Valerie Zehethofer ist Redakteurin für die „Presse“ und das „Presse Schaufenster“ und schreibt dort über Stil, Design, Zeitgeist und das moderne Leben. In Wien geboren, studierte sie Modejournalismus in München, arbeitete für das Modemagazin „Diva“ und leitete das Mode- und Wohnressort der Zeitschrift „Wienerin“, bevor sie zur „Presse“ kam.
Die Rolle der Haut wurde in der Langlebigkeitsforschung lang unterschätzt. Dabei ist sie nicht nur Hülle, sondern wirkt als Teil eines vernetzten Systems auch nach innen.
Gemessen an ihrem Gewicht ist es eigentlich ein kleines Wunder, dass die Haut erst in jüngerer Vergangenheit als wesentlicher Faktor der Langlebigkeitsforschung entdeckt wurde. Und schwer wiegt sie übrigens im doppelten Wortsinn. Denn unsere Hülle, die uns vor der Welt schützt und sie uns gleichermaßen spüren und erfahren lässt, ist tatsächlich ein wuchtiges Ding. Sie kann bis zu zwei Quadratmeter groß sein und macht bis zu zwanzig Prozent des menschlichen Körpergewichts aus.
Rund vier Millionen Rezeptoren sitzen auf ihr und machen die Haut zu einem komplexen Sinnesorgan. Dass sie nach außen hin sichtbar werden lässt, wie viel Leben ein Körper bereits gelebt hat, ist freilich unumgänglich. Anti-Aging-Maßnahmen zielten jahrzehntelang primär darauf ab, die Zeichen der Zeit möglichst zu kaschieren, sind sie erst einmal aufgetaucht. Was aber, wenn man schon vorher ansetzt?
Der aktuell so viel besprochenen Longevity-Bewegung geht es darum, den Körper möglichst lang körperlich und geistig gesund zu halten. Bis ins Innere unserer Zellen und zu den Schutzkappen unserer Chromosomen, den Telomeren, dringt die Wissenschaft dabei vor, um zu analysieren, optimieren und zu reparieren, was diese chemische Fabrik so hergibt. Dabei wurde unsere Verpackung offenbar in ihrer Rolle lang unterschätzt. Denn sie spiegelt nicht nur unseren allgemeinen Zustand.
Sie beeinflusst umgekehrt auch, wie schnell wir altern. Florian Gruber ist Biologe, Genetiker und Hautforscher an der Medizinischen Universität Wien. Er leitet dort die Arbeitsgruppe Skin Biology und das Christian-Doppler-Labor, das sich mit Hautalterung und dem Einfluss von Umweltfaktoren auf die Haut befasst. Auch als Autor widmet sich Gruber der Haut.
In seinem Buch „Die Anti-Aging-Ernährung für die Haut“ übertrug er seine Erkenntnisse zur Zellbiologie bereits in eine Rezeptsammlung. Jüngst veröffentlichte der Biologe mit dem Mediziner und Hormonspezialisten Johannes Huber und der Well-Aging-Expertin Elisabeth Gürtler „Haut und Heilung – Der holistische Mensch und seine Hülle“ . Schon am Titel des Buches zeigt sich, dass hier alles mit allem zusammenhängt.
Lang, so erklärt Gruber im Interview, habe man den Fokus auf die Haut als Grenze zur Außenwelt, auf die Barriere, gelegt.
„Die Haut als integriertes Organ zu sehen, ist ein interessanter Ansatz, der es, der Forschungsrichtung der Longevity entsprechend, zum Ziel hat, Prozesse zu fördern, die der Alterung auf der Zellebene entgegenwirken. “ Heißt: Nicht oberflächliche Symptome allein sollen bekämpft werden, vielmehr werden Ursachen des Alterns vernetzt adressiert und die Haut als Organ anerkannt, das den Körper von innen nach außen und von außen nach innen beeinflusst.
Große Bedeutung kommt dabei den sogenannten stillen Entzündungen zu – unterschwelligen, chronischen Immunreaktionen, die im Körper schwelen, ohne Schmerzen auszulösen. Die Medizin nennt dieses Phänomen, bei dem die Haut entzündliche Signale in den Körper sendet, auch „Inflammaging“. Eigentlich, so Florian Gruber, sind die Signale etwas Sinnvolles.
„Sie melden dem Immunsystem: ‚Achtung, hier ist ein Problem, das beseitigt werden muss! ‘“ Doch je älter wir werden und je weniger gut wir uns um unsere Hülle kümmern, desto weniger funktioniert dieses Schutzsystem. Das Immunsystem schafft den Abtransport nicht mehr, Zellen geraten in einen seneszenten, geschädigten Zustand, degenerieren und werden zu „Zombie-Zellen“. So lässt sich über die Haut-Hirn-Achse folglich erklären, warum entzündliche Hautkrankheiten wie Psoriasis etwa das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimer und andere Formen der Demenz erhöhen können.
Auch zu unserem Darm gibt es eine ähnliche Verbindung. Entzündungen der Haut spürt häufig auch dieses Organ – wird der Darm krank, manifestiert sich das wiederum oft äußerlich.
Darüber hinaus weiß Gruber, der als Hautforscher Kosmetikkonzerne berät, zu berichten, dass in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, in denen früher mit Make-up-Nuancen experimentiert wurde, heute nicht selten Elektroenzephalographie-Ausrüstung zu finden ist. Denn auch die Neurokosmetik bedient sich des Wissens um den ganzheitlich verdrahteten Körper. Die Forschung rund um diese Pflegeinnovation geht davon aus, dass Haut und Nervensystem eng miteinander kommunizieren. Spezielle Wirkstoffe sollen die Nervenenden in der Haut erreichen und Reizungen, Juckreiz sowie die stressbedingte Hautalterung auf diese Weise lindern.
Gleichzeitig sollen sie auch noch die Freisetzung von Signalstoffen stimulieren, die das Wohlbefinden steigern. Weiters, so Gruber, gebe es bereits aussagekräftige Studien darüber, dass spezielle Hautpflege-Routinen nachweislich mit einem positiven Biofeedback einhergehen können und beispielsweise das Stresshormonlevel senkt.
„Es gab in der Studie einen signifikanten Unterschied zwischen Leuten, die sich ohne Anleitung pflegen und jenen, die Produkte in ritualisierter Form aufgetragen haben. “ Sich selbst Gutes zu tun, kann demnach auch die „Health Span“ verlängern, jene Zeitspanne unseres Lebens also, in der wir gesund und fit sind. Geht es nach dem wohl berühmtesten Longevity-Forscher der Welt, dem US-Amerikaner David Sinclair, könnten Alterungsprozesse – auch jene der Haut – vielleicht sogar bald rückgängig gemacht werden.
Sinclair sieht die Ursache für Alterserscheinungen im Verlust epigenetischer Informationen. Epigenetik liest, wenn man so möchte, unsere DNA. Im Laufe eines Lebens wird dieser Mechanismus störungsanfällig. Irgendwann epigenetische Markierungen mittels einer Verjüngungspille resetten zu können, ist seine Zukunftsvision.
Bis dahin wird wohl noch ein Weilchen vergehen, in dem wir uns anderer Mittel bedienen müssen. Florian Gruber rät jenen, die ihre Haut lange gesund erhalten wollen, sich vor der Sonne zu schützen. Eine gesunde Ernährung und Antioxidantien helfen Zellschäden zu vermeiden. Und wer regelmäßig fastet, erleichtert es dem Körper seneszente Zellen abzutransportieren.
Und welche Pflege-Inhaltsstoffe empfiehlt der Profi?
„Die pflanzlichen Flavonoide Quercetin und Fisetin werden bereits in der Hautpflege eingesetzt. Oder Phloretin, das kann man aus manchen Apfelsorten extrahieren. Diese Drei Wirkstoffe bekämpfen die seneszenten Zellen.
Zudem haben wir etwa an einem Extrakt aus roter Kamelie geforscht, der vor den Signalstoffen aus den seneszenten Zellen schützt.
“ Experte: Florian Gruber ist Biologe, Genetiker, Hautforscher und Ko-Autor von „Haut und Heilung – Der holistische Mensch und seine Hülle“ .
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