LGBTIQ+-Personen erleben häufiger Gewalt, doch viele Vorfälle werden aus Scham nicht angezeigt. Beratungsstellen melden steigende Fallzahlen und zunehmende Angst.
LGBTIQ+ -Personen in Österreich sind häufiger von Gewalt betroffen als andere. Laut einer EU-Befragung hat jeder Zehnte bereits einen queerfeindlichen Angriff erlebt. Betroffene berichten von Pöbeleien, Beschimpfungen, Anspucken, sexuellen Übergriffen, Mobbing und brutalen Schlägen. Viele Vorfälle werden jedoch nie angezeigt – oft aus Scham oder aus Sorge, nicht ernst genommen zu werden. In der Öffentlichkeit bekannt gewordene Fälle wie der Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin, die sogenannten Pädo-Hunter oder das mutmaßlich homophobe Tötungsdelikt in Langenzersdorf in Nieder österreich sind nur die Spitze des Eisbergs.
Alltägliche Gewalt und ihre Folgen
Joe Niedermayer von den RosaLila PantherInnen in Graz, der LGBTIQ+-Interessenvertretung in der Steiermark, erzählte im Gespräch mit der APA von einem jungen Mann, der am Heimweg nach einer Feier an der Alten Donau grundlos niedergeschlagen wurde, nur weil er sichtbar queer lebt. Der Verprügelte erstattete keine Anzeige – aus Scham. Niedermayer sagte, genau das sei es, was feindselige Gruppen wollten: So wie früher dürfe es keiner wissen. Aber wenn man sich einschüchtern lasse, hätten sie erreicht, was sie wollen.
Laut den psychosozialen Beratungsstellen wie den RosaLila PantherInnen oder auch Courage aus Wien haben die Meldungen über Gewalt in ihren Konsultationen zugenommen. Johannes Wahala, Leiter von Courage, sagte auf die Frage der APA, ob das in den Gesprächen mit Klientinnen und Klienten Thema sei: Also, ich bin geneigt zu sagen, in fast allen Beratungsprozessen, ja. Besonders betroffen seien Transmädchen bzw. -frauen, die bei ihrer Geburt als männlich eingeordnet wurden, und junge Burschen und Männer, die mit ihrem Aussehen und ihrem Verhalten nicht den männlichen Rollenbildern entsprechen.
Transfeindlichkeit im Fokus
Wahala berichtete, erst gestern sei eine junge Transfrau bei ihm gewesen, die gerade in ihrem Transitionsprozess ist und permanent auf der Straße angepöbelt, angespuckt und angerempelt wird. Das Thema Gewalt sei bei ihnen ein sehr, sehr präsentes und häufiges Thema. Gerade Transmädchen und -frauen hätten es in ihrer Transition schwieriger, da männliche Merkmale wie der Bartwuchs, die Stimme oder die Silhouette oft nicht vollständig geändert werden können. Gerade jene, die sehr spät mit der Hormontherapie beginnen, hätten stärker damit zu kämpfen. Wahala glaubt, dass es schon an der derzeitigen Gesellschaft liege, dass nicht verstanden werde, kein Mann sein zu wollen.
In den Beratungsstellen von Courage sind von jährlich 1700 bis 1800 Klientinnen und Klienten die Hälfte trans. In den Gruppenberatungen bemerkt Wahala vor allem, dass die Angst vor transphober und transfeindlicher Gewalt immer größer wird. Es würden sowohl Jugendliche als auch Erwachsene berichten, dass sie zunehmend von psychischer, verbaler, aber auch körperlicher Gewalt betroffen seien. Ein Drittel der Transmädchen und -frauen hätten ihm zufolge bereits Gewalt erlebt. Joe Niedermayer aus Graz ergänzte, in den letzten 20 Jahren sei das Lesbisch-Schwul-Sein schon angekommen, aber trans sei neu, das akzeptieren die Menschen noch nicht. Es sei ganz viel von der Homophobie an die Transphobie vererbt worden.
Ursachen und Hintergründe
Besonders schlimm ist das für Menschen, die noch so mit sich hadern, dass sie sich noch nicht annehmen können, sagte Wahala. Das tue ihm dann oft im Herzen weh, wenn sie ihm sagen: Na ja, wissen Sie, ich frage mich, vielleicht hat er da recht gehabt, weil ich so bin, wie ich bin. Den Grund für den Hass auf diese Menschen sehen beide Experten einerseits als Folge der Corona-Pandemie, in der nicht nur die Support-Netzwerke weggefallen sind, sondern auch die Hetze im Netz zugenommen hat, sowie in der wieder populär gewordenen rechtskonservativen Politik. Und in den vergangenen Jahren kam es zudem zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen. Und da erleben wir mittlerweile schon fast einen Kulturkampf, sagte Wahala. Corona hat ganz viel beschleunigt, bekräftigte auch Niedermayer. Anonymität sei ein starker Treiber, und von Social Media würde eine Gefahr ausgehen. Die Fälle von sogenannten Pädo-Huntern, die homosexuelle Männer zu einem vermeintlichen Sex-Date gelockt und dann verprügelt haben, hätten diesen Hass in die Sichtbarkeit gebracht.
Ein Großteil der Betroffenen zeigt die Vorfälle bei der Polizei nicht an. Gründe für das Schweigen sind Angst vor weiteren Repressalien, Scham, das Gefühl, dass verbale Übergriffe nicht ernst genug seien, oder mangelndes Vertrauen in Behörden. Die Dunkelziffer dürfte daher hoch sein. Die Beratungsstellen fordern mehr Sensibilisierung und Unterstützung für Betroffene.
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