Mit dem Angriff auf Raiffeisen sorgt Leerverkäufer Grizzly für Aufregung. Wie Wetten auf fallende Kurse funktionieren und warum sie eher nichts für Kleinanleger sind.
Mit dem Angriff auf Raiffeisen sorgt Leerverkäufer Grizzly für Aufregung. Wie Wetten auf fallende Kurse funktionieren und warum sie eher nichts für Kleinanleger sind. Mit der Attacke des US-Leerverkäufers Grizzly Research auf die österreichische Raiffeisen Bank International rücken einmal mehr jene Hedgefonds in den Vordergrund, die mit ihren Wetten auf fallende Kurse Geld verdienen wollen.
Für ein Urteil in dem konkreten Fall ist es noch zu früh. Grizzly, das im eigenen Interesse handelt und von Kursabstürzen der RBI profitiert, gibt einen Zeitrahmen von fünf Jahren aus. Raiffeisen bestreitet alle Vorwürfe und stellte rechtliche Schritte in Aussicht. Was ist passiert?
Grizzly publizierte Mitte September einen Bericht, wonach die RBI über ihre Tochter in Russland unter anderem Gelder in den Iran und Nordkorea schaffen würde. Damit verletze sie die Auflagen der US-Sanktionsbehörde Ofac.
Zudem sei das Russlandgeschäft der Raiffeisen größer als angegeben, und die Bank könnte im Fall eines Verlustes des Kapitals mehr Geld verlieren als von Investoren angenommen. Bevor Aktionäre nun in Schnappatmung verfallen, müssen sie sich bewusst sein, dass Grizzly stark voreingenommen ist und gezielt das RBI-Papier zum Absturz bringen will. Die Firma kann von einem Kurssturz profitieren, weil sie das Institut, wie es in der Börsensprache heißt, „geshortet“ hat. Darunter versteht man vereinfacht ausgedrückt eine simple Wette auf fallende Kurse.
Konkret verkaufen Leerverkäufer wie Grizzly Papiere, die sie eigentlich nicht besitzen. Sie borgen sich die Aktien aus und verkaufen alle oder einen Teil davon am Markt. Wenn der Kurs danach bis zum Zeitpunkt der Rückgabe fällt, kann der Short Seller die Aktie später billiger zurückgeben und erzielt einen Gewinn. Steigt der Kurs, setzt es Verluste.
Und die sind in der Theorie nach oben hin unbegrenzt, weil niemand weiß, wie hoch eine Aktie steigen kann. Häufig werden allerdings nicht die tatsächlichen Aktien gehandelt, sondern Optionsscheine. In welchem Ausmaß und in welcher Form Grizzly mit RBI-Aktien seit Veröffentlichung des Berichts gehandelt hat, ist nicht bekannt. Unmittelbar nach der Publikation stürzte das Papier um mehr als acht Prozent ab.
Es ist möglich, dass der Leerverkäufer diesen Kurssturz sofort genutzt hat, um Gewinne einzufahren. Allerdings bestätigte Grizzly-Chef Siegfried Eggert der „Presse”, dass er die RBI weiterhin zumindest zum Teil „geshortet“ hat. Mittlerweile notiert die Aktie in etwa da, wo sie vor der Attacke lag. Wohl nicht nur innerhalb der Raiffeisenbank waren Leerverkäufer schon einmal beliebter.
Manche Investoren fragen sich, warum derartige Wetten erlaubt sind und was sie für einen Börsenplatz bringen. Auch die Regulatoren weltweit sind bei dem Thema sensibel. Ab und an, etwa während der Pandemie, verbieten manche von ihnen Leerverkäufe. Wenn ohnehin bereits Panik herrscht, können Optionshändler die Stimmung verschlimmern.
Doch die Sache ist kompliziert, und Leerverkäufe haben grundsätzlich auch Vorteile. Sie können Vorboten einer größeren Krise sein. Manchmal decken sie auch Missstände in Unternehmen oder große Skandale auf. Im Fall des US-Energieriesen Enron war es Anfang des Jahrtausends das „Wall Street Journal”, das zuerst Lunte roch.
Wirklich aufgedeckt wurde der gigantische Buchhaltungsbetrug erst, nachdem der Leerverkäufer Jim Chanos eine Vermutung geäußert und die Firma ins Visier genommen hatte. Zudem können Optionsscheine selbst herkömmlichen Anlegern zur Absicherung dienen. Wer etwa einen Großteil seines Kapitals in Aktien investiert, kann einen kleinen Teil des Geldes in Wetten auf fallende Kurse stecken. Kommt es dann zum Crash, ist das Minus im Portfolio kleiner als ohne eine derartige Absicherung.
Es hat schon seinen Grund, warum Leerverkäufe an keinem fortschrittlichen Börsenplatz verboten sind. Trotzdem sollten Investoren, die nicht mit allen Details vertraut sind, eher die Finger von komplizierten Optionsscheinen und Leerverkäufen lassen. Die Wette auf fallende Kurse ist gefährlich. Wenn man auf fallende Kurse setzen will und kein Experte ist, dann eher mit Optionen, bei denen das Risiko auf das eingesetzte Geld begrenzt ist.
Dass Leerverkäufer grundsätzlich eine wichtige Marktfunktion erfüllen, hat die US-Notenbank Fed bereits mehrmals analysiert.
„Leerverkäufer sind nicht das Problem. Sie sind bloß die Boten, die schlechte Nachrichten liefern”, schrieb das Institut 2012. Dabei untersuchte die Zentralbank zwei Momente, in denen viele Regulatoren Leerverkäufe verboten: Im Zuge der Finanzkrise von 2008 und der Eurokrise von 2011. In beiden Fällen haben die Verbote „die Liquidität reduziert und die Kosten für Anleger erhöht”.
Ein Verbot von Leerverkäufen schade einem Börsenplatz, argumentiert die Fed, weil als Folge Positionen nicht abgesichert werden könnten, deshalb generell weniger gehandelt werde und Kursverluste verzögert würden. Wiewohl: Voraussetzung für ein Funktionieren von Leerverkäufen sei die Transparenz eines Marktes. Gelänge es Händlern, bewusst falsche Gerüchte zu streuen, könnten sie Schaden anrichten. An der Wall Street ist das so gut wie unmöglich, weil die Masse gut informierter Händler ein falsches Spiel schnell erkennt.
Leerverkäufer müssen ihre Behauptungen untermauern können. Im Fall von Grizzly soll ein mehrere Dutzend Seiten langer Report als Beweis für die Anschuldigungen gegen die RBI dienen.
Schließlich darf niemand bewusst mit unbelegten Aussagen den Markt manipulieren. Das würde etwaigen Klagen Tür und Tor öffnen. Noch ist unklar, ob Raiffeisen rechtlich gegen Grizzly vorgehen wird. Ein Prozess könnte die Debatte über Leerverkäufe neuerlich anheizen.
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