Zum Symposium über den Autor der „Strudlhofstiege“ am Samstag in Wien: Der deutsche Germanist Michael Maar über die Einzigartigkeit dieses „kakanischen Proust“, die Schwächen Thomas Manns im...
Zum Symposium über den Autor der „Strudlhofstiege“ am Samstag in Wien: Der deutsche Germanist Michael Maar über die Einzigartigkeit dieses „kakanischen Proust“, die Schwächen Thomas Manns im Vergleich mit ihm und das Wunderwerk, das Doderer nie fertig schrieb.
„Was Doderer macht, das macht ihm einfach keiner nach“: Am Samstag geht es im Wien Museum um „Doderers Wien“ – neben Michael Maar wird auch der deutsche Autor Martin Mosebach sprechen.und Martin Mosebach haben mich wiederholt auf Doderer hingewiesen. Ich fing mit der „Strudelhofstiege” an, damit bin ich gewissermaßen in die Gemeinde eingetreten. Ja, unbedingt. Es war ein freudiges Staunen über diesen Prosastil und darüber, wie Doderer das alles anlegt.
Er ist auch ein großartiger Naturschilderer. Nicht, dass das unbedingt das Wichtigste ist, aber hier unterscheidet er sich zum Beispiel stark von, der das nicht besonders gut konnte. Wenn Doderer eine Bärenjagd beschreibt, ist man halt wirklich dabei. Oder wenn er einen in Wälder, Auen und Sümpfe führt.
Auf der anderen Seite schafft er auf zwanzig Seiten das Weichbild einer Großstadt. Ich bin immer noch sehr begeistert und überzeugt, dass Doderer einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des letzten Jahrhunderts ist. Immer wieder geht zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort künstlerisch eine einzigartige Blüte auf, aber deren Wurzeln genau zu bestimmen, ist schwierig. Woraus speist sich dieser einzigartige Doderer-Stil?und Thomas Mann nach zehn Zeilen und Doderer eben auch.
Die chemische Formel dafür herauszufinden, ist natürlich schwierig. Sehr vieles verdankt sich dem Wiener Sprachraum. Vieles auch der großbürgerlichen Erziehung. Doderers Katholizismus spielt ebenfalls eine Rolle.
Aber der Kerl hat halt auch einfach gelebt! Er war Offizier im Krieg, war in russischer Gefangenschaft … Thomas Mann war mal in Davos, gut, daraus entstand der „Zauberberg”. Doderer hat einfach viel mehr erlebt.
Sehr charakteristisch für Doderer ist auch die extreme Akribie im Detail, diese Konzentration auf den einzelnen Moment, in dem aber gleichzeitig das Vergehen der Zeit, das Flüchtige so fühlbar wird …Und dann gibt es bei ihm dieses anarchische Moment, das immer wieder durchbricht, wo er alle Erzählregeln über den Haufen wirft. Wie zum Beispiel?
Wenn er dann plötzlich auf vier Seiten irgendeinen Bergbach beschreibt, der überhaupt nichts zu tun haben muss mit der Handlung, obwohl dieses Motiv letztlich dann doch wieder verwoben ist mit den anderen Handlungspartien. Diese Freiheit, die Doderer sich immer wieder nimmt, gefällt mir. Es ist schon komponiert wie bei Thomas Mann, aber der ist viel konstruierter, ausgetüftelter. Thomas Mann gelingen dann auch tolle Sachen, klar, aber manches ist eben auch Rhetorik.
Bei Doderer gleitet es nie ins rein Rhetorische ab. In „Die Wasserfälle von Slunj” zum Beispiel hat eine Nebenfigur einen sehr komplizierten Gedanken oder eher Gefühlszug, den Doderer auf einer halben Seite beschreibt, in einem sehr langen, nicht ganz unkomplizierten Satz. An dieser Stelle dachte sich Doderer offenbar, dass sich das nur so beschreiben lässt. Und dann pfeift er einfach um der Wahrhaftigkeit willen auf Eleganz oder Knappheit.
In der „Strudlhofstiege” scheint es, als würden der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Monarchie das Innenleben der Figuren kaum berühren. Wie präsent finden Sie Realgeschichte in Doderers Werk? Wenn es um Realgeschichte geht, habe ich zum Beispiel aus seinem späten Roman „Der Grenzwald” viel mehr erfahren, als ich durch Geschichtsbücher erfahren hätte. Wie lebte man damals in dem russischen Kriegsgefangenenlager, wie lebten die Offiziere, die Soldaten?
Wie haben sich die Russen verhalten? Als zum Beispiel die gefangenen Österreicher zurückfahren, kommen russische Frauen und schenken ihnen Osterkuchen … Ich halte dieses Buch übrigens für eines seiner stärksten, auch wenn es nicht ganz fertig geworden ist. Was Doderer hier macht, das macht ihm einfach keiner nach. Edwin Frank, ein bekannter amerikanischer Verleger, hat „Die Strudlhofstiege” vor einigen Jahren in neuer englischer Übersetzung herausgebracht.
Dabei ist Doderers Werk sicher nicht leicht in andere Sprach- und Kulturräume übersetzbar. Können Sie sich vorstellen, dass ein Amerikaner das voller Lust liest? Oder ein Norddeutscher? Das kann ich mir auch sehr schwer vorstellen, allein wegen des Wiener Dialekts.
Ich glaube auch, dass ein Hanseat damit Schwierigkeiten hat. Ich selbst bin Süddeutscher, ich liebe das Wienerische und das Österreichische überhaupt, mir liegt dieser Sprachraum nahe. Mich verbindet als Süddeutscher auch mehr damit als mit dem Stil von Hanseaten. Daniel Kehlmann hat Doderer als den seltenen Fall eines Klassikers beschrieben, der nicht zum Kanon gehört.
Ist es durch seine Eigenart unvemeidlich, dass dieser Autor international begrenzter rezipiert wird als, sagen wir, Thomas Mann – obwohl Sie in Ihrem Buch „Die Schlange im Wolfspelz” schreiben, dass er stilistisch an Thomas Mann heranreicht? Nein, das ist nicht unvermeidlich. Die Jelinek hat auch den Nobelpreis bekommen, ich finde nicht, dass ihr Werk viel zugänglicher ist.den Nobelpreis verhaut habe.
Angeblich hat Canetti, als Listen von den Nobelpreis-Vorschlägen kursierten, ihn politisch angeschwärzt, Doderer war ja mal sehr früh in der NSDAP, aus der er dann gleich wieder ausgetreten ist. Ein paar Jahre später hat Canetti den Nobelpreis selbst bekommen … Politische Diskreditierung kann also eine Rolle spielen. Das Katholische kam in den 70er und 80er Jahren auch nicht gut. Der Andrang zum Doderer-Symposium in Wien ist groß, höre ich.
Dass in Wien immer noch viele Doderer-Fans sitzen, scheint unzweifelhaft. Aber hat dieser Autor über Österreich hinaus überhaupt eine Chance? Vorausgesetzt, es gibt in 20 Jahren überhaupt noch Leser, wird er immer noch ein nicht riesiges, aber doch treues Publikum haben. Große Autoren finden immer ihre Leser.
Arno Schmidt hat einmal die Formel geprägt: Die dritte Wurzel aus der Bevölkerungszahl - das sind die eigentlich Lesenden.heißt das Symposium, das am 19. September 2026 ab zehn Uhr im Großen Vortragssaal des Wien Museums stattfindet. Ein weiterer prominenter deutscher Vortragender neben Michael Maar wird der Schriftsteller und große Doderer-Fan Martin Mosebach sein. Der Eintritt ist frei, veranstaltet wird das Symposium von der Heimito von Doderer-Gesellschaft.
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