Manuela Schwesig könnte in Mecklenburg-Vorpommern gelingen, was für die SPD meist in weite Ferne gerückt ist: Am Wahltag vor den Rechten landen. Die SPD-Ministerpräsidentin ist vorbereitet.
Wegen ihrer Russlandpolitik und Nord Stream geriet Manuela Schwesig etwas ins Abseits. Nun könnte sie ihrer SPD in Mecklenburg-Vorpommern vorzeigen, wie man gegen rechts eine Landtagswahl gewinnt.
Manuela Schwesig könnte in Mecklenburg-Vorpommern gelingen, was für die SPD meist in weite Ferne gerückt ist: Am Wahltag vor den Rechten landen. Manuela Schwesig ist vorbereitet. An jenem Montag, an dem das mächtigste Land Europas aus einer historischen Wahlnacht erwacht, die Journalisten auf die ersten Worte des Kanzlers warten, der Jubel der Rechtsaußen aus Sachsen-Anhalt durch die Social-Media-Parallelwelt hallt, steht sie in roten Schuhen und rotem Kostüm vor dem Schweriner See.
Neben der 52-Jährigen ist ein Wahlplakat aufgestellt.
„Die Frau gegen Blau“, steht darauf in weißen Lettern neben ihrem Gesicht. Diesen Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern im deutschen Nordosten ein neuer Landtag gewählt. Manuela Schwesig hat auf den letzten Metern ihre Kampagne gedreht. Nur einen Tag nachdem die AfD sich vor eineinhalb Wochen in Sachsen-Anhalt beinahe die absolute Mehrheit holte, inszenierte sie sich als einzige Option, um doch noch zu verhindern, dass die Rechtsaußenpartei auf dem ersten Platz landet.
Die SPD, Nummer eins. Das gab es zuletzt im Frühjahr 2025 in Hamburg. Nachdem Olaf Scholz vor fünf Jahren die Bundestagswahl gewann, landete die SPD zwar bei sieben von 17 Landtagswahlen auf dem ersten Platz. Trotzdem wäre ein Sieg an diesem Sonntag außergewöhnlich.
Die SPD ist in eine tiefe Krise gerutscht. Laut Umfragen würden nur noch zwölf bis 13 Prozent auf Bundesebene für sie stimmen. Deswegen sticht Manuela Schwesig umso mehr hervor, die in Mecklenburg-Vorpommern mehr als doppelt so viel Zuspruch hat. Nicht nur das: Die Sozialdemokratin legt eine Aufholjagd hin, je länger der Wahlkampf dauert, desto stärker werden ihre Werte.
Noch liegt sie drei bis sechs Prozentpunkte hinter der AfD. Vor Monaten waren es aber mehr als zehn, das Rennen schien gelaufen. Kurz vor der Wahl ist sie in eine Duellsituation gekommen, das Comeback scheint zum Greifen nahe. Es ist noch gar nicht so lange her, da stand Schwesig bei ihren Parteikollegen im Abseits.
Der Grund: In Mecklenburg-Vorpommern kommen die Gas-Pipelines von Nord Stream an. Ein geopolitisches Projekt des Kremls, das in Deutschland auf offizieller politischer Ebene jahrelang als rein wirtschaftlich ausgewiesen wurde. Als SPD-Ministerpräsidentin hatte Schwesig an einer landeseigenen Stiftung mitgewirkt. Diese sollte sich angeblich um Klimaschutz kümmern.
Laut deutschen Medienberichten soll ihr Zweck aber gewesen sein, US-Sanktionen gegen deutsche Unternehmen zu umgehen, die am Bau von Nord Stream 2 mitwirken. Nachdem die russische Armee im Februar 2022 auf Kiew vorrückte, gerieten die deutschen Konstruktionen mit dem Kreml ins Scheinwerferlicht. Schwesig, die als talentierte Personalreserve der Sozialdemokraten galt, hatte in der Öffentlichkeit ein Imageproblem bekommen.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Distanz zur eigenen Parteispitze ihr Jahre später vielleicht helfen könnte, ihr Amt zu behalten und den Sozialdemokraten einen Sieg zu verschaffen. Denn wie schon der Brandenburger SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke vor ihr, führt die 52-Jährige einen Wahlkampf gegen die eigenen Leute in Berlin. Zum einen inszeniert sie sich als Landesmutter. Der Wahlkampf ist auf sie zugeschnitten.
Dass Schwesig eine Sozialdemokratin ist, wird zumindest nicht besonders betont. Statt wie CDU-Kandidat Sven Schulze in Sachsen-Anhalt in die Erzählung vom deutschen Niedergang einzustimmen, sagt sie, in Mecklenburg-Vorpommern halte man zusammen. 1,6 Millionen Menschen wohnen in dem nördlichen Bundesland, das zu den wirtschaftlich schwächsten Deutschlands gehört. Ende August konnte Schwesig aber verkünden: Die Schwarz-Gruppe wolle im kleinen Dummerstorf um 5,6 Milliarden Euro ein Rechenzentrum bauen.
Gleichzeitig schießt sich Schwesig auf die Reformpläne der deutschen Regierung ein, der ihre eigene Partei angehört. Besonders der Umbau bei der Rente hat in den ostdeutschen Bundesländern für Widerstand gesorgt: Zusammen mit CDU-Kollegen stellte sich die Sozialdemokratin gegen das Vorhaben, die Rentenzusicherung nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen. Das Konzept ist in Deutschland als „Rente mit 63“ bekannt. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern gefällt das dem linken Flügel der Partei.
Im Sommer kam das Gerücht auf, Schwesig könnte es nach Berlin ziehen, um Lars Klingbeil und Bärbel Bas an der SPD-Spitze abzulösen. Sie selbst dementiert diese Machtspiele kurz vor der Wahl. Ihr größter Konkurrent am Sonntag heißt Leif Erik Holm, ist 56 Jahre alt und in Mecklenburg-Vorpommern als ehemaliger Radiomoderator bekannt. Der AfD-Mann hat für seinen Wahlkampf eine kuriose Konstruktion gewählt: Er tritt als Kandidat für das Ministerpräsidentenamt auf, ist aber nicht die Nummer eins der AfD-Liste.
Die ist der 47-jährige Enrico Schult. Der viel beworbene Holm tritt nur im Wahlkreis Schwerin I an, das ist jener von Schwesig. Das heißt: Gewinnt die Sozialdemokratin dort, bekommt Holm kein Direktmandat und kann nicht in den Landtag einziehen. Der viel beworbene Holm ist auch Bundestagsabgeordneter, in Mecklenburg-Vorpommern tritt er nur im Wahlkreis Schwerin I an, das ist jener von Schwesig.
Das heißt: Gewinnt die Sozialdemokratin dort, bekommt Holm kein Direktmandat und kann nicht in den Landtag einziehen.
„Herr Holm hat sich ein sicheres, gut bezahltes Rückfahrticket in den Bundestag gesichert“, sagte Schwesig am Mittwochabend, beim letzten Fernsehduell mit dem AfDler vor der Wahl. „Man weiß also nicht, wenn man ihn wählt, ob er überhaupt hier bleibt. “ Sie warf dem AfD-Mann außerdem vor, nur Anweisungen von AfD-Co-Chefin Alice Weidel aus Berlin umzusetzen. „Ich mache nicht das, was ein Bundeskanzler oder meine Bundespartei sagt“, grenzte Schwesig sich gleichzeitig vom Gegner und ihrer eigenen Partei ab.
Mit ihrem Duell gegen rechts bedroht Schwesig auch eine andere Partei, die CDU. Die liegt in den Umfragen um die sieben Prozent. Die Sorge: CDU-Wähler könnten zu Schwesigs Sozialdemokraten wechseln, um die AfD am ersten Platz zu verhindern. Am Ende drohe den Konservativen ein Ergebnis unter fünf Prozent, sie würden aus dem Landtag fliegen.
Das wiederum könnte Schockwellen in der Kanzlerpartei auslösen, die ohnehin schon über eine Ablöse von Friedrich Merz nachdenkt.
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