Mama schaut zu: Wie viel Tracking ist in Ordnung?

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GPS-Tracker, Smartwatches und Apps versprechen Sicherheit und nehmen im Familienalltag manche Sorge. Doch zu viel Überwachung kann die Selbstständigkeit bremsen. Ein Blick auf die wenigen Klicks...

GPS-Tracker, Smartwatches und Apps versprechen Sicherheit und nehmen im Familienalltag manche Sorge. Doch zu viel Überwachung kann die Selbstständigkeit bremsen. Ein Blick auf die wenigen Klicks zwischen Fürsorge und Kontrolle.

Mein Vater schaut bei meiner Schwester und mir schon, wo wir sind, wenn wir abends ausgehen. Wenn er das nicht sieht, ruft er wütend an und sagt, dass wir das Tracking anmachen müssen“, erzählt Filippa, die ein Gymnasium am Stadtrand von Wien besucht und anonym bleiben möchte. Ein Problem damit, ihren Eltern permanent die Freigabe ihres Standortes erteilt zu haben, hat die 15-Jährige nicht: „Ich sage ihnen ja sowieso, wo ich bin oder wohin ich gehe.

Wenn der Heimweg einmal länger dauert, müssen sie sich keine Sorgen machen.

“ Auch Filippas beste Freundin, Lina Schoppmeier, fühlt sich durch das mütterliche Tracking nicht überwacht. „Meine Mutter vertraut mir. Sie beobachtet ja auch nicht jeden Schritt. Nur wenn ich abends unterwegs bin, schaut sie“, sagt die Schülerin.

Britta Schoppmeier wiederum beschreibt sich selbst als entspannte Teenager-Mutter. Sie kontrolliere ihre Kinder nicht dauerhaft, betont sie, „aber wenn die Mädels abends unterwegs sind, möchte ich schon wissen, wo sie wann sind“, sagt sie. Immerhin: „Der Heimweg ist ja doch länger und Wien ist nicht mehr so wie in meiner Jugend.

“Tatsächlich nützen immer mehr Eltern heute GPS-Apps oder Smartwatches, um den Standort ihrer Kinder und Jugendliche zu überwachen. Allen voran zu Schulbeginn wird auf die technischen Hilfsmittel gesetzt, wie ein Rundruf der „Presse am Sonntag“ zeigt. Der Hintergrund: Die Eltern sorgen sich, ob der Nachwuchs sicher angekommen ist. Um das zu überprüfen, wird ein Signal geschickt, das die Uhr am Handgelenk zum Vibrieren bringt.

Erst wenn die Schüler bestätigen, beruhigt sich das Gerät. Je älter die Kinder, desto mehr wird auf das Smartphone als Monitor gesetzt – und desto stärker verschiebt sich die Zeit der Beobachtung: weg vom Vormittag, hin in die Abendstunden, wenn die Teenager unterwegs sind. Im Vordergrund stehen Fragen der Sicherheit und Verlässlichkeit: Machen sich die Kinder rechtzeitig auf den Heimweg, wenn sie nach der Tanzschule noch ausgehen? Fährt noch eine U-Bahn, eine Straßenbahn oder ein Nachtbus?

Oder müssen Sohn oder Tochter abgeholt respektive muss ein Uber losgeschickt werden? Für das Taxi-Unternehmen ist letztere Variante keine Seltenheit, weshalb bereits spezielle Teen-Accounts angeboten werden: Die Eltern werden verständigt, sobald das Kind ein- und aussteigt und können die Route in Echtzeit mitverfolgen.

„Wenn etwas nicht nachvollziehbar ist oder gegen Abmachungen verstößt, rufe ich meine Tochter an und frage, was sie macht“, sagt Karin, die aber anonym bleiben möchte. „Meist finden wir dann eine gemeinsame Lösung. Wenn etwa die Freundin länger ausbleiben darf, ist mir lieber, dass sie gemeinsam länger wegbleiben und dafür gemeinsam nach Hause fahren – das finde ich sicherer, als wenn sie alleine unterwegs ist.

“So auch Kinderärztin Lisa, die ihre Elfjährige und ihre 14-Jährige trackt, ihre Nachnamen aber nicht nennen möchte. „Meine jüngere Tochter fährt mit dem Rad in die Schule und wenn sie zu Mittag später dran ist, schaue ich, wo sie ist“, sagt sie. „Im Sommer geht sie manchmal mit einer Freundin auf dem Schulweg noch ein Eis essen oder sie pflücken Blumen auf einer Wiese.

Wenn ich sie dort orte, mache ich mir keine Sorgen – sonst würde ich sie wahrscheinlich mit Vorwürfen überschütten, wo sie so lange war.

“ Bei ihrer älteren Tochter sei das Tracken hingegen kaum nötig. „Sie ruft mich meist von selbst an, weil sie immer einen großen Gesprächsbedarf hat. “ Bei Stefan dominieren indes die pragmatischen Gründe: Er trackt seinen 15-jährigen Sohn am Heimweg, weil er wissen möchte, wann er das Fleisch in die Pfanne werfen soll. Stellt sich die Frage: Dürfen Eltern das überhaupt?

„Nur, wenn es mit den Kindern abgesprochen ist,“ sagt Familientherapeutin Rosemarie Faimann. So erlaube sie ihrem Sohn nur dann das Ausgehen, wenn sie genau weiß, wo er unterwegs ist: „Er war dann selbst dafür, das Tracking einzuschalten, weil er nicht dauernd anrufen will, wenn er unterwegs ist und die Location wechselt.

“ Bei Christoph, er studiert Wirtschaft, war das ähnlich, allerdings bestand er darauf, dass das Tracking in beide Richtungen abläuft. „Wenn ich mit meinem Vater etwas ausmache, schaue ich immer, ob er pünktlich losgeht“, sagt der 20-Jährige. Andernfalls „ärgere ich mich über die Zeitverschwendung“. Doch nicht nur zwischen Eltern und Kindern respektive zwischen Teenagern und Eltern, sondern auch unter Gleichaltrigen nimmt das Tracken zu.

Allen voran dann, wenn es sich um enge Freundschaften handelt, wie im Falle der 15-jährigen Hannah und ihrer Freundin Mia, die sich beide offiziell tracken.

„Mia ist sehr unpünktlich und wenn wir uns verabreden, kann ich schauen, ob sie schon unterwegs ist“, sagt Hannah. „Dann muss ich nicht sinnlos warten. “Dafür zunutze macht sie sich die „SnapMap“, eine interaktive Landkarte in der App „Snapchat“, die die Teenager dauerhaft aktiviert haben. „Da sieht man, welche Freundinnen in der Nähe sind.

Etwa wenn wir abends in die Stadt gehen und schauen wollen, wer noch da ist“, sagt Hannah. Das funktioniere freilich nur, wenn alle die Karte aktiviert hätten. Wobei: „Sie ist nicht immer ganz genau.

“ Zu sehen ist lediglich der Standort, an dem die Person das letzte Mal online war. Derartiges zu sehen habe weniger einen Kontrollcharakter, denn eine verbindende Wirkung: „Im Sommer war ich mit meiner Familie in Griechenland und habe auf der SnapMap gesehen, dass meine Mitschülerin Lea ganz in der Nähe ist. Wir haben uns geschrieben und uns dann für einen Strandtag verabredet.

“ Woher aber kommt das Bedürfnis, stets wissen zu wollen, wo sich der oder die andere befindet? Zum einen ist es evolutionär bedingt: Wer ein Baby hat, hat es zunächst stets bei sich. Je älter es wird, desto weiter wird der Bewegungsradius, und desto mehr Bezugspersonen kommen hinzu – von den Großeltern, über Pädagogen bis zu Freunden.

„Die Eltern verlieren sukzessiv die Kontrolle“, sagt John Haas, Diplompsychologe mit Schwerpunkt Digitalisierung und E-Mental-Health. „Der Prozess fällt vielen nicht leicht – sie wollen dem Kind zwar die nötige Autonomie gewähren, es aber zugleich beschützen. “Hinzu komme die Zweckmäßigkeit: „Gerade in Familien mit mehreren Kindern lässt sich der Alltag leichter managen, wenn man sieht, wo alle sind: Wer ist wo abzuholen, sind alle gut im Sportverein angekommen?

“ Ein weiterer Grund für die Überwachung: „Am Land gibt es die latente Fürsorge, einen Zusammenhalt – jeder hat ein Auge auf die anderen, in den Städten endet die Verantwortung an der Türschwelle: Geht ein Kind raus, schaut keiner oder wundert sich. “ Glücklicherweise seien Fälle der Kindesentführung in Österreich äußerst selten, sagt Haas, „aber die vielen Bad News und die Erinnerung an den Fall Natascha Kampusch nähren die Angst, dass doch etwas passiert“.

Etwa wie im Frühjahr, als ein Mann im Wiener Donaupark versucht hat, eine Fünf- und eine Neunjährige mitzunehmen. Tatsächlich enthält die Kriminalstatistik für 2025 keinen Eintrag zu Kidnapping durch Fremdtäter. Aber: Das Nationale Kompetenzzentrum gegen Verschleppung und Familiengewalt weist für die vergangenen zwei Jahre 160 Meldungen über verschleppte Personen ins Ausland aus. Die Hotline für vermisste Kinder wurde 2025 in 141 Fällen kontaktiert, mehrheitlich ging es dabei um Jugendliche, die von zu Hause weggelaufen sind.

„Neben emotionalem Beistand geht es den meisten Eltern um konkrete Hilfestellungen, die zu einem schnellen Wiederfinden ihres Kindes führen“, heißt es in einer Aussendung. Meist werde ausgebüxt, „weil die Eltern das Übernachten beim Freund oder der Freundin verbieten“. Um gewappnet zu sein, werden zuhauf GPS-Tracker, Smartwatches oder Apps am Handy aktiviert und kontrolliert. Doch es gibt ein Problem, warnt Haas: „Es handelt sich um eine Scheinsicherheit – getrackten Kindern passiert gleich viel wie jenen, die nicht beobachtet werden.

“ Zwar könne im Fall eines Unfalls schneller reagiert werden – die Systeme sind mittlerweile auf drei bis fünf Meter genau –, aber: „Dafür müssen sich die Kinder auch melden; ein Punkt auf einer Karte verrät ja nicht, ob es sich gerade den Fuß gebrochen hat, ein Eis isst oder bedroht wird. “Nicht zu vergessen: „Stimmt die Beziehung zwischen Kindern und Eltern, haben die Kinder bis zum zehnten, elften Lebensjahr zwar kein Problem mit digitalen Liebesbändern, aber es kann sie ein Stück weit in ihrer Entwicklung behindern, wenn sie wissen, dass Mama und Papa ohnehin immer da sind.

“ Ein Beispiel: Bei einem Waldspaziergang wird nicht auf den Weg oder darauf geachtet, in der Nähe zu bleiben, weil das Kind weiß, dass die Eltern es ohnehin jederzeit orten können. Oder aber: „Weil sie ihren Eltern gefallen wollen, machen Kinder etwas nicht, das sie gerne ausprobiert hätten, und vergeben sich so Chancen.

“ „In der Pubertät ändert sich das in der Regel“, sagt Digitalexperte Haas. „Die jungen Leute wollen nicht mehr überall gesehen werden, sie wollen sich ausprobieren, und sie wollen, dass ihnen dabei vertraut und auch etwas zugetraut wird. “ Spüren sie hingegen Misstrauen, komme es zu einer negativen Verstärkung: „Will ein Teenager nicht, dass er kontrolliert wird, lässt er das Handy im Zimmer und macht trotzdem zehn Häuser weiter Party.

Oder er lässt den Akku absichtlich leer werden, damit der Standort nicht aufscheint.

“ So auch im Fall von Marlene. Die Eltern der 17-Jährigen sind sehr restriktiv. Während des Schuljahres muss sie spätestens um 23 Uhr zu Hause sein. In ihrem Lieblingsclub, der „Passage“, geht da allerdings der Spaß erst los.

Weil sie da auch dabei sein wollte, sagte sie ihren Eltern, dass sie bei einer Freundin übernachtet. Dort ließ sie ihr Handy liegen und zog ganz ohne „digitale Leine“ los. Ein doppelt heikles Unterfangen: „Passiert die Überwachung auf gegenseitigem Konsens, ist das die eine Sache, geschieht sie heimlich, verletzt das die Menschenwürde und Menschenrechte zugleich und artet in immer heftigere Konflikte aus“ – das gelte für Eltern-Kind-Beziehungen gleichsam wie in einer Partnerschaft, sagt Haas.

Mit dem Tracking müsse folglich ein ständiges Abwägen und Neuausverhandeln mit einhergehen: „Die Kinder müssen stets wissen, warum sie getrackt werden; und immer die Möglichkeit haben, zu sagen, dass sie das nicht mehr möchten.

“ Immerhin, erinnert Haas, stamme der Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, nicht aus der Psychologie, sondern aus der Wirtschaft: „Für einen Unternehmer ist es völlig nachvollziehbar, wissen zu wollen, wo der Lkw mit seiner Ware ist, aber ein Mensch ist kein Ding – wird er permanent beobachtet, kommt das einer Entmenschlichung gleich, einer Entindividualisierung. “ Im schlimmsten Fall kombiniert mit einer Diagnose: „Wir haben noch keine dezidierte Bezeichnung, aber jedenfalls befinden wir uns im Bereich der Zwangsstörungen, wenn Eltern nur Ruhe finden können, wenn sie ihren Nachwuchs permanent tracken.

“ Besser sei folglich, die Regel umzudrehen: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

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