Krise, Hype und Festival: Wiens Gastro-Szene im radikalen Wandel

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In Wien zelebriert die „Future Food Week“ die Annäherung von Gastronomie und Popkultur mit Hype-Buchteln, Starfleischerinnen und Naturwein-Giganten.

Die vier Elemente des Hip-Hop heißen, in der klassischen Form: Rap, DJing, Graffiti und Breakdance. Allerdings hat Hip-Hop auch schon über 50 Jahre auf dem Buckel, die jugendkulturellen Prioritäten haben sich in dieser Zeit doch ein wenig geändert.

Wer zeitgenössisch popkulturell aktiv sein möchte, braucht keine U-Bahnen zu besprühen und muss sich auch nicht den Rücken verrenken. Die vier Elemente haben ein Update erhalten, sie heißen jetzt: Natural Wine Drinking, Casual Fine Dining, Insta-Posting und Pop-up-Visiting. Restaurants, Weinbars, Spezialitätenläden, Pop-up-Lokale sind im Jahr 2026 entscheidende Umschlagplätze urbaner Coolness. Hypes werden nicht mehr nur um Turnschuhe oder klandestine Rave-Locations gewoben, sondern auch um die Soft Openings von Tacoständen.

Die Gastronomie rückt dem Kulturbetrieb auf die Pelle. Pop will eat itself. Die Basis jedes zeitgemäßen gastronomischen Erfolgs bildet ein stabil verlegter Instagram-Auftritt mit popkulturell anschlussfähiger Corporate Identity. Zwischen Charli xcx und Fried-Chicken-Pop-up passt heutzutage kein Blatt Eisbergsalat mehr.

Die Annäherung von Gastronomie und Kunst ist freilich nicht ganz neu. Ein legendäres frühes Beispiel wäre das Büchlein „Artists’ Cocktails“ des britischen Konzeptkünstlers Ryan Gander, der dafür eine Sammlung klassischer bis gagaistischer Cocktail-Kreationen von Kunstbetrieb-Stars wie Jeremy Deller oder Rodney Graham anlegte. Um Cocktailkultur wird es, unter vielem anderen, auch bei der „Future Food Week“ gehen, die dieser Tage in Wien stattfindet – mit nicht ganz so verwegenem Zugang . Zum Teil spinnt man sich bei dem vom Magazin „Popchop“ veranstalteten Kulinarik-Festival aber auch ganz schön aus.

Der Wiener Vier-Hauben-Koch Lukas Mraz etwa hat für die Future Food Week eine exklusiv beim Boutiquenbrotbäcker Joseph Brot erhältliche Limited-Edition-Buchtel mit Habanero-Marillen-Fülle kreiert. Mraz ist in der österreichischen Küche eine Ausnahmeerscheinung, aber auch ein Schulbeispiel: Wo der 36-Jährige – gern in Begleitung seiner Kollegen von der extravaganten „Healthy Boy Band“, Philipp Rachinger und Felix Schellhorn – auftaucht, braucht es keine Werbekampagnen mehr; die geschmackssicheren Twentysomethings strömen auch so in Scharen herbei.

Hippe Köche sind Publikumsmagneten und zum Teil regelrechte Lifestyle-Brands, mit denen sich Jeansjacken aus Detroit genauso vermarkten lassen wie oberösterreichisches Bier oder japanische Alkopops. Matthias Balgavý, Herausgeber des Kulinarik-Magazins „Popchop“, betont, „eine Brücke zwischen Food- und Popkultur bauen“ zu wollen: „Die Vienna Future Food Week versteht Essen nicht nur als Genuss, sondern als kulturelles Medium und als Ausgangspunkt für Fragen rund um Gesellschaft, Design, Handwerk, Nachhaltigkeit und die Zukunft unserer Esskultur.

“ Unter dem Schirm des gastronomischen Hedonismus sollen auch Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung angeheizt werden. „Ein Mix aus Workshop und Party“ schwebt Balgavý vor.

Insgesamt umfasst die Future Food Week mehr als 40 Veranstaltungen an zehn Tagen, darunter einen Abend mit der Londoner Fleischhauerin Flora Phillips, die sehr eloquent und ausführlich über ihre Liebe zu Lammleber, Kutteln und dem Zerlegen von Rinderschultern schwärmen kann . In Wien wird sie ein Reh-Innereien-Menü zubereiten und auch die gemeinsame Festival-Party der Future Food Week mit der Vienna Design Week bespielen.

Vernetzung ist überhaupt ein wesentlicher Faktor dieser Veranstaltung. Es gibt Events mit dem Forward Festival, dem MAK und der Angewandten, deren „Social Design“-Klasse für ein besonders schönes Future-Food-Ereignis verantwortlich zeichnet: Im „Kirchenschiff“ der Caritas veranstaltet sie ein wöchentliches Volksküchen-Projekt namens „Küchenschiff“, zum Popchop-Event wird das am 8. Oktober mit einem Gastspiel von Café-Caché-Chefin Lisa Machian und einem Live-Set von Patrick Pulsinger.

Außerdem am Programm: Gastköche aus Thessaloniki, Tofu- und Fermentationsworkshops, ein Talk mit dem Design-Studio „fofo“ aus Barcelona, ein Abend mit dem Naturwein-Giganten Christian Tschida oder ein Pop-up mit dem Austro-Berliner Küchenbotschafter Lucas Huemer. Es besteht wenig Zweifel, dass diese Future Food Week auf ein gehöriges Publikumsinteresse treffen wird. Der Zeitgeist will es so.

Allerdings trägt sich das Spektakel in einer schizophrenen Situation zu. Während einzelne Köchinnen, Winzer oder Gastro-Projekte maßgeblichen kulturellen Einfluss haben, leidet die Branche als Ganze am Strukturwandel: Wirtshaussterben, Gastronomenjammer, Konsumflaute. Wie passt das zusammen? Veranstalter Balgavý hat eine Theorie: „Die Menschen werden immer bewusster, was ihre Kaufentscheidungen betrifft.

Weitermachen wie immer funktioniert nicht mehr. Nur durch ein herausragendes Angebot kann man herausstechen. Deshalb gibt es auch viele kleine Lokale, die extrem gut funktionieren, neben den vielen anderen, die massiv leiden, weil sie den Sprung in die neue Zeit nicht gemacht haben.

“ Jump around.schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.

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