Wie erklärt man Kindern Sexualität und schützt sie vor Missbrauch? Sexualpädagoginnen erklären, warum Prävention am Wickeltisch beginnt und warum Körperwissen, klare Begriffe und Grenzen wichtig sind.
Wie erklärt man Kindern Sexualität und schützt sie vor Missbrauch? Sexualpädagoginnen erklären, warum Prävention am Wickeltisch beginnt und warum Körperwissen, klare Begriffe und Grenzen wichtig sind.
Sexualpädagogin Cornelia Lindner hält Workshops in Schulen, sie hat Bücher zum Thema geschrieben – und berät, wie man mit Kindern präventiv umgeht. Der Fremde im Park ist nicht das Thema. Und Sexualität? Sexualisierte Gewalt?
Das schon gar nicht. Aber wie schützt man Kinder? Wie sagt man einem vier-, fünf- oder sechsjährigen Kind, dass Erwachsene ihm etwas antun könnten – ohne ihm Angst zu machen? Wie erklärt man Grenzen?
Wie viel muss ein Kind überhaupt über Sexualität wissen, um sich verständlich machen zu können, wenn etwas passiert? Wann kann, wann muss man diese Themen angehen? Ein „zu früh“ gibt es nicht.
„Im Prinzip beginnt sexuelle Bildung ab der Geburt“, sagt Cornelia Lindner. Sie ist Sexualpädagogin, Schulsozialarbeiterin und berät Eltern von Anfang an: „Man kann am Wickeltisch ankündigen, was man macht, Penis und Vulva selbstverständlich benennen und es ist wichtig, sich über offensichtlichen Unwillen nicht mit Gewalt hinwegzusetzen.
“ Denn Kinder lernen lange, bevor sie verstehen, was ein Übergriff ist, wie Erwachsene mit ihnen umgehen. Sie lernen, Grenzen zu erkennen – und dass Erwachsene die respektieren müssen. Soziologin, Sexualpädagogin und Leiterin des Bereichs Bildung bei Aktion Leben und sagt: Sexuelle Bildung beginnt mit Körperwahrnehmung, Gefühlen und Sprache. Mit dem Älterwerden setzt sich das Lernen im Alltag fort: Ein Kind muss der Oma kein Bussi geben.
Beim Kitzeln kann man stoppen und fragen, ob man weitermachen soll. Entscheidend sei nicht nur Nein sagen zu lernen, sagt Lindner. Kinder müssten ebenso erfahren, wie sich ein Ja anfühlt. Und dass Erwachsene nicht allmächtig sind: „Es ist ein Blödsinn, wenn jemand sagt: Ich weiß alles, kann alles und darf alles, weil ich erwachsen bin.
“Im Schulalter hat Sexualpädagogik zunächst erstaunlich wenig mit Sex im engeren Sinn zu tun. Wenn Zwygart in eine Volksschulklasse, meist in die vierte Klasse, kommt, geht es um Menstruation, Körperbehaarung und Pickel, aber auch um Gefühle, Verliebtsein und Grenzen. Gleichzeitig erlebt sie bei Eltern die Sorge, Kinder durch Sexualpädagogik auf Themen zu bringen, für die sie noch zu jung seien – oder sie „früh zu sexualisieren“.
Dabei gehe es gerade nicht darum, Kinder mit Erwachsenensexualität zu konfrontieren, sondern altersgerecht über Körper, Gefühle und Grenzen zu sprechen. Und Begriffe sind wichtig. Penis, Hoden und Vulva: Lindner plädiert dafür, Körperteile selbstverständlich zu benennen.
„Wer Stegosaurus sagen kann, kann auch Vulva sagen. “ Im Fall eines Übergriffs kann es entscheidend sein, überhaupt Worte dafür zu haben. Aber muss ein sechsjähriges Kind wissen, dass Erwachsene Kinder sexuell missbrauchen? Ja, sagen die Pädagoginnen – aber altersgerecht.
Lindner würde nicht vor dem „bösen Fremden“ warnen. Sie sollen wissen: Auch Erwachsene können Verbotenes tun, auch Menschen, die sie kennen und mögen. Zwygart hält das auch kleinen Kindern für zumutbar. Dass Menschen Verbotenes tun, kennen Kinder aus Geschichten: Räuber Hotzenplotz ist ja auch ein Dieb.
Man könne erklären, dass es Menschen gibt, „die keine guten Dinge im Schilde führen“, ohne detailliert auszumalen, was diese tun. Eine Grenze lässt sich klar formulieren: „Erwachsenensexualität ist nichts, das man mit Kindern macht“, sagt Lindner. Denn Kinder können Übergriffe nicht zuverlässig verhindern. Sie können erstarren, einen Übergriff nicht erkennen oder einem Erwachsenen vertrauen.
Die Verantwortung darf deshalb nicht mit „Du musst Nein sagen“ beim Kind abgeladen werden.
„Die Verantwortung liegt immer bei den Erwachsenen“, sagt Zwygart. Während Erwachsene noch diskutieren, wann ein Kind für welche Information bereit ist, kommen manche längst mit sexualisierten Inhalten in Berührung. Zwygart und Lindner erleben in Volksschulklassen Fragen und Begriffe, die darauf hindeuten. Das sei „häufiger, als die Erwachsenen denken“, sagt Lindner.
Pornografie erklärt sie ihnen als eine Art „Action-Film“: übertrieben und inszeniert, nicht so, wie die meisten Menschen Sexualität erleben. Mit 14, 15 oder 16 Jahren rücken Verhütung, sexuelle Erfahrungen, Beziehungen, Sexting und Pornografie in den Vordergrund. Ein Thema aber bleibt: Einvernehmlichkeit. Was beim kleinen Kind bedeutet, beim Kitzeln aufzuhören, wird später zur Frage: Wie merke ich, was ich möchte?
Und was mache ich, wenn die andere Person nicht dasselbe will? Kinder sollten nicht nur Nein sagen lernen, sondern auch, wann sie Ja sagen wollen – und das Nein eines anderen auszuhalten. Die Pädagoginnen berichten von mehr Offenheit und mehr Wissen – bei Kindern wie bei Eltern. Dem gegenüber steht eine Tabuisierung: Manche Eltern lassen ihre Kinder aus religiösen, kulturellen oder persönlichen Gründen nicht an Workshops teilnehmen.
Andere kommen, bleiben aber still. Sie hörten dann mitunter „mit gespitzten Ohren“ zu, sagt Zwygart. Vier oder fünf Schulstunden können jahrelange Prägungen nicht auflösen. Ein Mindestmaß an Wissen lasse sich dennoch vermitteln.
„Das ist das Bare Minimum“, so Lindner. Und: „Man kann nicht nicht aufklären“, vermittelt Zwygart bei Elternabenden. Im besten Fall beginnt sexuelle Bildung ohnehin lange davor.
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