Seit 2004 in der „Presse“. Studierte Juristin und Wirtschaftswissenschaftlerin, deren Herz aber für die Kultur brennt. Zunächst im Feuilleton der „Presse“, seit 2018 im „Schaufenster“ für die Kulturseiten mitverantwortlich.
In ihrem neuen Film „Gentle Monster“ widmet sich Regisseurin Marie Kreutzer dem schrittweisen Dekonstruieren von Lügen im Umfeld eines Kinderpornografie-Skandals. Er war ein heißer Tipp für den Auslands-Oscar: „Corsage“, Marie Kreutzers Film über Sisi, der die Kaiserin als feministische Vorreiterin darstellt.
Die Dreharbeiten waren, Stichwort Corona, nicht leicht, beim Filmfestival in Cannes im Mai 2022 wurde „Corsage“ vor Publikum uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung fand wenig später beim Filmfest München statt. Als im Jänner 2023 bekannt wurde, dass Florian Teichtmeister, der in „Corsage“ die männliche Hauptrolle spielt, wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material angeklagt wurde, geriet Marie Kreutzer ins Kreuzfeuer: Sie müsse doch, so hieß es, gewusst haben, was bei Teichtmeister los sei.
Heute sagt sie über jene Zeit: „Als die Causa hochkam, war mein erster Gedanke: Den Film zu diesem Thema werde ich nicht mehr machen können!
“ Dabei hatte sie den Stoff zu ihrem neuen Film, „Gentle Monster“, schon in Arbeit. „Das finde ich noch immer wahnsinnig dreist, weil man ja nicht weiß, was sich die Leute zu Hause auf ihren Computern anschauen“, sagt Kreutzer über die Vorwürfe, die sie sich anhören musste. Sie habe Teichtmeister wegen entsprechender Gerüchte kontaktiert, er habe klar dementiert. Als die Regisseurin vom gerichtlichen Vorgehen gegen den Schauspieler erfuhr, war sie gerade auf dem Rückweg von einer Pressetour in Los Angeles.
Teichtmeister-Szenen aus dem Film herauszuschneiden ging aus rechtlichen Gründen nicht. Mit dem Auslands-Oscar wurde es naturgemäß nichts, der Film erhielt aber trotz des Skandals zahlreiche Preise. Im September 2023 wurde Teichtmeister vom Gericht schuldig gesprochen und zu zwei Jahren bedingter Freiheitsstrafe und einer bedingten Einweisung in einen Maßnahmenvollzug verurteilt. Er hatte sich vor Gericht reumütig gezeigt und schuldig bekannt.
Da er im September 2025 gegen die Bewährungsauflagen zu absoluter Drogenabstinenz verstoßen hatte, wurde er in die Justizanstalt Mittersteig eingeliefert. Ende Jänner 2026 wurde er unter Auflagen aus der Haft entlassen. Marie Kreutzer, die schon länger einen Film über Kindesmissbrauch in der Pipeline hatte, erwog, diesen nicht zu drehen. Obwohl sie das Drehbuch dazu längst geschrieben und auch Förderungen dazu bekommen hatte.
Schließlich entschloss sie sich doch dazu, „Gentle Monster“ zu drehen.
„Ich wollte mich dem Thema wieder stellen, weil mir das Thema an sich – sexualisierte Gewalt an Kindern – am Herzen liegt. Ich finde, man muss darüber sprechen, man muss so etwas erzählen, und dafür nehme ich in Kauf, dass ich jedes Mal auf Florian Teichtmeister angesprochen werde.
“ „Gentle Monster“ feierte beim Filmfestival in Cannes seine Premiere und ist seit 17. September im Kino zu sehen. Kreutzer: Es ist so, dass ich schon ab 2020 an dem Projekt gearbeitet habe, das ist auch durch Förderzusagen belegt. 2021 gab es eine Drehbuchförderung. Schon bevor ich „Corsage“ gedreht habe, hab’ ich an dem Drehbuch geschrieben.
Der Plot und die Figuren waren damals schon die gleichen wie jetzt im Film. Als die Teichtmeister-Causa hochkam, war mein erster Gedanke: Den Film zu diesem Thema werde ich nicht mehr machen können! Weil das immer in Verbindung gebracht werden wird. Einige Monate später, als sich die Wogen geglättet haben, also auch der Shitstorm, den wir als Produktion und Regie des Film mit ihm erlebt haben, wurde mir klar, dass es erst recht ein Grund ist, den Film zu machen.
Weil meine Ursprungsinspiration war ein Artikel in der „Zeit“, der mich hat realisieren lassen, dass ich wahrscheinlich nicht nur Opfer von Kindesmissbrauch kenne, sondern auch Täter. Das kann statistisch gar nicht anders sein. Letztlich hat sich das bewiesen. Es hat den Entschluss verstärkt, den Film zu machen.
Es hat ihn aber nicht dramaturgisch beeinflusst. Ich würde sagen, eher atmosphärisch. Es war eine bewusste Entscheidung: Ich werde mich dem Thema wieder stellen, weil mir das Thema an sich – sexualisierte Gewalt an Kindern – am Herzen liegt. Ich finde, man muss darüber sprechen, man muss so etwas erzählen, und dafür nehme ich in Kauf, dass ich jedes Mal auf Florian Teichtmeister angesprochen werde.
Nein, ich habe keine persönliche Beziehung zu Florian Teichtmeister. Wir haben einen Film gemeinsam gemacht, und das war in der Zeit der Covid-Lockdowns, deshalb haben wir uns in der Vorbereitung sehr wenig gesehen – wir waren zwei Wochen am Set, und das war’s. Meine ersten Gedanken damals gingen an seine Partnerin. Diese muss damit leben, wie die Leute auf sie reagieren.
Auch mit dem Vorwurf: Warum hast du das nicht gewusst? Das wurde ja auch der gesamten Film- und Theaterbranche unterstellt: dass wir alle gewusst hätten, was bei Florian Teichtmeister los sei, und das finde ich noch immer wahnsinnig dreist, weil man ja nicht weiß, was sich die Leute zu Hause auf ihren Computern anschauen. Das kann man nie wissen. Man sieht leidenschaftliche Sexszenen zwischen Lucy und Philipp.
Er entspricht also nicht dem Klischee eines Pädophilen. Ja, auch das habe ich bei der Recherche gelernt: Es gibt exklusive und nicht exklusive Pädophile, also Pädophile, die ausschließlich von kindlichen Körpern erregt werden, und andere, die sehr wohl auch normale Sexualität zu Erwachsenen haben.
Ein Aspekt hat mich besonders schockiert: Sehr, sehr viele Täter, rund 60 Prozent, haben nicht einmal pädophile Neigungen, sondern leben da anhand von Kindern etwas anderes aus, Gewaltfantasien, Machtfantasien usw, so wie es ja auch Menschen mit pädophilen Neigungen gibt, die das nicht ausleben. Kinder sind leichter zu manipulieren, zum Schweigen zu bringen. Es gibt so viele Gründe für diese Fälle.
Es war mir wichtig zu zeigen: Es ist nicht dieser creepy Typ, der hinter dem Spielplatz lauert, es passiert meist im nächsten Umfeld. Der Freund, der fesche Typ von nebenan, ein lustiger Typ. Jeder Mensch hat viele Seiten, man wird nie alle Seiten von einem Menschen kennen. »„Als die Teichtmeister-Causa hochkam, war mein erster Gedanke: Den Film zu diesem Thema werde ich nicht mehr machen können!
“« Über Philipps Hintergrund erfährt man im Film wenig, er hat reiche Eltern, eventuell ist er wohlstandsverwahrlost und beruflich weniger erfolgreich als seine Frau … Ich schreibe immer eine Biografie für meine Figuren. Gerade wenn man Kinder bekommt und in ein Haus zieht, kommen oft Grundwerte durch, die stark vom Elternhaus geprägt sind. Da hatten wir in der Biografie von Philipp schon auch Gewalterfahrungen zu Hause, nicht in sexualisierter Form, aber sehr strenge Eltern.
Man weiß ja, dass Gewalt weitergegeben wird. Die Rolle war ursprünglich für eine Engländerin oder Amerikanerin geschrieben und auch schon mal mit einer Amerikanerin besetzt. Da gab es Änderungen, und wir haben nach einer neuen Besetzung gesucht. Dann kam einer der Agenten von Léa Seydoux auf uns zu.
Mir war wichtig, dass es keine deutschsprachige Figur ist, sondern eine Figur, die noch zusätzlich durch Kultur und Sprache isoliert ist, weil sie nicht aus diesem Land kommt, in dem das passiert. Und ich fand, es macht noch was anderes mit einem, wenn man mit Behörden konfrontiert ist. Zerrüttet: Bei der Hochzeit eines Freundes versuchen Lucy und Philipp noch einmal, als Paar in Erscheinung zu treten. Der Song „Would I Lie to You?
“ ist so eine Art musikalisches Leitmotiv des Films. Es geht um schrittweises Dekonstruieren von Lügen.
„Gentle Monster“ ist für mich ein Film über Ehrlichkeit, vor allem über Ehrlichkeit zu sich selbst. Wann sind wir bereit, uns einzugestehen, dass jemand nicht der ist, den wir uns gewünscht hätten, dass er wäre? Und ich glaube, das ist etwas, womit man sich auch verbinden kann. Denn auch wenn jemand noch nie mit Missbrauch konfrontiert war, sind wir alle schon einmal in unserem Leben enttäuscht oder hintergangen worden.
Ich denke, das ist etwas, was wir alle kennen, dass man merkt, man hat sich in jemandem getäuscht. Der Bub, Johnny , spielt auch eine zentrale Rolle. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob er vom Vater auch für kinderpornografische Videos gefilmt wurde. Wie wurde er gecastet?
Für mich war eine zentrale Erkenntnis der Recherche: Wenn es keine eindeutigen Hinweise darauf gibt, dass einem Kind Übergriffe passiert sind, ist es eigentlich unmöglich, das herauszufinden. In einer gewissen Altersstufe sind Realität, Fantasie, Erinnerung und Traum noch relativ gleichwertig. In einem Recherchegespräch mit einer Psychologin habe ich ihr die Ausgangssituation des Films geschildert und sie gefragt: Wie kann es die Mutter wissen? Und sie meinte: Sie wird es nie wissen.
Da ist mir so kalt geworden in dem Moment, und ich dachte: Das ist das größte Drama! Wenn man mit etwas abschließen muss, ohne dass man es weiß. Das ist aber auch eine Realität des Lebens! Dass wir oft nicht wissen, was genau passiert ist.
In der Fiktion wird uns oft alles genau erklärt, im Leben aber nicht. Genau das wollte ich zeigen! »„Das ist aber auch eine Realität des Lebens! Dass wir oft nicht wissen, was genau passiert ist.
In der Fiktion wird uns oft alles genau erklärt, im Leben aber nicht. Genau das wollte ich zeigen!
“«Das war natürlich im Castingprozess ein Thema. Wir haben schon – bevor wir zum Casting eingeladen haben – mit den Eltern aller Kinder, die interessiert waren, persönlich gesprochen, damit sie wissen, worum es in dem Film geht, damit sie auch ihr Interesse revidieren können. Das war aber nur in einem Fall so. Die anderen meinten, sie fänden das Thema sehr wichtig und auch den Zugang dazu richtig.
Es war immer klar, dass es keine Szene geben wird, in dem ein Übergriff gezeigt wird, auch keine, die nahelegt, dass dem Kind etwas passiert ist. Es gab eine sehr engmaschige Betreuung und ein Coaching für das Kind. Wir waren auch immer im Austausch mit den Eltern, und ich habe vor dem Dreh mit ihnen besprochen, wie viel wir ihm sagen sollen.
Sie meinten, nachdem Malo mit diesem Thema noch nie konfrontiert war und ihn das mehr schockieren oder verwirren könnte, haben wir uns entschieden, ihm das anders zu sagen: Die Eltern des Kindes trennen sich, sie haben eine Krise. Das kennt er von Freunden. Er hat auch nie gefragt, warum. Als Vorbereitung auf den Dreh habe ich Interviews mit Léa Seydoux gelesen, da gab es auch einen Podcast, wo sie sagt, sie wollte schon immer mit Catherine Deneuve drehen.
Der französische Produzent hat dann den Vorschlag gemacht, dass wir sie fragen! Ich habe nicht unbedingt damit gerechnet, dass sie es machen wird, aber es war dann eigentlich ganz unkompliziert. Sie kannte „Corsage“, sie ist eine totale Cineastin, geht jede Woche ins Kino und ist gut informiert. Sie fand das Drehbuch super.
Und es war sehr unkompliziert, mit ihr zu arbeiten. Am Set ist sie sehr angenehm. Im Film kommt sie als Lucys Mutter eher kühl rüber. Finden Sie?
Manche Leute am Set haben gesagt: So eine Mutter hätte ich gern. Weil sie sehr direkt und ehrlich ist, gleichzeitig aber warm. In keinem Moment stellt sie in Frage, dass sie zu ihrer Tochter steht. Mir ist wichtig, dass ein Film viele Möglichkeiten gibt, ihn zu sehen oder zu besprechen.
Ich entlasse das Publikum nicht mit einer eindeutigen Botschaft – das ist dem Mainstream-Kino vorbehalten. Das interessiert mich nicht. Es gibt den schönen Satz: Design gibt Antworten, Kunst stellt Fragen. Es geht für mich vor allem um Ehrlichkeit und die Realisation der Tatsache, dass man einen Menschen nie ganz kennen wird und dass es trotzdem keine andere Alternative gibt, als zu vertrauen.
Dass das Leben Vertrauen ist! Einer meiner Lehrer auf der Filmakademie hat gesagt: Im letzten Bild ist der Film enthalten. Mir war wichtig, das Zwiespältige zu zeigen: das Schwere und das Leichte gleichzeitig. Es geht weiter, man muss mit seelischen Wunden leben, und trotzdem müssen wir wieder vertrauen. Bezugsquellen: Chanel, Tuchlauben 1, 1010 Wien • Dior, Tuchlauben 3–5,
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