Promovierter Komparatist und Romanist, Studium in Wien, Lissabon, Madrid, Paris. Buch „Staat tragen“ über Dresscodes und Visual Politics. „Presse“-Redakteur seit 2010, seit 2014 „Schaufenster“-Chefredakteur. Leitung Stil/„Presse am Sonntag“, auf Instagram: @diepresse.schaufenster und @diepresse.
Ikonoklasmus oder versehentliche Revolution? Wieso ein Logo-Leiberl des Maison Margiela als Aufreger taugt. Dass die große Aufregung ausbleibt, ist schwer zu verstehen. So gern die Modewelt sich über Kleinigkeiten ereifert, die berechtigte Empörung über ein Modedetail, das auf einem Pariser Laufsteg zu sehen war, ist zuletzt ausgeblieben.
Es geht um Folgendes: Glenn Martens hat als Chefdesigner des Maison Margiela ein Logo-T-Shirt über den Runway geschickt, das unter einer Jacke hervorblitzte. Warum einem darob der Atem wegbleiben sollte, erfahren Sie hier. Zu sehen war eigentlich nur „RGIE“ mit der abgeschnittenen Schräge eines vorangehenden „A“. Eine Kollegin aus Zürich meinte, sie habe nicht genau hingeschaut und dachte, dass da einfach „ORGIE“ stehe.
Letzteres wäre nicht weiter der Rede wert, ein Logo-Leiberl bei Margiela hingegen ist ein echter Paradigmenwechsel. Der diskrete belgische Designer, der sich 2008 aus der Mode zurückzog, war gegen jeden Personen- oder Markenkult. Von ihm selbst gibt es fast keine Bilder, seine Mannequins schickte er oft maskiert über den Catwalk. Und, wie Fashionistas wissen: Das Erkennungszeichen des Maison Margiela sind die berühmten „four stitches“, also vier schräge Zwirnbalken, die so aussehen, als würden sie ein Etikett halten.
Einen Markenschriftzug oder Ähnliches auf Margiela-Kleidungsstücken gibt es nicht, das ist ureigener Teil der Marken-DNA. Die jahrzehntelange Weigerung des Markengründers und seiner Nachfolger nebenbei auf dem Altar einer Logo-Manie zu opfern, noch dazu nur halb lesbar unter eine Jacke „geschmuggelt“, das ist eigentlich völlig respektlos. Umso unverständlicher, dass es in der so empörungsbereiten Modewelt in den letzten Tagen keinen großen Aufschrei gegeben hat.
Aber vielleicht ist mittlerweile einfach wirklich alles erlaubt. Oder die Zürcher Kollegin war doch auf der richtigen Spur, und da steht etwas anderes geschrieben. In ein paar Monaten wird man es beim Launch der kommerziellen Kollektion ja sehen. Vielleicht folgt auch dann erst die große Entrüstung.
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