Marie Kreutzers „Gentle Monster“: Wie viel Teichtmeister steckt in...

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Marie Kreutzers „Gentle Monster“: Wie viel Teichtmeister steckt in...
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Marie Kreutzer neuer Film „Gentle Monster', den sie im Mai in Cannes vorgestellt hat ist ab sofort im Kino zu sehen. Er ist sehr viel mehr als nur eine Bewältigung des Falls Teichtmeister.

Marie Kreutzer stellte im Mai in Cannes ihren neuen Film „Gentle Monster“ vor, nun läuft er in den österreichischen Kinos. Er ist sehr viel mehr als nur eine Bewältigung des Falls Teichtmeister.

Catherine Deneuve in ihrer Rolle als Mutter macht kurzen Prozess. In dem Moment, in dem die von Léa Seydoux gespielte Tochter Lucy ihr offenbart, dass gegen ihren Mann wegen Pädophilie ermittelt wird, sagt Deneuve: „Ich will diesen Namen nie mehr hören!

“ Ihr nächster Vorschlag ist genauso pragmatisch: Ihre Tochter solle kotzen. Als Strategie der Selbstreinigung.präsentierte Film „Gentle Monster“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer auslöst. Und zwar der Film als solches genauso wie das Sujet, von dem er handelt. Die Geschichte, die Kreutzer hier erzählt, beginnt, wie so oft, mit Bildern einer Idylle.

Ein junges Paar, sie, die von Léa Seydoux verkörperte Lucy, ist erfolgreiche Musik-Performerin, ihr Mann Philip Filmemacher. Zusammen haben sie einen süßen Jungen, den Erstklässler Johnny , und gerade erst sind sie aus München heraus aufs Land gezogen, in eine stattliche alte Villa mit Garten und noch kahlen Zimmern.

Vater und Sohn toben liebevoll herum, Lucy und Philip haben zwischendurch leidenschaftlichen Sex; das Leben ist gut. Bis eines Morgens die Polizei klingelt, und Inspektorin Elsa Kühn dem völlig geschockten Philip einen Durchsuchungsbefehl unter die Nase hält. Philip fragt nicht, warum. Er ist geschockt, nicht überrascht.

Und bevor im Film ausgesprochen wird, was man ihm vorwirft, weiß der Zuschauer deshalb auch schon, dass er schuldig ist. Auch Lucy fragt zuerst wenig. Aber aus anderen Gründen, die Seydoux in einem fantastischen Auftritt allein mit Gesicht und Körperhaltung zum Ausdruck bringt: Verblüffung, Überwältigung, Panik angesichts dessen, dass ihre Welt da gerade zusammenbricht. Und egal, wie wahr die Vorwürfe sind, nichts mehr wird so sein wie vorher.

Nach außen ereignet sich nicht viel Dramatisches in „Gentle Monster“, aber das, was im Innern der Figuren vorgeht, könnte kaum explosiver oder volatiler sein. Soll sie flüchten oder standhalten, fragt Lucy sich. Ist der Sohn gefährdet? Oder noch schlimmer: Hat Philip dem Sohn bereits etwas angetan?

Und dann die nagende, bange Frage: Hat sie denn selbst nie etwas gemerkt? Es schmerzt einen als Zuschauer, wenn man Lucy wanken sieht, wenn man vorgeführt bekommt, wie diese kluge Frau sich an jeden Strohhalm von Schuldlosigkeit klammert: Philip habe für ein Dokumentarfilmprojekt recherchiert. Oder er habe es wegen des Geldes getan. Erst als diese ganzen Lügengebäude in sich zusammenfallen, kommt ihr selbst eine Erinnerung, die im Nachhinein unheimlich ist.

Kreutzer macht es sich mit dem Sujet nicht leicht. Im Zentrum ihres Films steht gerade nicht der Täter und seine Motive. Sie hält die Kamera ganz auf die Nächsten, auf die, die Philip vertraut haben, die ihn lieben. Sind sie mitschuldig?

Vielleicht sollte man in Analogie zu den „Koabhängigen“ bei Süchtigen hier von „Koschuldigen“ sprechen. Das Nicht-Wissen- und das Nicht-Sehen-Wollen – daraus ergibt sich der fließende Übergang zur Komplizenschaft. Das zeigt auch der Fall, den Kreutzer wie nebenbei miterzählt in diesem Film: Die von Jella Haase gespielte Polizistin hat einen demenzkranken Vater , der seine polnische Pflegekraft zudringlich anfasst. Als die deswegen die Koffer packt, bietet die Polizistin ihr mehr Geld, damit sie bleibt.

Aber ist nicht genau das schon Mittäterschaft, ein Opfer zu bitten, etwas zu ertragen, was es nicht will? Besondere Relevanz hat all das vor dem Hintergrund, dass Kreutzer im realen Leben einen ähnlichen Fall, wie soll man sagen: durchlitten hat. Es ist ganz unmöglich, zumindest aus Österreich heraus, diesen Film zu schauen ohne an den Fall des verurteilten Burgtheater-Schauspielers Florian Teichtmeister zu denken.

Im Interview mit dem Branchenmagazin Screendaily im Vorfeld zur Cannes-Premiere erzählt Kreutzer zwar, dass sie die Idee zu „Gentle Monster“ schon vor dem Dreh von „Corsage“ hatte, in dem sie Teichtmeister den Kaiser Franz Joseph spielen ließ. Eine Besetzungsentscheidung, wegen der man Kreutzer vorwarf, sie hätte es besser wissen müssen – auch wenn erst ein gutes halbes Jahr nach der „Corsage“-Premiere seinerzeit ebenfalls in Cannes bekannt wurde, dass Teichtmeister wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material unter Anklage steht und gestanden hatte.

Zuerst habe sie die Film-Idee zu „Gentle Monster“ genau deshalb nicht weiterverfolgt, weil alle sie nur mit dem Teichtmeister-Fall verbinden würden. Aber dann sei sie zu dem Schluss gekommen, sie müsse den Film doch genau deswegen drehen, so Kreutzer.

„Gentle Monster“ ist alles andere als ein Rechtfertigungsfilm für das eigene Unwissen geworden. Der Film ist zwiespältig und widersprüchlich und zum Kopfschütteln.

„Gentle Monster“ ist seit 17. September in den österreichischen Kinos zu sehen.

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