Panik des Mannes vor der Kastration durchs weibliche Geschlecht, die große Hysterie der Surrealisten. Der Antrieb der beiden Maler aber ist ein völlig anderer. Beim schwulen Bacon wird Sex zum Horror, zur Todessehnsucht.
Picasso aber bleibt immer verspielt, vielleicht manchmal verächtlich, vor allem in seinem Blick auf Frauen, die er tyrannisierte. Der Eros aber ist noch beim 90-Jährigen vitale Lebensbejahung, Picassos Spätwerk eine bukolische Feier der Flöten und Löcher. Als hätte seine ehemalige heimliche Geliebte Marie-Thérès Walter ihre Strandkabine im Strandbad von Dinard nie verlassen.
Bei Bacon aber steht am Ende das Nichts, jedenfalls in dieser Ausstellung: Eine „Sanddüne“, gemalt mit echtem Sand, löscht 1981 alles Körperliche aus, das es geben könnte an diesem Strand, für die Surrealisten der Urort der Obsessionen. Das Ungeheuer der Langeweile, das Bacon in und mit seiner Malerei sein Leben lang bekämpfen wollte: Hier scheint es gesiegt zu haben.
Österreich Neuesten Nachrichten, Österreich Schlagzeilen
Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Brutal! Mädchen-Bande schlug und filmte 13-JährigeEin Bursche hielt mit der Handykamera drauf, als zwei brutale Mädchen in Oberösterreich eine 13-Jährige verprügelten. Erst mit den Händen, dann mit ...
Weiterlesen »
Künstler Höllwarth im Missbrauchs- und Erpressungsklima: Anklage gegen 3 Personen wegen sexueller GewaltDer österreichische Künstler Florian Höllwarth steht im Verdacht sexuellen Missbrauchs von Unmündigen, Besitz von Kindesmissbrauchsmaterial sowie Erpressung. Drei Beteiligte wurden angeklagt, darunter die Vaterin und Großmutter des vermeintlichen Opfers. Die Ermittlungen laufen, und er selbst ist bis vorerst auf freiem Fuß. Die Vorwürfe wurden vor Gericht verhandelt, die Anklagte sollen im Falle eines rechtskräftigen Beschlusses mehrere Jahre Haft verbüßen.
Weiterlesen »
Trump droht EU mit Handelsstopp bei engerer Partnerschaft mit KanadaUS-Präsident Donald Trump nennt die Pläne einer „assoziierten Mitgliedschaft“ Kanadas „lächerlich“.
Weiterlesen »
Burschen und Gewalt – Experten fordern neues SchulfachKonfliktlösung: Experten fordern neues Schulfach gegen Gewalt bei Burschen. Bericht zeigt 20 Maßnahmen für Prävention und soziale Kompetenz.
Weiterlesen »
